Tod durch Corona: Der einsame Leidensweg einer Familie

Vlatten.  Jochen Stephani ist einer von mehr als 9200 Corona-Toten in Deutschland. Seine Frau und Tochter trauern. Das ist seine Geschichte.

Jochen Stephani, hier mit seinem Riesenschnauzer Paco, ist an Covid-19 gestorben.

Jochen Stephani, hier mit seinem Riesenschnauzer Paco, ist an Covid-19 gestorben.

Foto: PrivaT / Privat

  • Jochen Stephani ist einer vom mehr als 9200 Menschen, die in Deutschland seit Beginn der Corona-Pandemie an dem Virus gestorben sind
  • Der 62-Jährige, der bis zu seiner Covid-19-Erkrankung bis auf leichtes Übergewicht und Bluthochdruck gesund war, hinterlässt seine Frau und eine Tochter
  • Nun erzählt seine Witwe Soledad vom Schicksal ihres verstorbenen Mannes – über den Krankheitsverlauf, seine Tage im Krankenhaus und die letzten Stunden von Jochen Stephani

Das Schild hängt noch. „J. Stephani Anlagenbau“ steht da, rot auf weißem Grund. Ein kleines Schild an der Steinwand eines alten Bauernhauses in einem Dorf in der Voreifel, neben einem großen grünen Holztor. Viel Fachwerk gibt es hier, einen Bach, der sich durch das Dorf schlängelt. Es ist ein idyllisches Plätzchen. Nur die Klingel des Eismanns und ein paar spielende Kinder unterbrechen an diesem Sommernachmittag die Stille.

Doch für die Familie Stephani ist die Idylle Vergangenheit. Denn den Mann, dessen Name auf dem Schild steht, gibt es nicht mehr. Jochen Stephani ist tot. Er ist einer von rund 9200 Menschen in Deutschland, die an Covid-19 gestorben sind.

Links neben dem großen, grünen Tor öffnet sich eine kleinere Tür. Soledad Stephani lächelt breit und streckt, Corona-konform, zu Begrüßung ihren Ellbogen zur Begrüßung hin. Sie war mit Jochen Stephani verheiratet, fast 33 Jahre lang. Sie und ihre Tochter Rebecca Stephani wollen erzählen, wie sie ihren Ehemann und Vater verloren haben an das Coronavirus.

Jochen Stephani stirbt an Covid-19 – seine Leidensgeschichte

Zum Gespräch bittet Soledad Stephani in einen Nebenteil des Gebäudes, in einen Raum, wo man mit ausreichend Abstand um einen kleinen Kaffeetisch sitzen kann. Drinnen angekommen, reicht sie als erstes Desinfektionsmittel, für die Hände. Sie ist immer noch vorsichtig. Sie weiß ja, was passieren kann.

Es beginnt Anfang April. Bei Soledad Stephani geht es mit Halsschmerzen los – „ich dachte, weil ich so viel rede.“ Ihr Kiefer wird taub, sie hat Schmerzen, wie in einem Nebel bewegt sie sich durch das Haus, so erzählt sie es rückblickend.

Rebecca, 27 und gerade zuhause, weil die Praktikumsphase an der Uni Corona-bedingt ausfällt, liegt mit Gelenkschmerzen im Bett. Bei Jochen Stephani ist es Fieber, das einfach nicht weggehen will. Nicht als Soledad Suppe kocht, nicht als Rebecca Wadenwickel macht. Dabei war der 62-Jährige eigentlich gesund, sagen Frau und Tochter. Ein bisschen Übergewicht, ein bisschen Bluthochdruck, medikamentös eingestellt. Aber weit entfernt von fragil. Doch das Fieber geht nicht weg.

Irgendwann will Jochen Stephani ins Krankenhaus

Irgendwann sagt Jochen Stephani, er will ins Krankenhaus. Es ist der 14. April, ein Tag vor Soledads 56. Geburtstag, als der Rettungswagen kommt. Selbst da, erzählt Tochter Rebecca, denken sie immer noch, es könne nicht Corona sein. Wo hätten sie sich denn anstecken sollen, in ihrem Haus in einem 900-Seelen-Dorf, das sie nur noch zum Einkaufen verlassen hatten?

„Wir haben sehr aufgepasst, mein Mann war einer der ersten, die vorsichtig waren“, berichtet Soledad. Keine Arbeit mehr, kein Kaffeetrinken mit Freunden. „Gar nichts! Wir waren wirklich nur zuhause.“ Doch der Test im Krankenhaus ist eindeutig: Jochen Stephani hat das Coronavirus.

Während der Vater im Krankenhaus liegt, beginnt mit dem Testergebnis für Soledad und Rebecca die Uhr zu laufen: 14 Tage Quarantäne. Bloß nicht rausgehen, mahnt das Gesundheitsamt, schon gar nicht in die Klinik. Am Tag, als der Vater ins Krankenhaus kommt, telefonieren sie noch. Doch schon am nächsten Abend wird Jochen Stephani intubiert.

Zwei Wochen lang ist Stephanis Zustand stabil – dann verschlechtert er sich

Wie es ihm geht, erfährt die Familie nur noch vom medizinischen Personal. „Wir haben ständig im Krankenhaus angerufen“, sagt Soledad. Zwei Wochen lang ist Jochen Stephanis Zustand stabil, zwei Wochen, während denen seine Familie bangt und hofft.

Als Soledad und Rebecca nach dem Ende ihrer Quarantäne endlich selbst ins Krankenhaus können, haben die Ärzte schlechte Nachrichten. In der Nacht hat sich sein Zustand verschlechtert, es sieht nicht gut aus. „Wir konnten ihn nur durch eine Scheibe sehen“, sagt Soledad. Das Zimmer betreten, den Kranken vielleicht sogar umarmen, ist ausgeschlossen.

Mutter und Tochter fahren wieder nach Hause – und sind noch nicht lange da, als das Krankenhaus erneut anruft. Sie sollen zurückkommen, Abschied nehmen. „Und dann nach Hause. ‚Warten Sie zuhause, wir sagen Bescheid, wenn er tot ist.‘“ Rebeccas älterer Bruder, der in einer anderen Stadt wohnt, kann seinen Vater nicht mehr sehen.

Ein Abschied durch die Glasscheibe

Es ist keine Geschichte, die Soledad Stephani erzählen kann, ohne zu weinen. Der Schmerz ist frisch, er sitzt dicht unter der Oberfläche. Stephani ist ein fröhlicher, ein offener Mensch, trotz allem. Wenn sie ein Wort sucht, sprechen ihre Hände so lange weiter, bis sie es gefunden hat. Sie lacht laut, und sie lacht viel. Doch eine lustige Anekdote über den Verstorbenen kann mit einem Lachen beginnen und einer brechenden Stimme enden.

Aber erzählen will die Familie. Dass Jochen Stephani den „Covid-19-Kampf“ verloren hat, steht in der ersten Zeile der Todesanzeige. „Ich wollte am liebsten schreien, damit es alle wissen“, sagt Soledad. Weil so viele Leute es immer noch nicht glaubten, nicht ernst nahmen. Und weil Jochen Stephani und die anderen Toten im Stillen gestorben sind.

Mehr als 9000 Menschen, die Bevölkerung einer Kleinstadt, einfach weg. Die meisten von ihnen starben im März und April, als das Land zuhause blieb, die Krankenhäuser kaum Besuche erlaubten. Als weniger auffiel, wenn einzelne fehlten, weil sowieso alle hinter Mauern verschwunden waren.

In Tausende Familien wurde durch Covid-Todesfälle ein Loch gerissen

Während das Land erst den Atem anhielt und sich dann dafür feierte, so vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen zu sein, versuchten tausende Familien mit dem plötzlichen Loch in ihrer Mitte umzugehen. Ohne große Trauerfeiern, ohne den Trost von Freunden.

In Vlatten übernahmen Rebecca Stephani und ihr älterer Bruder den Papierkram – alles was anfällt, wenn ein Mensch plötzlich verstirbt. „Ohne Testament läuft gar nichts, das wissen wir jetzt“, sagt sie trocken. Soledad Stephani – deren Kiefer nach Corona immer noch taub ist – versuchte zu verarbeiten, dass der Mann, mit dem sie fast 33 Jahre verheiratet war, nicht mehr da ist.

Die beiden hatten sich Mitte 1980er in Soledads Heimat in Mexiko kennengelernt. Er war einer aus einer Gruppe von Deutschen, die dort waren, um eine Brauerei zu bauen. „So jemanden wie ihn hatte ich noch nie gesehen.“ Es ist große, intensive Liebe, erzählt Soledad. „Er war mein Prinz!“

Soledad Stephani: „Das Fundament ist weg“

Ein großer Mann, stark, körperlich und im Kopf. Einer von denen, die alles können. Soledad ging mit ihm nach Deutschland, erst nach Köln, wo er herkommt, dann aufs Land, nach Vlatten. Gemeinsam renovierten sie das Bauernhaus, in dem die Kinder groß wurden.

Sein Tod reißt eine riesige Lücke in das Leben der Familie. „Das Fundament ist weg“, sagt Soledad. Das Dorf habe sie aufgefangen, sagen Mutter und Tochter. Nachbarn hätten eingekauft, Freunde und Bekannte immer wieder angerufen, sich erkundigt, wie es geht. „Aber von der Stadt, vom Kreis, vom Gesundheitsamt? Die rufen nicht an, da kommt nichts“, sagt Stephani. „14 Tage vorbei? Gut, abgehakt. Die vergessen Leute wie uns.“

Bis auf wenige Anrufe um zu überprüfen, ob die Quarantäne eingehalten wird, habe das Gesundheitsamt sich nicht um die kranke Familie gekümmert, und auch sonst niemand von offizieller Stelle. Dabei hätte es schon geholfen, wenn jemand gefragt hätte, wie es geht, sagt Soledad. Oder ein wenigstens ein Formbrief, „Unser Beileid“, eine Unterschrift, sagt Rebecca. „So ist es, als ob es egal ist, dass hier jemand gestorben ist.“

Es gab „nicht mal eine Schweigeminute, oder irgendwas“

Ein Gefühl, dass ihnen nicht nur die Behörden vor Ort geben. Auch das anhaltende Schweigen zu den Toten schmerzt die Familie. „Im Fernsehen wird die Zahl der Menschen verlesen, die gestorben sind, und das war’s“, sagt Rebecca.

„Nicht mal eine Schweigeminute, oder irgendwas.“ Keine Staatstrauer wie in Spanien oder Brasilien, keine tröstenden Worte vom Bundespräsidenten wie nach schlimmen Unglücken. Keine Anlaufstellen für die Hinterbliebenen. „Das ist ein Versagen“, sagt die 27-Jährige mit fester Stimme. „Wenn die, die gestorben sind, mehr im Mittelpunkt wären, würden die Leute vielleicht mehr verstehen, warum Schutzmaßnahmen notwendig sind. Wenn es nicht nur eine Zahl wäre.“

Es ist Abend geworden in Vlatten, in der Luft hängt der Rauch von brennenden Grillfeuern in den Gärten. Vor vielen Häusern sitzen kleine Grüppchen in der Abendsonne. Sie grüßen die Stephanis, wenn sie vorbeikommen. Soledad, die hier seit 20 Jahren eine Fußpflegepraxis hat, kennt praktisch jeden. Bei einer Gruppe von vier Frauen hält sie an, um Hallo zu sagen. Soledad Stephani streckt ihren Ellbogen aus, zur Begrüßung. Die Runde lacht, als sie das sieht. Jemand sagt, „Wir haben keine Angst.“

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