Peine. Für die Beschäftigten hat es in der Vergangenheit eine „Achterbahn der Gefühle“ gegeben. Nun begründet der Insolvenzverwalter das Ende.

Zwischen Hoffen und Bangen – so lässt sich die Gemütswelt in der Belegschaft des Traditionsunternehmens Peiner Umformtechnik (PUT) mit seinen rund 200 Beschäftigten umschreiben. Eine solche „Achterbahnfahrt der Gefühle“ ist auch kein Wunder nach zwei Insolvenzverfahren, zumal das zweite nun allen Anschein nach mit der Schließung des mehr als 100 Jahre alten Schraubenherstellers enden wird. Dennoch gibt es unter den Mitarbeitern die (leise) Hoffnung, dass „doch noch ein ,goldener Ritter‘ auftaucht“, der die PUT übernimmt und so vor dem Aus rettet – „auch wenn das wohl sehr unwahrscheinlich ist“.

Ein Blick auf die heutige Peiner Umformtechnik (PUT) im Jahr 1950. 
Ein Blick auf die heutige Peiner Umformtechnik (PUT) im Jahr 1950.  © FMN | Stadtarchiv Peine

Ihre Namen wollen die Beschäftigten nicht in der Zeitung lesen – aus Angst vor unangenehmen Folgen. Und die Frage, wie es der Belegschaft geht, erübrigt sich: „schlecht.“ Was irritiert, ist allerdings die Aussage, in der Vergangenheit sei die Belegschaft oft genug auf „Vermutungen“ angewiesen gewesen, „handfeste Informationen“ über den Zustand der PUT habe es viel zu selten gegeben. Das verwundert, denn: 2018 – im Zuge des ersten PUT-Insolvenzverfahrens – ist festgelegt worden, dass die 193 Beschäftigten für die nächsten sechs Jahre freiwillig auf einen Teil ihres Gehalts verzichten (also bis 2024). „Jetzt hoffen wir, das alles vernünftig über die Bühne zu bekommen“, ist von einem Mitarbeiter zu hören, der meint: Die PUT befinde sich im Hier und Jetzt, ein Herumkramen in der Vergangenheit – noch dazu mit Schuldzuweisungen – bringe nun nichts mehr.

Peiner Umformtechnik – nicht gut zu sprechen auf früheren Eigentümer

Gleichwohl ist von einem millionenschweren Investitionsstau bei der PUT die Rede, was darauf schließen lässt, dass in der Vergangenheit nicht (genügend) in die Anlagen des Unternehmens investiert worden ist. Nicht gut zu sprechen sind sie bei der PUT auf den früheren Eigentümer Hanse Industriekapital (IK) mit Hauptsitz in Hamburg, der das Peiner Unternehmen 2018 quasi in die erste Insolvenz geführt habe – gar ist die Rede davon, sie habe die PUT „an die Wand gefahren“. Gleichwohl hat es im zweiten aktuellen Insolvenzverfahren nach den Informationen der Mitarbeiter mehrere mögliche Interessenten für die PUT gegeben.

Historie der heutigen Peiner Umformtechnik (PUT)

1921 Firmengründung in Peine. Firmenname: Norddeutsche Schrauben- und Mutternwerke AG. Damaliges Produktionsprogramm: rohe Schrauben und Muttern, Verbindungselemente für die Eisenbahn.

ca. 1925 Übernahme der Aktienmehrheit durch die damalige Ilseder Hütte, Peine.

nach 1945 Ergänzung des Produktionsprogramms um hochfeste Schrauben und Teile für die Automobilindustrie. Neues Produkt: Schalungsträger für die Bauindustrie.

ab 1953 Erweiterung des Programms für die Bauindustrie: Turmdrehkrane, Lehrgerüste für den Brückenbau. Im Laufe der Jahrzehnte Ergänzung des Turmdrehkranprogramms um Werftkrane, Umschlag-krane für Stück- und Massengut in See- und Binnenhäfen, Containerumschlaggeräte, Lastaufnahmemittel wie Greifer und Spreader, Übernahme des Turm- und Mast-Programms Steffens & Nölle, Berlin.

Gründung von Vertriebsgesellschaften in Frankreich, England und USA. Übernahme der Firma Wetzel Kranbau, Trier (dann Peiner Hebe- und Transportsysteme GmbH) und Kocks Bremen (dann Salzgitter Kocks GmbH).

Es existieren inzwischen drei Werke in Peine: Werk 1 Schrauben (heutige PUT), Werk 2 Woltorfer Straße 74 (heute BGE/Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH, Oskar-Kämmer-Schule) und Werk 3 Am Stahldorf (u.a. heutiger Standort des Schraubenlagers).

ca. 1963 Umfirmierung in Norddeutsche Maschinen- und Schraubenwerke AG.

ca. 1965 Umfirmierung in Peiner Maschinen- und Schraubenwerke AG (Kurzform: Peiner AG).

1970 Im Zuge der Fusion der Salzgitter Hüttenwerke AG mit der Ilseder Hütte kommt die Peiner AG zum Salzgitter-Konzern.

1986/87 Umstrukturierung der Peiner AG: Der Kranbau und der Turm- und Mastbau sowie Service- und Montage-Bereiche kommen zur Noell-Gruppe, der Bereich Greifer zur Salzgitter Maschinen- und Anlagen AG. Der Bereich Schrauben (Werk 1) wird rechtlich verselbstständigt unter dem Namen PEINER Umformtechnik GmbH und der damaligen Salzgitter-Tochter Kloth-Senking Metallgießerei GmbH in Hildesheim als Tochtergesellschaft zugeordnet (Kloth-Senking wurde einige Jahre später vom Salzgitter-Konzern (Salzgitter AG) an den Thyssen-Konzern verkauft).

1990 Im Zuge der Übernahme der Salzgitter AG durch die Preussag AG kommt die PEINER Umformtechnik GmbH zur Preussag-Gruppe.

1998 Die PEINER Umformtechnik GmbH wird vom US-amerikanischen Konzern Textron übernommen und in den Unternehmensbereich Textron Fastening Systems-Automotive Group Germany integriert.

2006 Die PEINER Umformtechnik GmbH wird von der Indischen TVS-Gruppe übernommen und in den Unternehmensbereich SFL-Sundram Fasteners Ltd. integriert.

2009 Aus der Kostenstelle Lager/Logistik wird die PEINER Logistik GmbH (kurz: PLG) gegründet.

2010 Im Juni erfolgt die Umfirmierung von PEINER Logistik GmbH in TVS PEINER Services GmbH.

Die Abteilungen Vertrieb, Marketing, IT und Einkauf werden organisatorisch von der PEINER Umformtechnik GmbH in die TVS PEINER Services GmbH „umgeswitcht“.

Gründung der PEINER Grundstücks GmbH.

2016 Im April werden die PEINER Umformtechnik GmbH, die TVS PEINER Services GmbH und die PEINER Grundstücks GmbH an die Hanse Industriekapital GmbH (Hamburg) verkauft.

2016 bis 2018 Gesellschafter ist die Hanse Industriekapital GmbH

12.3.2018 „Stunde Null“……die PEINER Umformtechnik und die TVS PEINER Services GmbH melden am die Insolvenz in Eigenverwaltung an. Die Hanse Industriekapital GmbH ist somit „raus“ und hält nur noch die PEINER Grundstücks GmbH.

1.9.2019 „Neustart“ der PEINER Umformtechnik GmbH – 2.0 unter dem neuen Eigentümer PEINER Treuhand GmbH (Herrn Dr. Wolf von der Fecht/Düsseldorf).

Die neue PEINER Umformtechnik GmbH wird als – derzeit für diese Unternehmensgröße einzigartig – „Mitarbeiter-Lösung“ geführt! (Die alte PEINER Umformtechnik GmbH und die TVS PEINER Services GmbH werden insolvenztechnisch „abgewickelt“.)

1.9.2019 bis heute PEINER Umformtechnik GmbH – 2.0.

Als Insolvenzverwalter ist das Unternehmen „Eckert Rechtsanwälte“ in Hannover aktiv geworden, im Namen dieser Kanzlei lobt Dr. Rainer Eckert: „Zunächst ist es uns mit der Geschäftsleitung und den sehr engagierten Mitarbeitern gelungen, den Geschäftsbetrieb der Peiner Umformtechnik auch nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens bis zum jetzigen Zeitpunkt – unter anderem durch das Vorziehen von bereits platzierten Aufträgen – kostendeckend fortzusetzen.“ Dies habe es möglich gemacht, „intensive Gespräche mit dem letzten noch verbliebenen Interessenten für die Übernahme des Geschäftsbetriebs zu führen“. Eckert bedauert: „Leider sind diese Verhandlungen aus verschiedenen Gründen gescheitert und eine Übertragung des Geschäftsbetriebs auf einen Investor nicht umsetzbar.“

Peiner Umformtechnik – „nicht mehr kostendeckend“

Der entscheidende und zugleich niederschmetternde Satz des Insolvenzverwalters lautet: „Eine mittelfristige kostendeckende Fortführung des Betriebs ist ausgeschlossen, so dass ein Ausproduktionsszenario unvermeidlich ist.“ Will sagen: Die PUT muss schließen. Die noch vorhandenen Aufträge werde die Peiner Umformtechnik bestmöglich abarbeiten, die Arbeitsverhältnisse seien unter Wahrung der gesetzlichen Fristen zu beenden.

Eckert zufolge ist von einer Stilllegung der PUT Ende August auszugehen – der Jurist versichert: „Bis zuletzt haben wir mit der Geschäftsführung, dem Betriebsrat, der Industriegewerkschaft (IG) Metall und dem Übernahme-Interessenten sämtliche Möglichkeiten ausgelotet, um tragfähige Lösungen für die PUT zu erzielen – leider erfolglos.“ Eckert kündigt an, mit der IG Metall, dem Betriebsrat und der Bundesagentur für Arbeit „alles daran zu setzen, damit die PUT-Mitarbeiter sehr schnell nach Beendigung der Tätigkeit bei der Umformtechnik ein neues Arbeitsverhältnis antreten können“. Vorgespräche dazu hätten bereits stattgefunden.

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Schrauben der PUT befinden sich unter anderem im Luxus-Hotel Burj al Arab in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate), im Chadstone-Shopping-Center in Melbourne (Australien) und im Baumwipfelpfad in Bad Harzburg.

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