Wolfsburg. Wildschweine in Wolfsburg haben offenbar jede Scheu vor Menschen verloren. In Fallersleben verwüsten sie regelmäßig ein Wohngebiet.

So eine Sauerei: Seit einigen Monaten wüten Wildschweine in einem Wolfsburger Wohngebiet. Inzwischen haben sie die Siedlung Lange Stücke fest im Griff und sind in dem Gebiet in Fallersleben weiter auf dem Vormarsch. Die Schäden durch die Rotten in den Grünanlagen sind zum echten Problem geworden – genauso wie die Angst vieler Anwohner. Die Suche nach Lösungen läuft auf Hochtouren.

Man muss es wirklich gesehen haben, sonst kann man es kaum glauben: Am südlichen Ende der Straße Lange Stücke in der Fallersleber Oststadt gibt es in den ansprechend gestalteten Grünanlagen zwischen den gepflegten Mehrfamilienhäusern kaum einen Quadratmeter, den die Wildschwein-Rotten verschont haben. Längst sind die Tiere auch in die Walter-Kollo-Straße vorgedrungen und sogar bis zur DRK-Seniorenanlage mitten im Wohngebiet.

Ein Anwohner fotografierte diese Wildschweine am Rande des Fallersleber Wohngebiets.
Ein Anwohner fotografierte diese Wildschweine am Rande des Fallersleber Wohngebiets. © oh | privat

Wildschweine pflügen Grünanlagen in Wolfsburger Wohngebiet um

Inzwischen summieren sich die Flächen, die die Schwarzkittel vor allem auf der Suche nach eiweißhaltiger Nahrung umgegraben haben – Jäger sprechen vom Aufbrechen des Bodens –, auf einige tausend Quadratmeter. Der finanzielle Schaden dürfte mittlerweile bei etlichen tausend Euro liegen.

Klar, dass etwas passieren muss. Nicht nur zur Sicherheit von hunderten Anwohnern, die zeitweise selbst am hellichten Tag auf die Borstenviecher treffen und sich teils kaum noch aus dem Haus trauen – sondern auch, um dem zerstörerischen Treiben der Rotten ein Ende zu bereiten. Denn durch das Wiederherrichten der Grünanlagen inklusive Spielplätzen kommen auf die Eigentümergemeinschaften enorme Kosten zu.

Betroffene berichten von großen Schäden in Fallersleben

Einer der Betroffenen ist Hans-Werner Schreinecke, der vor rund zwölf Jahren eine Eigentumswohnung gekauft und vermietet hat In einer Mail an unsere Zeitung berichtete er, dass sich die Wildschweine tagsüber östlich des Wohngebiets in den Büschen aufhalten und in der Dunkelheit in die Wohnsiedlung drängen, „um die dortigen Anlagen zu vernichten“. Weiter schrieb er: „Sie durchpflügen den Rasen in einer Form, das muss man einfach gesehen haben.“

Unlängst habe seine Eigentümergemeinschaft zur Schadensbehebung einige tausend Euro aufgewendet, schilderte der Wohnungseigentümer. „Alles umsonst!“ Nun gebe es einen Beschluss, einen Teilzaun im südlichen Teil der Wohnanlage zu errichten, für schätzungsweise 23.000 Euro. „Das wird aber nichts bringen, denn die Tiere kommen dann von Osten oder von Norden“, ist er überzeugt und berichtete: „Vielfach trauen sich die dortigen Bewohner in der Dunkelheit und in der Dämmerung gar nicht mehr aus ihren Wohnungen.“

Jagd auf Wildschweine mitten in Wolfsburger Wohngebiet nicht möglich

Diese Woche trifft sich unsere Zeitung am Ort der Zerstörungen mit Hans-Werner Schreinecke. Er hat einen weiteren Betroffenen mitgebracht: Thorsten Folwerk ist Eigentümer mehrerer Wohnungen, wohnt in der von den Schwarzkitteln heimgesuchten Siedlung, sitzt in den Beiräten von fünf Hausverwaltungen und ist als deren Objektbetreuer angestellt. Die beiden zeigen zunächst eine Wiese zwischen einem Parkplatz und einem Wohnblock. „Die Plätze zum Wäschetrocknen können nicht mehr genutzt werden“, sagt Folwerk.

Gemeinsam gehen wir weiter hinein in die Wohnsiedlung, das Ausmaß der Rasen-Zerstörung wird immer heftiger: aufgegrubberte Grünflächen, so weit das Auge reicht. „Vor etwa zwei Jahren fing das an“, erinnert sich Schreinecke. Folwerk ergänzt: „Die Wildschweine haben komplett die Scheu verloren, das ist die Gefahr. Was passiert, wenn sich Kinder erschreckt fühlen oder Leute mit ihren Hunden auf die Wildschweine treffen?“

Der Jagd auf die Sauen haben die Stadt und der Kreisjägermeister schon im Herbst eine Absage erteilt, wie Ortsbürgermeister André Schlichting bereits im November im Ortsrat berichtete, nachdem eine Anwohnerin über die Wildwest-Zustände in der Oststadt berichtet hatte. Begründung: Im befriedeten Bezirk, also im Wohngebiet, darf nicht gejagt werden – es wäre viel zu gefährlich. Zugesagt hat die Verwaltung immerhin, dass das großflächige Buschwerk zwischen dem Wohngebiet und der nahen Autobahn zurückgeschnitten werden soll, damit die Schweine weniger Deckung haben.

Die Wildschweine haben komplett die Scheu verloren, das ist die Gefahr.
Thorsten Folwerk, Bewohner der Siedlung Lange Stücke

Geschlossener Super-Zaun soll Fallersleber Siedlung schützen

Das wird aber nicht reichen, sind sich die genervten Wohnungseigentümer sicher. „Wir müssen das gesamte Gebiet umzäunen“, konstatiert Thorsten Folwerk. Das sieht auch Hans-Werner Schreinecke so. Deshalb hat er dagegen gestimmt, als seine Eigentümergemeinschaft bereits im Herbst einen Teilzaun beschloss, erzählt er. Folwerk weiß, dass auch andere Gemeinschaften schon Beschlüsse gefasst haben. Er betont: „Wichtig ist, dass bei einem großen Zaun alle mitziehen, auch VW Immobilien.“ Sonst würden die Wildschweine immer wieder Lücken finden, um in der Siedlung zu wüten.

Der Wunsch der beiden Männer wäre eine Art Runder Tisch mit allen Eigentümergemeinschaften und dem Ortsbürgermeister. Doch das wird wohl gar nicht nötig sein: Wie Schlichting am Donnerstag auf Anfrage berichtete, habe es längst ein Treffen gegeben, auch VWI sei mit im Boot. „Alle sind sensibiliert. Aber es braucht jetzt einfach etwas Zeit zur Planung.“

Neuerdings interessieren sich übrigens auch gleich zwei Fernsehsender für die zerstörerischen Wildschwein-Rotten in Fallersleben: Am Dienstag sendete der NDR einen teils auch per Drohne gefilmten Beitrag, in dem unter anderem Thorsten Folwerk und weitere Anwohner zu Wort kommen. Und für die kommende Woche hat sich RTL angesagt.

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