München. Schock bei den Pfadfindern. Eine Studie enthüllt jahrelangen Missbrauch im Verband. Die Täter: überwiegend Männer in Machtpositionen.

Mehr als 100 Betroffene und Dutzende Beschuldigte: Eine Studie hat zahlreiche Missbrauchsfälle bei den Pfadfindern in Deutschland aufgelistet – auf 480 Seiten. Das Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) stellte die Untersuchung am Donnerstag in München vor. Mindestens 50 Beschuldigte und 123 Betroffene wurden im Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) identifiziert.

Das Institut in München und das „Dissens – Institut für Bildung und Forschung“ in Berlin führten dazu 56 qualitative Interviews mit 60 Personen durch. Unter ihnen waren 26 Betroffene, 22 Zeitzeugen und Experten. Zudem wurde Aktenmaterial aus verschiedenen Archiven des Verbands gesichtet. Laut BdP handelt es sich um die erste Untersuchung dieser Art in Deutschland, die sich auf einen Jugendverband bezieht.

Missbrauch bei den Pfadfindern: Täter oft männlich und in Machtpositionen

Betroffen sind den Forschern zufolge ebenso viele Mädchen wie Jungen, die Täter sind jedoch fast ausschließlich männlich. Laut der Studie gibt es zwei Prototypen: den älteren, erwachsenen Pfadfinder und den Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, der seine Stellung als Leitungsfigur ausnutzt, um Jüngere sexuell auszubeuten. Die Taten fanden hauptsächlich in den 1980er und 1990er Jahren statt. Immer wieder seien solche Taten auch aufgedeckt worden, jedoch sei „nicht nachhaltig dagegen vorgegangen worden“, sagte IPP-Forscher Peter Caspari.

Beziehe man auch Taten mit ein, die nicht dem Verband und nicht dem exakten Untersuchungszeitraum zugeordnet werden konnten, erhöhe sich die Zahl der Beschuldigten und Betroffenen weiter, hieß es. Der Schwerpunkt der Studie liegt auf den Jahren zwischen 1976 und 2006. Die Forscher gehen von einem hohen Dunkelfeld aus - unter anderem, weil aus einigen Bundesländern überhaupt keine Informationen geliefert worden seien.

Missbrauch bei den Pfadfindern: Fehlende Kontrolle und falscher Umgang

Wie konnten diese Missbräuche jahrelang ohne Konsequenzen geschehen? Die Forschenden sehen strukturelle Risikofaktoren. Dazu gehören mangelnde Kontrolle und Anleitung junger Führungspersonen, Machtasymmetrien, starke Loyalität der Heranwachsenden zu ihrer Pfadfindergruppe und die fehlende Thematisierung von Sexualität und sexualisierter Gewalt. Der Umgang beim BdP mit Betroffenen sei „von Ignoranz geprägt“ gewesen, sagte Caspari: „Die Interventionen waren täterorientiert.“ Der Verband habe sich im Umgang mit dem Thema über Jahrzehnte massiv überschätzt.

Im Gegensatz zu anderen Institutionen, in denen bisher sexualisierte Gewalt per Studien aufgearbeitet wurde, gibt es beim BdP dem Forscher-Team zufolge eine Besonderheit: Junge Menschen, die teilweise selbst von sexualisierter Gewalt betroffen waren, kamen in der BdP-Jugendarbeit in jungen Jahren in Verantwortung – etwa als Gruppenleiter. In diesen Funktionen waren sie dann teilweise selbst mit Fällen sexualisierter Gewalt konfrontiert. Der richtige Umgang damit habe viele überfordert, sagten die Forscher am Donnerstag.

Missbrauch bei den Pfadfindern: Verband bittet um Entschuldigung

Der Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder wurde 1976 gegründet, ist nach eigenen Angaben interkonfessionell und überparteilich und erreicht rund 30 000 Mitglieder. Ziel seiner pädagogischen Arbeit soll es sein, Kindern und Jugendlichen „Gemeinsinn und Verantwortung, Weltoffenheit und Umweltbewusstsein“ zu vermitteln.

Die aktuelle BdP-Bundesleitung nahm nach der Präsentation der Studien-Ergebnisse Stellung dazu. „Wir sind erschüttert, an wie vielen Stellen es dem BdP in der Vergangenheit nicht gelungen ist, seine Mitglieder vor sexualisierter Gewalt und (Macht-)Missbrauch zu schützen“, teilte die BdP-Bundesvorsitzende Annika Schulz mit. „Es wurde geschwiegen, weggesehen.“

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„Wir möchten von ganzem Herzen um Entschuldigung bitten“, sagte Schulz. Sie betonte, dass im Zuge der Studie „keine neuen Täterinnen und Täter“ namentlich bekannt wurden, weil die Studie anonymisiert abgelaufen sei. Sollten Betroffene strafrechtlich relevante und nicht verjährte Fälle zur Anzeige bringen wollen, biete der BdP-Bundesverband seine Unterstützung dabei an.

Betroffenengerechtigkeit stehe für den BdP-Bundesvorstand an erster Stelle, sagte Bundesschatzmeister Dustin Schmidt: „Wir haben Fehler gemacht, es wurde viel versäumt.“ Man wolle Betroffene unterstützen, „auch in finanzieller Hinsicht“.