Zwischen den Ackerflächen blüht das Biotop

Cremlingen.  Bei Landwirt Albert Hantelmann sind Eisvögel, Lurche und Schmetterlinge willkommen.

Albert Hantelmann aus Hemkenrode bei Cremlingen pflegt ein Biotop mit verschiedensten Bäumen, Sträuchern und Tieren.

Albert Hantelmann aus Hemkenrode bei Cremlingen pflegt ein Biotop mit verschiedensten Bäumen, Sträuchern und Tieren.

Foto: Reiner Silberstein

Für Landwirte zählt jeder Quadratmeter, jeder verfügbare Krumen Erde wird für den Ackerbau genutzt, wilde Triebe werden weggespritzt – das könnte man vielleicht so meinen, wenn man flüchtig über manches monokulturell angelegte Feld schaut. Dass der Schein oft trügt, dass viele Bauern neben den Nutz- auch die Wildpflanzen lieben und pflegen, das zeigt sich am Beispiel von Albert Hantelmann aus Hemkenrode bei Cremlingen.

„Diese Runde mache ich jeden Vormittag, schon allein um die Vogelfutterstellen zu füllen“, sagt der 79-jährige Senior und steigt auf dem heimischen Hof in seinen VW-Touareg – einen geländegängigen Wagen braucht er für die Tour. Schwiegertochter Anja Hantelmann und der Labrador Asterix kommen mit. Es geht vorbei am Gemeindehaus hinaus aus dem Dorf in die hügelige Landschaft am Rande des Elms. „Das sind alles unsere Felder“, sagt der Landwirt, der 34 Jahre lang auch Bürgermeister der Gemeinde war, „wir sind ja mittlerweile die einzigen im Dorf, die noch wirtschaften.“

Wir fahren an einem Rapsfeld vorbei. Nach links in den Wald käme man zur Lichtung mit dem Wildacker der Familie, wo Albert Hantelmann zwischen Rotklee eine Suhle für das Wild angelegt hat. Aber der Weg führt uns nach rechts zu einer dicht bewachsenen Insel mit Bäumen, leicht zugewuchert, die Abstandswarner des Autos spielen ein Piepkonzert. „Man sieht, was sich die Natur nimmt“, sagt Anja Hantelmann, „sie macht sich hier breit.“

„Das ist unsere Obstmischwiese, die haben wir der Natur überlassen“, sagt der Senior. Und zwar seit mehr als 30 Jahren. Auf und um die frühere Halde des ehemaligen Kalkbergwerks stehen heute Süßkirschen, Zwetschken und vor allem Apfelbäume. „Das ist kein bisschen wirtschaftlich“, versichert der Hemkenroder. Ja, die Familie ernte reichlich und Selbstpflücker dürften sich gegen eine Pauschale bedienen – „aber hauptsächlich stehen die Bäume für die Natur da.“

Vögel bauen dort ihre Nester, Insekten laben sich am Blütennektar, auch die meisten Früchte finden tierische Abnehmer. Die Tiere und Pflanzen sind hier auch schon viel länger am Werk als die Menschen: Immer wieder finden Hantelmanns rund um Hemkenrode Steine mit versteinerten Ammoniten, 260 Millionen Jahre alt.

Wir fahren zurück nach Hemkenrode, durch eine Allee von Bäumen mit alten Apfelsorten, die sich der Wiese anschließt. Wir biegen ab Richtung Klein Veltheim, wieder an einer langen Reihe von Bäumen vorbei. „Die habe ich auch alle selbst gepflanzt“, sagt Albert Hantelmann, „das mache ich gern, habe immer einen Spaten im Auto.“ Das Ergebnis sei im ganzen Dorf zu sehen, nicht nur hier am Wiesenweg.

Die Ableger oder Samen für Linden, Buchen, Büsche und Sträucher holt er aus der Natur. Mit dem Pflanzen allein ist es aber nicht getan: „Die Bäume müssen gegossen werden, sonst gibt‘s keinen Erfolg.“ Manchmal reichen ein paar Milchkannen voller Wasser im Wagen, in trockenen Jahren wie 2018 und 2019 muss der 79-Jährige schon mal Schlepper und Wassertank heranholen. „Die Bäume haben sich schon gewaltig entwickelt.“

Am Wegesrand finden sich auch Haufen mit gesammelten Feldsteinen, die der Hemkenroder extra aufgetürmt hat – so seien sie ein beliebter Platz für Echsen und Lurche, hat er beobachtet. „Die Steine halten die Wärme, und die Tiere haben ein gutes Versteck.“

Auf der rechten Seite, direkt am Ohe-Wald, erreichen wir ein regelrechtes Biotop der Familie, rund einen Hektar groß: „Hier haben wir 1995 einen Teich gebaut. Das war vorher reiner Acker.“ Und es war nicht der schlechteste Boden, den die Landwirtsfamilie dort geopfert hat – „das war bestes Land“, so Anja Hantelmann. Auf dem Acker sei schon früher nicht selten zwischen den Rüben Schilf gewachsen – „ein Zeichen, dass es feucht ist“, sagt der Senior. Und ein Teich habe ihn einfach gereizt, sagt er. Die Fläche habe sich angeboten als Dauerbrache.

Nun gedeiht dort Schilf an einem seichten Ufer, treffen sich die Eisvögel, Wildgänse, Graureiher und Blesshühner zum Picknick – und die Vereine des Dorfes auch mal zum Feiern. Ein Rundweg führt einmal herum, vorbei an Schilf, blühenden Schwertlilien, den verschiedensten Bäumen und Sträuchern, einem Unterstand mit Nistkästen, Insektenhotels, Enten-Futter-Floß und Paddelboot. An der einst am schwersten für Bagger erreichbaren Stelle in der Mitte des Gewässers blieb eine Insel zurück – eine Weide hat sie jetzt mit ihren Wurzel fest im Griff. Am Ufer steht ein Mammutbaum. Den hat der 79-Jährige für Tom eingegraben – das hat er für jedes seiner fünf Enkelkinder getan.

Es ist vortrefflicher Ort, um die Vielfalt der heimischen Tierwelt zu beobachten: „Wo Wasser ist, ist auch Leben, das ist das Schöne.“ Asterix nimmt Anlauf und macht einen beherzten Sprung ins kühle Nass. Durch die Vögel gebe es ein „wahnsinniges Gezwitscher“, aber auch die Frösche machten mitunter einen ohrenbetäubenden Krach. Für Lurche und Molche wurde ein separater flacher Tümpel angelegt. Das Wasser ziehe auch Tiere an, die man auf dem Acker bekämpfen würde, sagt Albert Hantelmann. Aber hier im Biotop haben sie eine Heimat gefunden, sind erwünscht.

Die meisten Tiere kenne er, aber immer wieder müsse er auch mal in einem Buch nachschlagen, wenn ein neues auftaucht. „In der Natur muss man immer wieder dazu lernen.“ Es gibt Karpfen und Rotfedern im Teich. Erstere haben die Hantelmanns einmal ausgesetzt, Letztere seien von allein gekommen – vermutlich haben Enten die Eier aus umliegenden Gewässern eingeschleppt.

Wie viel Zeit die Familie in Obstwiese, Bäumepflanzen, Wildacker und Teich investiert, kann der 79-Jähriger gar nicht genau sagen. „Wie gesagt, meine Tour mache ich jeden Vormittag. Und diese Zeit verbringe ich gern hier. Man merkt, dass es einem guttut.“

Was ist nun besser: Landschafts- und Wildtierpflege aus Eigeninitiative oder ein staatlich gefördertes Programm? Schwiegertochter Anja Hantelmann ist jedenfalls mit den Blühstreifenprogramm für Landwirte weniger glücklich. Denn nicht alle Vorgaben und Fristen seien aus ihrer Sicht sinnvoll: „Bis 31. März muss alles eingesät sein, aber danach kommt ja oft noch Frost. Und nachsäen ist nicht.“ Nun schaut sie sich den viel zu trockenen Boden neben dem Biotop an: Noch nicht eine einzige Pflanze zeigt sich dort. „Mindestens fünf Sorten müssen auflaufen. Fehlen welche, wird die Förderung aberkannt“ – und zwar für das ganze Fünfjahresprogramm, auch rückwirkend.

Das Risiko ist groß, erst recht in Dürrejahren: 600 Euro Agrarförderung sind pro Jahr auf einem Hektar zu verlieren, auf dem normaler Ackerbau 300 bis 400 Euro Gewinn bringen könnte inklusive der Agrarbeihilfe von derzeit noch 175,95 Euro. Hantelmann: „Das schreckt viele Landwirte ab.“ Und Mitte November müssten die Blumen zu 40 Prozent wieder herunter geschlegelt werden, obwohl die Pflanzen den Tieren und Insekten noch eine Zeit lang Schutz und Nahrung bieten könnten, sonst bekomme die Fläche den Status Dauergrünland. „Schwachsinn.“

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