Peine. Beim „Rudelgucken“ ist die Luft raus. Wer hat im Kreis Peine dennoch ein „EM-Studio“ im Verein, im Garten, auf dem Hof, in der Kirche?

Das Schöne am Fußball ist doch, dass man davor und danach so viel darüber reden kann. Eigentlich auch während der Spiele, wenn sie mal wieder extrem langweilig sind oder sonstigen Redebedarf wecken. Man kann auch darüber reden bzw. schlaumeiern, ob Public Viewing wirklich im Deutschen nur mit „öffentliche Leichenschau“ übersetzt werden muss, machen wir hier aber nicht.

Hier geht es um einen Trend, der offensichtlich keiner mehr ist: das gemeinsame Schauen von Fußballspielen großer Turniere, also EM oder WM, vor riesigen Schirmen mit modernster TV-Technik, in möglichst großen Menschenmengen auf öffentlichen Plätzen draußen.

Bunt war‘s! WM 2014 in Brasilien, Deutschland gegen die USA (1:0), Public Viewing im Stadtpark Peine (Archiv).
Bunt war‘s! WM 2014 in Brasilien, Deutschland gegen die USA (1:0), Public Viewing im Stadtpark Peine (Archiv). © Grohmann, Arne

Mit dem Sommermärchen 2006 trauten sich die Deutschen was

Die Geburtsstunde war in Deutschland wohl „das Sommermärchen“, also die Fußball-WM 2006, bei der Deutschland völlig unerwartet bis ins Halbfinale kam und mit frischem und jungem Fußball („Poldi & Co.“) den „Rumpelfußball mit typisch deutschen Tugenden“ endlich vergessen ließ.

Wie so oft in Deutschland, passten wir auf uns selbst auf, und machten das, was Deutsche eben so tun, wenn sie etwas Neues machen: Wir diskutierten, ob es angemessen ist, Deutschland-Trikots zu tragen und Flaggen zu schwenken. Kaum zu glauben, aber bis dahin war das bei uns keine Selbstverständlichkeit, teilweise sogar verpönt. Patriotismus zeigen? Macht(e) man nicht, es könnte ja Nationalismus sein!

Und während wir uns bei der Farbenfrohheit zunächst zart, dann aber gewaltig an die in anderen Ländern längst üblichen Standards annäherten, versammelten wir uns auf einmal nicht mehr in den heimischen Wohnzimmern, um im Familienkreis das Spiel zu gucken. Nein, wir gingen raus und machten Public Viewing. Alkoholleichenschau und optische Entgleisungen in der Öffentlichkeit inklusive.

Eintritt für Public Viewing, abgegrenzte Bereiche, großes Gedränge, hoffen auf „Miro“

Der Trend steigerte sich mit den folgenden Turnieren noch. Public Viewing war so angesagt, dass man sogar dafür Eintritt nehmen konnte, sich in enge, umzäunte, öffentliche Bereiche zu zwängen, sich vorher durchsuchen zu lassen und sich für überteuertes Bier anstellen zu müssen. Nur, um mit vielen anderen, auf besonders in den Anfängen eher mäßigen „Screens“ bei praller Sonne verzweifelt zu sehen, ob Miro Klose das Ding reinmacht oder nicht.

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Aber dann gingen Deutschlands Erfolglosigkeit bei großen Turnieren und Corona eine unschöne Allianz ein. Große Gruppen, Geschrei, dicht an dicht. Das war einfach nicht mehr angesagt. Es folgte der Rückzug in private EM- oder WM-Studios mit der individuellen Idealzusammenstellung bei der Auswahl der Teilnehmer, Getränke und Speisen. Dazu natürlich das beste Bild mit dem fettesten Sound auf inzwischen übergroßen heimischen TV-Geräten.

So sieht es zur Fußball-EM 2024 in Peine aus mit Public Viewing

Langes Vorspiel, langer Anlauf über die Außenbahn. Nun zur Frage, war es das, auch im Kreis Peine? Das scheint so zu sein.

Wir fragten bei der Stadt Peine nach, ob ein Public Viewing zur diesjährigen Fußball-EM (14. Juni bis 14. Juli in Deutschland) zum Beispiel wieder im Peiner Stadtpark, geplant ist. Die Stadt verweist auf Peine Marketing.

Da ging‘s ab! 30. Juni 2006, Berlin: Tausende Zuschauer verfolgten auf der Fanmeile am Brandenburger Tor in Berlin das WM-Fußballspiel zwischen Deutschland und Argentinien.
Da ging‘s ab! 30. Juni 2006, Berlin: Tausende Zuschauer verfolgten auf der Fanmeile am Brandenburger Tor in Berlin das WM-Fußballspiel zwischen Deutschland und Argentinien. © dpa | Marcel Mettelsiefen

Für Peine Marketing beantwortet Geschäftsführerin Anja Barlen-Herbig die Frage so: „Wir werden kein Public Viewing veranstalten.“ Der Grund: „Durch die Förderprogramme zur Stärkung der Innenstadt von Peine haben wir eine Vielzahl von Projekten umzusetzen – zusätzlich zu unseren Großveranstaltungen.“

Achtmal gab es schon Public Viewing in Peine, am Ende kamen zu wenige Zuschauer

Auch Anja Barlen-Herbig blickt zurück: „Der deutschlandweite Trend entstand 2006 mit der Fußball-Weltmeisterschaft – damals startete man auch in Peine mit entsprechenden Veranstaltungen; bis 2018 wurden von Peine Marketing insgesamt 8 Public Viewing Events durchgeführt. Gestartet ist man mit 3500 bis 4000 Besuchern pro Spiel, insgesamt 15.000 bis 18.000 Zuschauer. Über die Jahre flachten das Interesse und die Besucherzahlen ab, es kamen pro Spiel zwischen 250 und 500 Menschen – insgesamt 1000 Zuschauer, sodass das Event auch finanziell nicht mehr darstellbar war.“

Einbruch wegen Corona wieder aufgeholt bei Veranstaltungen

Corona sei für alle Großveranstaltungen eine Zäsur gewesen. Anja Barlen-Herbig, die glaubt, dass England gute Chancen hat, Europameister zu werden, sagt: „Bei unseren Veranstaltungen sehen wir jedoch, dass das Interesse nach schönen Veranstaltungen durch den Verzicht während der Corona-Pandemie wieder auf das alte Niveau gestiegen ist, wenn nicht sogar höher ist.“

Melden Sie Ihr EM-Studio an unsere Peiner Redaktion!

War es das mit dem Public Viewing bei uns? Wer hat dennoch ein öffentliches Angebot, um gemeinsam Spiele der Fußball-EM schauen zu können. Stellen Sie Ihr EM-Studio vor, wir veröffentlichen es. Einfach E-Mail an redaktion.peine@funkemedien.de, Stichwort „EM-Studio 2024“.

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