Städtetag warnt vor Versorgungsengpässen bei der Kinderbetreuung

Hannover.  Er fordert daher größere Gruppen in Krippen und Kindertagesstätten. Statt wie bisher maximal 15 Jungen und Mädchen könnten bei Bedarf bis zu 25 Kinder aufgenommen werden.

Die Jungen Theo (l), Mavin (M) und Paul-Ludwig (r) untersuchen in der Kindertagesstätte ·Naturtalent· in Ludwigslust (Mecklenburg-Vorpommern) eine Muschel unter dem Mikroskop.

Die Jungen Theo (l), Mavin (M) und Paul-Ludwig (r) untersuchen in der Kindertagesstätte ·Naturtalent· in Ludwigslust (Mecklenburg-Vorpommern) eine Muschel unter dem Mikroskop.

Foto: Jens Büttner / ZB

Kaum haben Landesregierung und Kommunen ihren Streit um die finanziellen Folgen der gebührenfreien Kindergärten begraben, kocht der nächste Konflikt hoch. Der Niedersächsische Städtetag (NST) warnt vor großen Versorgungsengpässen bei der Kinderbetreuung und fordert größere Gruppen in Krippen und Kitas.

Statt wie bisher maximal 15 Jungen und Mädchen könne man bei Bedarf doch bis zu 25 Kinder aufnehmen, meint der Spitzenverband. Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) lehnt dagegen eine Absenkung dieser Standards strikt ab. Der Ressortchef zweifelt das Zahlenmaterial des NST an, setzt gleichwohl auf einen intensiven Dialog mit Städten und Gemeinden. In einem „Forum frühkindliche Bildung“ will Tonne mit Kommunen und anderen Trägern von Kitas wie Kirchen und Sozialverbänden aktuelle Probleme mit den Akteuren besprechen. Beim Auftakt am 27. August in Hannover soll es nach Informationen unserer Zeitung auch um die konkrete Umsetzung der am 1. August geltenden Beitragsfreiheit vor Ort gehen. Ganz oben auf der Agenda dieser Plattform, zu der das Ministerium auch Jugendämter und Fachschulen eingeladen hat, steht allerdings die Reform der Erzieherausbildung.

Der Städtetag hatte nach einer Umfrage bei seinen 123 von ihm vertretenen Kommunen Alarm geschlagen. 60 Städte beteiligten sich, dort fehlen danach ab August 3658 Plätze in den Krippen, in denen die unter Dreijährigen betreut werden. „Das sind mindestens 244 fehlende Gruppen“, erklärte der Geschäftsführer des NST, der frühere Celler Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende. „Die vom Land angestrebte Versorgungsquote von 35 Prozent reicht bei weitem nicht aus.“

Noch schlimmer fällt der Notstand laut Städtetag-Präsident Ulrich Mädge in den Kindergärten für die über Dreijähren aus: „Unsere Städte und Gemeinden können den Anspruch auf Kindertagesbetreuung nicht mehr sicherstellen“, schimpfte der Lüneburger Oberbürgermeister. Nach seinen Angaben beträgt die Lücke in den 60 Kommunen 2300 Plätze, dies entspreche rund 92 Gruppen. „Das ist ein katastrophales Ergebnis.“ Als Hintergrund nennt der NST neben einer positiven Entwicklung der Geburtenzahlen das flexiblere Einschulungsalter, das ab dem Schuljahr gilt. Viele Kinder blieben dadurch länger in den Kitas. Außerdem zeige der Zuzug einer großen Anzahl von Flüchtlingsfamilien seine Wirkung. Die bevorstehende Beitragsfreiheit verschärfe das Problem, erklärte Mädge. Mehr Eltern würden ihren Nachwuchs jetzt in die Kitas schicken. Die Bedarfsplanung in den Kommunen habe diesen vielen Entwicklungen nicht mehr hinterherkommen können.

Minister Tonne reagierte ungewöhnlich spitz auf die Forderung. Bedarfsplanung sei schließlich eine kommunale Angelegenheit. Fraglich sei zudem das vorgelegte Zahlenmaterial. Der Städtetag solle doch bitte belastbare Daten liefern. „Je konkreter, desto besser.“ Nur so ließen sich die tatsächlichen Ursachen für die Versorgungsprobleme transparent nachvollziehen.

Von der verlangten Flexibilisierung will die rot-schwarze Regierung denn auch nichts wissen. Größere Gruppen erhöhten nicht nur die Anforderungen an die Fachkräfte, sondern führten auch zu einem veränderten Raumbedarf. Das wirke sich „in allen Förderbereichen (Inklusion, Migration, Sprachbildung) nachteilig aus“. Die Opposition sieht sich in ihren Befürchtungen bestätigt, dass die schnelle Einführung der Gratis-Kitas zulasten der Betreuungsqualität gehe. „Eltern, insbesondere Alleinerziehende und Doppelverdiener, bleiben auf der Strecke“, kritisierte FDP-Bildungsexperte Björn Försterling. „Viele Eltern werden im August ohne Betreuungsplatz dastehen, auf die Kommunen könnte eine Klagewelle zurollen.“ Von einem „Chaos mit Ansage“ sprach die Grünen-Abgeordnete Julia Hamburg. „Finger weg von der Gruppengröße. Die Kitagruppen sind bereits zu groß.“

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