Schlager öffnen die Tür zur Erinnerung in Gardessen

Gardessen.  Frank Lillie betreut in Gardessen seit acht Jahren die Senioren-Gitarrengruppe „Oldies but Goldies" und ist nun für den Gemeinsam-Preis nominiert.

Frank Lillie und die musizierenden Senioren "Oldies but Goldies" aus dem Seniorenheim Haus Metzner in Gardessen im Landkreis Wolfenbüttel.

Frank Lillie und die musizierenden Senioren "Oldies but Goldies" aus dem Seniorenheim Haus Metzner in Gardessen im Landkreis Wolfenbüttel.

Foto: Jörg Kleinert

Wenn die an Demenz erkrankten Menschen singen und sich dabei selbst an der Gitarre begleiten, erinnern sie sich an längst vergessen Geglaubtes. Davon ist Frank Lillie überzeugt. Der Süpplinger ist Alltagsbegleiter im Altenwohn- und Pflegeheim Haus Metzner in Gardessen im Landkreis Wolfenbüttel. Und: Lillie ist Mitgründer des Vereins „Oldies but Goldies“ - eine Gitarrengruppe, der inzwischen jeder Dritte der in der Einrichtung lebenden Senioren im Alter von 65 bis 99 Jahren angehört. Nicht alle sind demenziell Erkrankte. Seit 2012 betreut Lillie, selbst passionierter Akkordeonspieler, das Projekt seiner musizierenden Senioren. Dreimal in der Woche greifen die Bewohner seitdem zur Gitarre und spielen Hitparaden-Klassiker wie „Rot sind die Rosen“ oder „Wir lassen uns das Singen nicht verbieten“.

Für Frontman Lillie handelt es sich um ein Herzensprojekt

2017 gründete Lillie mit einigen Mitstreitern den Verein. Hintergrund: Die „Oldies but Goldies“ waren als eine von drei Initiativen mit dem Förderpreis der Swiss Life Stiftung für Chancenreichtum und Zukunft in Höhe von 10.000 Euro ausgezeichnet worden. Lillie sagt: „Nur als Verein konnten wir das Geld auch annehmen.“ Unter anderem neue Gitarren wurden angeschafft, denn die Senioren-Band wuchs stetig. Auch regionale Stiftungen fördern das Musikprojekt inzwischen.

Für Frontmann Lillie ist die singende Gitarrentruppe bis heute ein Herzensprojekt, das, ginge es nach ihm, gerne über Gardessens Dorfgrenzen wachsen darf. „Mein Ziel ist, das Projekt musizierender Senioren auch in andere Heime zu transportieren, um den Menschen einen schönen Lebensabend zu gestalten“, erzählt Lillie. „Das ist allemal besser, als jeden Tag nur Bingo zu spielen.“ Wissenschaftliche Erkenntnisse würden nämlich belegen, so Lillie, dass das Musizieren den älteren Menschen dabei helfe, geistig, körperlich und sozial fit zu bleiben. „Das Gedächtnis wird durch Musik belebt“, sagt er. „Die Musik ist der Königsweg in der Demenz.“ Denn die musikalische
Biographie sei vom Vergessen weit weniger betroffen als andere Bereiche.

Bei Auftritten der Gruppe leben die Musiker richtig auf

Dem umtriebigen Lillie ist es zu verdanken, dass das Gitarrenprojekt der „Oldies but Goldies“ in Teilen der Region bekannt ist. Wo er kann, rührt der gelernte Zahntechniker die Werbetrommel. Radiosender berichteten bereits, Zeitungen ebenfalls. „Die Auftritte vor Publikum bei Seniorennachmittagen, bei Jubiläumsfeiern oder bei Dorf- und Schützenfesten sind echte Höhepunkte für uns“, sagt Lillie. „Die Musiker leben dabei richtig auf, sie fühlen sich wertgeschätzt.“

Ein anderer Höhepunkt steht noch aus. „Vor vier Jahren habe ich den Bewohnern gesagt, dass wir es noch einmal bis ins Fernsehen schaffen werden“, erzählt Lillie. Fast hätte er Recht behalten. Das ZDF meldete sich, der Sender wollte in diesem Frühjahr einen Beitrag über die musizierenden Senioren für die Doku-Reihe „37 Grad“ drehen. Doch dann kam Corona, Drehtage im Heim waren wochenlang tabu. Lillie und die 37-Grad-Redaktion halten seitdem Kontakt. „Ich glaube nicht, dass es in diesem Jahr noch etwas wird“, sagt der Bandchef, „aber wir bleiben am Ball“.

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