Harvesse. Mütter und Kinder – Geflüchtete aus aller Welt – tauchen in Harvesse in die Pferdewelt ein. Das ist das Konzept.

Einfach mal für ein paar Stunden raus aus dem Alltag. Durchatmen. Abschalten. Den Stress ausblenden. Zur Ruhe kommen. Wie gut das tut – eingefleischte „Pferdemenschen“ wissen es, manche fassen es in zwei Worte zusammen: „Reiten hilft.“ Das gilt gleichermaßen für den Umgang mit dem Pferd oder Pony.

Diese Erkenntnis wird seit geraumer Zeit auch in der Psychotherapie eingesetzt. In Studien wurde herausgefunden, dass die Begegnung mit dem Pferd elementare Selbst- und Beziehungserfahrungen ermöglicht. Als Fluchttiere verfügen Pferde über eine hochdifferenzierte Wahrnehmung und registrieren kleinste Körpersignale. Durch die Arbeit mit einem Pferd – tiergestützte Therapie –können Menschen verschüttete Ressourcen wiederentdecken und zurückgewinnen. Ein Pferd ermöglicht durch den nonverbalen Dialog mit dem Menschen ein vertiefendes Verstehen der Persönlichkeit. Die Arbeit mit dem Pferd hilft Stabilität und Neuorientierung, Vertrauen und Selbstwirksamkeit nach einem erlebten Trauma zu entwickeln. 

Geflüchtete aus aller Welt in Wendeburg gestrandet

Soviel zur Theorie, wie sie in der Fachliteratur erklärt wird. In der Praxis, in Harvesse, in der Reitschule Mauersberger, sieht das so aus: Lisa, Zahra und die anderen Frauen kommen mit ihren Kindern mit dem Fahrrad oder mit dem Bus nach Harvesse. Sie alle teilen ein Schicksal: Sie mussten aus ihren Heimatländern fliehen, sei es Syrien, Afrika oder die Ukraine.

Und los geht es: Die Mütter führen die Ponys.
Und los geht es: Die Mütter führen die Ponys. © FMN | Bettina Stenftenagel

Was sie hinter sich haben – diese Geschichten zu erzählen, würde die Möglichkeiten der Sprachübersetzer-App in den Smartphones wohl übersteigen. Dass die Frauen und Kinder, die aus der ganzen Welt in Wendeburg gestrandet sind, Schlimmes erlebt haben – keine Frage.

So sind die „Pony-Samstage“ in Harvesse

Was sie im Mutter-Kind-Projekt an den „Pony-Samstagen“ in Harvesse machen, das können die Frauen mithilfe der Smartphone-App und im gebrochenen Deutsch aber ganz gut erzählen. „Wir bürsten und füttern die Ponys“, sagt Lisa, Geflüchtete aus der Ukraine. Sie ist mit ihren zwei Jungs seit zwei Jahren in Wendeburg. „Und wir gehen mit den Ponys spazieren. Meine Kinder und ich, wir sind begeistert.“

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Auch Zahra aus Syrien führt eines der Ponys. Ihr hilft ihr Sohn Mahmoud als Dolmetscher, er spricht schon sehr gut Deutsch. Die Kinder dürfen reiten, die Mütter führen die Ponys. Ob die Zahra auch gern mal reiten würde? Mahmoud übersetzt die Frage. Die Mutter lächelt. „Ja!“

Bei und mit den Ponys zur Ruhe kommen

Sjambina Mauersberger, ihre Mitarbeiterin Jacky Raible, Sozialpädagogin, und Ergotherapeutin Pia Wulfes freuen sich, denn ihr Konzept geht auf: Bei und mit den Ponys der Reitschule Mauersberger können die Frauen und Kinder zur Ruhe kommen, gemeinsam schöne Stunden erleben: Bei so vielen neuen Eindrücken und Aufgaben rund um die Arbeit mit den Ponys ist der Alltag mit seinen Sorgen und Nöten schnell ausgeblendet.

Wobei es nicht nur um die Entspannung geht. Es geht auch darum, dass Mütter und Kinder (wieder) lernen, sich aufeinander zu verlassen, dass die Mütter, die die Ponys führen, einen Anstoß bekommen, auch im Leben wieder die Führung zu übernehmen.

Die Rolle innerhalb der Familie wieder finden

Sjambina Mauersberger weist auf die enge Bindung von Müttern und Kindern mit Flucht-Hintergrund hin. „Sie sind das Einzige, was sie haben.“ Dass sie gemeinsam etwas Schönes erleben, über das sie sprechen können, sei wichtig. Geübt wird bei den Treffen aber auch, dass die Mütter nicht ständig auf ihre Kinder aufpassen müssen, sondern dass sie getrennt etwas unternehmen, wenn auch nur wenige Meter voneinander entfernt: die Frauen hinten im Garten, die Kinder bei den Ponys. Die Kinder dürfen beispielsweise mit Fingerfarben kreativ tätig werden und die Ponys anmalen. Die vierbeinigen „Therapeuten“ sind geduldig, an den Umgang mit Kindern gewöhnt. Schimmel eignen sich wegen ihres weißen Fells besonders für das Farbenspiel. Und einer der Jungs schreibt in kürzester Kurzform auf eines der Ponys, was er von der Aktion hält: „Poni gut.“

Ein Junge des Mutter-Kind-Projekts sagt es so:
Ein Junge des Mutter-Kind-Projekts sagt es so: "Poni gut". © FMN Archiv | Bettina Stenftenagel

Möglich wird das Projekt in Zusammenarbeit mit der Flüchtlingshilfe der Gemeinde Wendeburg und durch finanzielle Unterstützung des DRK-Ortsvereins Wendeburg und Round Table Peine. Sie haben je 2000 Euro gespendet.

Jugendgruppe für Engagement ausgezeichnet

Bereits mehrfach hat das Jugendteam der Reitschule Mauersberger Aktionen, ob kleiner oder größerer Art, für Kinder und Jugendliche rund um den Reitsport organisiert– unter anderen auch für geflüchtete Kinder oder Kinder mit Beeinträchtigungen. Die Jugendgruppe wurde dafür 2022 mit dem Gertrud-Böhnke-Preis ausgezeichnet. Mit diesem Preis, gestiftet von der Peinerin Gertrud Böhnke, werden Einzelpersonen und Gruppen für besonderes soziales Engagement in der Jugendarbeit ausgezeichnet.

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