Auch die Lebenshilfe produziert für VW

Petra Heckl organisiert beim Autobauer in Wolfsburg seit 23 Jahren die Zusammenarbeit mit behinderten Menschen.

Volkswagen und Lebenshilfe. Diese Verbindung erschließt sich nicht sofort. Und doch gibt es sie – quasi per Gesetz. So müssen Unternehmen, die mehr als 20 Mitarbeiter beschäftigen, 5 Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen besetzen – sonst drohen Strafzahlungen, die sogenannte Ausgleichsabgabe. Das gilt auch für Volkswagen. Um die Quote erfüllen zu können, vergibt der Autobauer an seinen deutschen Standorten Aufträge an Werkstätten für Behinderte, darunter die Lebenshilfe. Im Jahr 2016 betrug das Auftragsvolumen nach Angaben des VW-Betriebsrats 19,5 Millionen Euro, die Quote der schwerbehinderten Mitarbeiter bei VW lag demnach bei 7,74 Prozent.

Die Verbindung zwischen Volkswagen und Lebenshilfe bedeutet aber weit mehr als bloße Auftragsvergabe und die Erfüllung von Quoten. Das wird bei einem Besuch der Lebenshilfe in Wolfsburg, dem Stammsitz des Autobauers, rasch deutlich. 500 Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen werden dort beschäftigt, etwa 70 Prozent von ihnen fertigen Produkte für VW. Dazu gehören zum Beispiel Luftausströmer, die im Cockpit sitzen.

Die Tätigkeit bei der Lebenshilfe sorgt für einen festen Tagesablauf

Karin Schur, Vorsitzende der Angehörigenvertretung, erläutert: „Am wichtigsten für die Menschen hier ist, Beschäftigung und eine Aufgabe zu haben. Arbeit steht für Wertigkeit. Für sie ist es erfüllend, sagen zu können, dass sie bei VW arbeiten.“ Die Tätigkeit bei der Lebenshilfe sorge für einen geregelten Ablauf, biete zugleich Schutz und Betreuung. „So werden die Menschen hier leistungsfähiger“, sagt Schur und fügt hinzu: „Jeder bekommt eine Aufgabe und ist so Teil des Ganzen. Jeder hat dieselbe Wertigkeit.“

Das Bewusstsein, für VW zu arbeiten, erzeugt Ehrgeiz. Detlef Vahldiek, Werkstattleiter der Lebenshilfe Wolfsburg, bringt es auf den Punkt: „Wolfsburg ist Volkswagen, wir sind ein Teil davon. Wir sehen uns daher in der Verpflichtung, die gewünschte Qualität zu liefern.“

Qualität ist ein Wort, das häufig bei diesem Besuch fällt. So sagt etwa Holger Boemke, Vorsitzender des Werkstattrates: „Die Beschäftigten sind sehr darauf bedacht, alle Fehler zu finden, wenn unsere Produkte durch die Endkontrolle gehen.“ Der 46-Jährige, der im Rollstuhl sitzt, arbeitet bereits seit 1999 bei der Lebenshilfe in Wolfsburg.

Auf der anderen Seite, bei Volkswagen, koordiniert Petra Heckl die Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Wolfsburg, der Lebenshilfe im benachbarten Gifhorn sowie den Diakonischen Betrieben in Gifhorn-Kästorf. Sie ist die Schnittstelle zwischen den Abteilungen des Autobauers und der Lebenshilfe.

„Ich stehe in Kontakt mit der Entwicklung, dem Einkauf und der Fertigung, von denen ich Anfragen für Aufträge erhalte. Ich kläre dann, für wen der Auftrag geeignet sein könnte“, erläutert sie. Im Anschluss müsse sie die Angebote der Lebenshilfe prüfen. Werde der Auftrag schließlich erteilt, kümmere sie sich um Disposition, Logistik und die für die Produktion erforderlichen Spezialwerkzeuge.

Auch das Material kommt von VW. Erteilt würden die Aufträge über die Laufzeit des jeweiligen Fahrzeugs, für das die Teile gefertigt werden. Im Schnitt seien dies fünf bis sieben Jahre.

Eigentlich sei diese Tätigkeit nichts Ungewöhnliches. „Wir haben aber einen anderen Blick, weil wir mit Menschen mit Behinderungen zusammenarbeiten“, sagt Heckl. Seit 23 Jahren organisiert sie die Kooperation mit der Lebenshilfe. Von Vorurteilen gegenüber den Behinderten ist sie befreit. „Die Menschen sind leistungsfähig und motiviert.“

Schon der Großvater und die Eltern waren bei Volkswagen

Der Lebensweg der 52-Jährigen ist nicht ungewöhnlich in Wolfsburg. Schon ihr Großvater und ihre Eltern haben für Volkswagen gearbeitet. „Ich bin mit VW groß geworden“, sagt Heckl. Selbstredend, dass sie eine Ausbildung bei dem Autobauer anstrebte. „Das war schon etwas Besonderes. Schließlich ist VW der Arbeitgeber in der Region. Wer dort eine Lehrstelle bekam, war privilegiert, weil VW schon damals sehr sichere Arbeitsplätze bot.“

Nach der Ausbildung zur technischen Zeichnerin folgte eine Tätigkeit in der Produktion. Über die Abendschule bildete sich Heckl weiter, wurde Sachbearbeiterin in der Serienplanung für die Montage. 1995 folgte der Wechsel auf ihre aktuelle Position. „Ich sorge dafür, dass die Beschäftigung bei der Lebenshilfe aufrechterhalten wird“, sagt Heckl.

Der Abgas-Betrug und die damit verbundene Unruhe im Unternehmen haben auch sie belastet. „Trotz der Größe ist VW wie ein Familienunternehmen, und jeder ist ein Teil dieser Familie“, beschreibt sie ihre Verbundenheit mit dem Autobauer. Deshalb sei sie nach Bekanntwerden des Betrugs wütend geworden. „Weil das Unternehmen und die Mitarbeiter betrogen und alle ins Chaos gestürzt wurden.“

In den 37 Jahren, die sie für den Autobauer arbeite, habe sie schon etliche Krisen erlebt. „Doch das war ein echter GAU“, sagt Heckl rückblickend. Trotz dieser ausgeprägten Krise habe sie ihre Zuversicht allerdings nicht verloren. „Es gibt schon den Stolz, bei VW zu sein. Deshalb hat die Belegschaft in jeder schwierigen Situation zusammengehalten. Wir haben es immer wieder geschafft“, sagt sie.

Und auch dieses Mal deutet vieles darauf hin, dass Volkswagen das Tal durchschritten hat. Zwar stehen noch etliche juristische Auseinandersetzungen mit milliardenschweren Schadenersatzforderungen an. Wirtschaftlich läuft es aber gut für die Marke VW, weltweit werden die Absatzzahlen gesteigert.

Nicht nur für die Mitarbeiter des Autobauers war der Diesel-Skandal eine einschneidende Erfahrung, sondern auch für die Beschäftigten der Lebenshilfe. Boemke, der Leiter des Werkstattrates, berichtet: „Das war für uns ein großes Thema. Wir haben uns gefragt, wie es weitergeht und uns große Sorgen gemacht.“ Schließlich sei VW der größte Arbeitgeber auch für die Lebenshilfe. Nun seien sie froh, dass es mit VW wieder bergauf gehe. Boemke: „Wir hoffen auf eine gute Zusammenarbeit und bessere Zeiten.“

Werkstattleiter Vahldiek stützt die Aussagen Boemkes. „Die Identifikation der Beschäftigten in der Lebenshilfe mit Volkswagen ist extrem hoch“, sagt er. „Wir leben und atmen mit VW, weil wir die verlängerte Werkbank sind.“ Daher sei die Lebenshilfe stets bestrebt, die Anforderungen von Volkswagen zu erfüllen, „zum Beispiel wenn es um Kapazitäten und Flexibilität geht“. Die Lebenshilfe ist nach Angaben Vahldieks nicht nur ein Zulieferer für Volkswagen. Auch andere Sparten der Lebenshilfe, etwa die Tischlerei und der Garten- und Landschaftsbau, arbeiteten für das Unternehmen .

Die Lebenshilfe ist in alle VW-Prozesse eingebunden

Eine Sonderbehandlung für die Lebenshilfe gibt es laut Vahldiek nicht. Wie andere Zulieferer sei sie in die Prozesse des Auftraggebers Volkswagen eingebunden – von der Logistik bis hin zur Qualitätssicherung. Die Beschäftigten seien reguläre Arbeitnehmer bei der Lebenshilfe.

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