Berlin. Trotz Verbotes trauten sich in Istanbul einige zur Pride-Parade für LGBTQ-Rechte. Wie in den vergangenen Jahren griff die Polizei ein.

Sie trafen sich an zunächst geheimen Orten, wohl wissentlich, dass Demonstranten in der Türkei regelmäßig im Gefängnis landen. Doch das schreckte die Teilnehmer der Pride-Parade auch in diesem Jahr nicht ab, im türkischen Istanbul die Regenbogenflagge zu zeigen: Am Sonntag zogen hunderte Menschen im Kampf für LGBTQ-Rechte durch die Straßen. Ein heikles Unterfangen – lag doch die Zahl der Festnahmen im vergangenen Jahr Jahr im dreistelligen Bereich.

Bereits am Sonntagmorgen glich die Innenstadt der Bosporus-Metropole einem Hochsicherheitstrakt: Meterhohe Stahlzäune säumten den berühmten Taksim-Platz. Wie auf Fernsehbildern der ARD zu sehen ist, postierten sich unzählige Polizisten auf den Straßen Istanbuls. Gewappnet mit Schlagstöcken, Gasmasken und Schutzhelmen gaben sie den Demonstranten eine Vorahnung dessen, was sie im Laufe des Tages erwarten sollte. Wie als Bestätigung einer ungebrochenen Macht ruhte an einer Straßenkreuzung bedrohlich blinkend ein Wasserwerfer.

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Türkei: Taksim-Platz als Symbol des zivilgesellschaftlichen Widerstandes

Der abgeriegelte Platz, über dem die kleinen rot-weißen Flaggen der Türkei wehen, ist jener geschichtsträchtige Ort, an dem vor zehn Jahren die Macht des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu bröckeln schien. Über Wochen lieferten sich Demonstranten im angrenzenden Gezi-Park teils heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Der Taksim-Platz war zeitweise besetzt. Trotz der gewaltsamen Räumung gilt der Ort noch heute als Symbol des zivilgesellschaftlichen Widerstandes.

Bei der Pride-Parade in Istanbul gab es einige Festnahmen.
Bei der Pride-Parade in Istanbul gab es einige Festnahmen. © Emrah Gurel/AP/dpa

Doch der damals bereits als "Türkischer Frühling" bezeichnete Protest scheint in weiter Ferne zu liegen. Erdogan sitzt fester im Sattel denn je: Zuletzt setzte er sich bei den Präsidentschaftswahlen Mitte Mai in einer Stichwahl gegen Herausforderer Kemal Kılıçdaroğlu durch. Im Wahlkampf legte Erdogan harte Bandagen an – mit der LGBTQ-Bewegung als klarem Feindbild. Mit Aussagen wie: "Wir werden aktiv gegen perverse Tendenzen wie LGBT vorgehen, die unsere Familienstruktur bedrohen", forcierte er die Stimmung gegen Minderheiten im Land.

Erdogan, der sich selbst gern als Landesvater mit starker Hand inszeniert, ist ein Verfechter des traditionellen Familienbildes, bestehend aus Vater Mutter und Kindern: "Denn eine starke Nation setzt eine starke Familie voraus", sagte der Präsident noch im Oktober. Mit LGBT werde angestrebt, die Familienstruktur zu degenerieren. Daher müsse man tun, "was nötig ist."

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Istanbul: Pride-Parade wurde in den vergangenen Jahren verboten

Was aus Sicht des Präsidenten "nötig" zu sein scheint, zeigte sich auch bei der Pride-Parade in diesem Jahr. Bereits mehrere Stunden vor Demonstrationsbeginn trafen sich Protestierende mit Regenbogenflaggen an zuvor geheimgehaltenen Orten. Sie mieden den abgeriegelten Taksim-Platz und wichen stattdessen auf das Nobelviertel Nisantashi aus. Rund 200 Menschen sollen sich dem Zug angeschlossen haben.

Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre werden sich viele Demonstranten keine Illusionen über den Verlauf der Parade gemacht haben: Beflügelt von den Gezi-Protesten versammelten sich 2014 noch 100.000 Menschen auf den Straßen von Istanbul, um für die Rechte von homo-, bi-, transsexuellen und queeren zu demonstrieren. Im darauffolgenden Jahr wurde die Veranstaltung verboten, was die Menschen nicht abhielt, auch weiterhin ihre Meinung auf den Straßen zu äußern. Im vergangenen Jahr endete dies in 200 Festnahmen unter massiver Polizeigewalt.

Und auch in diesem Jahr kamen die Demonstranten nicht weit. Nachdem sie zunächst bunt beflaggt und laut rufend die Straßen zogen, griff die Staatsmacht ein: Immer wieder wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von den schwer uniformierten Polizisten eingekesselt, wie auf Fernsehbildern zu sehen ist. Laut Organisatoren wurden 40 Menschen festgenommen, unter denen sich laut der ARD auch Journalisten befanden. Doch die hässlichen Bilder der letzten Jahre mit Gummigeschossen im Anschlag und prügelnden Polizisten bleiben wohl aus. Wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichten, kam es nicht zu Zusammenstößen oder Polizeigewalt.