„Tyrannei der Normalopathen“

Braunschweig  Der Psychiater Manfred Lütz wirft bei der Feier zum 25. Jubiläum der Psychiatrie-Akademie die Frage auf, ob wir die Falschen behandeln.

Psychiatrie kann durchaus lustig sein. Das belegte der Psychiater und Kabarettist Dr. Manfred Lütz am Mittwochabend in seinem Vortrag anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Psychiatrie-Akademie Königslutter mit einer Fülle amüsanter Anekdoten aus dem psychiatrischen Alltag. Er sei nicht als Psychiater da, versicherte er dem Publikum. „Sie dürfen also ruhig gestört gucken. Ich merke das jedenfalls nicht.“

Die lockere Art des Referenten kam beim Publikum im voll besetzten Medienhaus unserer Zeitung gut an. Lütz erntete nicht nur jede Menge Lacher, sondern immer wieder auch Beifall.

Denn die humorvolle Form übermittelte durchaus auch eine ernste Botschaft. „Eines Tages, nach einem langen Arbeitstag mit sensiblen Schizophrenen, erschütternd Depressiven und hinreißenden Manikern, sah ich in der Tagesschau einen Aufmarsch von Kriegshetzern, rücksichtslosen Diktatoren und Egomanen. Da stellte ich mir die Frage: Behandeln wir eigentlich die Falschen?“

Denn Normale würden deutlich häufiger straffällig als psychisch Kranke. Die größten Verbrecher seien nicht verrückt gewesen. „Hitler war nicht verrückt. Sonst hätte man den Zweiten Weltkrieg ja mit Neuroleptika und ein bisschen Ergotherapie verhindern können“, so Lütz. Menschen wie Hitler und Stalin als verrückt zu bezeichnen, sei eine Diskriminierung psychisch Kranker.

Ähnlich sei es mit Narzissmus, der als Schimpfwort für eitle, selbstherrliche Menschen missbraucht werde. „Donald Trump ist kein Narzisst. Das ist eine schwere psychische Störung, die zum kompletten sozialen Rückzug führen kann. Trump ist schlicht vollkommen unmoralisch, und das ist keine Krankheit.“

Ein Problem seien auch Trenddiagnosen wie Burnout. Dahinter verstecke sich häufig eine Depression. „Das ist schlimm, aber heilbar“, sagt Lütz. Darüber hinaus sei Burnout aber zum Marketingbegriff geworden, um Gesunden eine Therapie verkaufen zu können. „Der Chef sagt: ,Könnten sie morgen mal pünktlich zur Arbeit kommen?‘ Und die Reaktion: Sofort Burnout!“

Auch Krisen wie der Tod des Lebenspartners seien kein Fall für den Psychiater, sondern sind die „gesunde psychische Reaktion auf eine schreckliche Situation.“ Und da brauche man keinen Therapeuten, sondern einen guten Freund mit Lebenserfahrung. „Woher sollen Psychiater die haben? Wir haben schon auf dem Schulhof nie mitgespielt, weil wir den Numerus clausus erreichen mussten.“

Lütz ist sicher: Nicht die Häufigkeit schwerer psychischer Krankheiten habe zugenommen, sondern das Marketing dazu. Doch weil die Falschen behandelt würden, sei die Versorgung der wirklich Schwerkranken schlechter geworden. Dabei habe die Psychiatrie enorme Fortschritte gemacht. Sie sei die erfolgreichste medizinische Disziplin der vergangenen 70 Jahre: „Wir haben die Liegezeiten von durchschnittlich sechs Jahren auf drei Wochen reduziert.“ Trotzdem herrschten noch immer erschreckende Vorstellungen von Psychiatrie vor – von vergitterten Fenstern und Zwangsjacken. Gegen solche Zwangsmaßnahmen demonstrierte am Mittwoch auch eine Gruppe vor dem Medienhaus. Lütz bezeichnete in seinem Vortrag solche Kritik als erwünscht und berechtigt. Der Einsatz von Zwang müsse streng überwacht werden, sei aber manchmal nötig.

Psychisch Kranke zeigten uns eine liebenswürdige, bunte, andere Welt – neben der „Tyrannei der Normalopathen“. Dabei sei das Normale nur der Hintergrund, von dem das Außergewöhnliche sich abhebe. „Die Psychiatrie wurde erfunden, weil Menschen unter ihrer Außergewöhnlichkeit gelitten haben. Deswegen haben Leute Diagnosen erschaffen, um diesen Menschen zu helfen.“ Letztlich sei es aber die Außergewöhnlichkeit, an die man sich bei einem Menschen erinnere.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (15)