Warmenau. Die Planung des neuen VW-Werks löst bei den Bürgern in Warmenau eine hitzige Debatte aus. Ängste und Sorgen vor noch mehr Verkehr und Lärm sind groß.

Ein warmer Empfang sieht anders aus: Schon vor dem Eingang zum Dorfgemeinschaftshaus Warmenau, wo am Dienstagabend die erste öffentliche Informationsveranstaltung zum geplanten Bau des neuen Trinity-Werks von Volkswagen stattfand, hatte sich eine Bürgerinitiative postiert und auf Tischen ihre Info-Mappen und Unterschriftenlisten ausgelegt.

Kaum einer der knapp 150 Besucher, der nicht stehenblieb, sich die Forderungen durchlas und unterschrieb. Gedrängt wird beispielsweise auf ein Entlastungskonzept für den Baustellenverkehr und Ruhezeiten für den Schienenverkehr.

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Drinnen ging es dann hochemotional und teils extrem hitzig weiter: Es gab immer wieder Zwischenrufe, hämische Kommentare wie „Das ist doch Schwachsinn, was Sie da erzählen!“, „Wo leben Sie denn?“, „Glauben Sie wirklich, was sie uns hier verkaufen wollen?“, boshaftes Gelächter und Kopfschütteln. Es gab Vorwürfe, aber auch Unterstellungen, und es zeigte sich ein allgemeines tiefes Misstrauen gegenüber dem politischen Prozess.

Knackpunkt: der heute schon enorme Durchgangsverkehr

Schnell riss den ersten Warmenauern der Geduldsfaden, bei den Themen Lärmschutz und Verkehr war es dann ganz aus mit der Contenance. Knackpunkte: der heute schon enorme Durchgangsverkehr, Lastwagen, die sich ohne Einhaltung von Durchfahrt-Verboten-Schildern ihre Wege über Feldwege und Anliegerstraßen suchen, die allgemeine Lärmbelastung durch die Bundesstraße und die auf der B188 häufigen Staus.

Allein die Formulierung „Warmenau wird frei von Durchgangsverkehr“ von Oliver Iversen, Leiter des Geschäftsbereichs Straßenbau, brachte die Leidgeplagten auf die Palme. „Schon heute fahren Hunderte Autos und LKW durch unseren Ort. Besonders dann, wenn auf der B 188 Stau und Weyhausen auch noch dicht ist. Dann fährt alles durch Warmenau.“ Die B 188 nannten sie hämisch den „bestbezahlten Parkplatz Wolfsburgs“.

Dass Gutachter Verkehrsgutachten erstellen und dann Lärmschutzmaßnahmen folgen, wollten die Bürger nicht gelten lassen und unterstellten: „Volkswagen rechnet so lange, bis das Ergebnis herauskommt, was VW gerne hätte.“ Sebastian Schmickartz, Gesamtprojektleiter Neue Fabrik Warmenau bei VW, konterte: „Wir schönen keine Zahlen, gehen aber von Maximallast aus.“

„Wir werden jedes verdammte Gutachten zur Einsicht im Internet auslegen“

Und noch ein Vorwurf: „Die Verkehrszählungen der Stadt werden doch im Werksurlaub und nachts um 3 Uhr, wenn keiner fährt, durchgeführt.“ Ein Anwohner meinte: „Sie können die B188 auch achtspurig ausbauen, wenn in Weyhausen alles dicht ist, hilft das nichts.“

Überhaupt nicht einverstanden waren die Warmenauer mit den Planungen zur Kreisstraße 31. „Wir wollen E-Autos bauen und Emissionen einsparen und dann leiten sie die LKWs einmal im Kreis herum? Quasi rund um den Pudding? Das ist doch Verarsche“, schimpfte ein Anwohner. Den Vorschlag, eine eigene Abfahrt auf der Nordseite der B 188 in direkter Anbindung zu realisieren und dann Zufahrtsstraßen parallel zur B 188 unterhalb zu bauen, nahm die Verwaltung als Prüfauftrag mit. „Wir wollen ja mit ihnen sachlich diskutieren und zu Lösungen kommen“, versicherte Stadtbaurat Kai-Uwe Hirschheide.

Silke Lässig, Leiterin der Stadtplanung und Bauberatung, gelang es einigermaßen, die Vorwürfe zu kontern und betonte: „Wir werden jedes verdammte Gutachten zur Einsicht im Internet auslegen.“

Schwerer hatte es Oliver Iversen, Leiter des Geschäftsbereichs Straßenbau, den existenziellen Ängsten der Bürger bezüglich des Verlustes der Lebensqualität, der Belastung durch noch weiter zunehmenden LKW- und Baustellen-Verkehr, Lärm und Emissionen bis hin zur Wertminderung ihrer Eigenheime zu begegnen.

Ebenfalls Thema: die Ausgleichsflächen

Dass einmal bestehender Lärmschutz nur auf Antrag der Bürger für Nachmessungen verändert werden kann, schlug dem Fass den Boden aus. „Sie können gerne einmal eine Woche lang bei mir wohnen“, hieß es aus dem Rund, und: „Schon heute habe ich, wenn ich im Garten sitze und der Wind ungünstig steht, ein ständiges Rauschen im Ohr.“

Ebenfalls Thema: die Ausgleichsflächen. „Wir geben so viel Grün ab. Da wollen wir auch etwas mehr vom Ausgleichskuchen abhaben, da müsst ihr noch mal ran.“ Sorge auch, dass der Osterfeuerplatz, der sehr dicht am neuen Werksgelände liegt, entfallen könnte: „Nehmt uns nicht alles.“

Eine weitere Bitte: Der geplante Lieferantenpark möge gänzlich entfallen. Begründung: Diese Fläche sei das Naherholungsgebiet der Warmenauer, dort würden Kinder spielen und Menschen spazieren gehen. „Dass können Sie mir als Warmenauerin nicht auch noch wegnehmen.“ Wenig Hoffnung, dieser Bitte zu entsprechen, machte Jan Spies, Leiter der Produktionsplanung bei Volkswagen: „Ich kann ihnen Stand heute nicht sagen, ob ich die Fläche benötige oder nicht.“

Seine Ängste über „zunehmenden Verkehr“ in der Nordstadt äußerte ein dort lebender Bürger: „Die Hubertusstraße wird noch mehr belastet als heute schon.“ Er war sich sicher: Alle Planungen bezüglich der zusätzlichen Radwege und Busanbindungen würden dahingehend keine Abhilfe schaffen.

Auch die Flächenversiegelung und die damit einhergehenden Probleme mit Wasser, das versickern muss – gerade bei Starkregen –, bereitete den Menschen Kopfzerbrechen. Marc Heinisch, Lässigs Stellvertreter, versprach: „Das Thema Wasser bekommt bei uns ein Extrakapitel und wird von einer weiteren Expertengruppe bearbeitet.“

Auch eine gute Nachricht gab es: Der Verbindungsweg durch die Feldmark nach Kästorf, der viel von Kindern genutzt werde, um mit dem Fahrrad den Spielplatz im Nachbarort aufzusuchen, soll bleiben.