Kommentar

Vertrauen kostet

Redakteur Dirk Breyvogel

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann hat in diesen Tagen als Corona-Krisenmanagerin eigentlich genug zu tun. Jetzt muss sie auch noch mit Misshandlungsvorwürfen in einem Celler Pflegeheim umgehen. Reimann kündigte Aufklärung an und sprach mit Blick auf die mittlerweile entlassenen drei Mitarbeiter von „schwarzen Schafen“. Eine pauschale Verurteilung der Branche sei aber nicht gerechtfertigt.

Das wird vermutlich niemand in Frage stellen, denn Staatsanwaltschaften ermitteln ja nicht auf blauen Dunst wegen des Verdachts auf Freiheitsberaubung und Körperverletzung. Es muss in Celle einen Exzess der Abscheulichkeit gegeben haben, der das Maß der schon lange diskutierten Missstände in deutschen Pflegeheimen weit übertrifft. Die Politik sollte es sich aber auch nicht zu leicht machen, sondern gerade im Umfeld der Corona-Krise auch dieses menschenverachtende Beispiel zum Anlass nehmen, die Situation in der stationären Pflege neu zu bedenken. Die Zeit der Ankündigungen muss endlich vorbei sein. Dabei geht es nicht um die Errichtung eines Prangers, sondern um nachhaltige Veränderungen. Es geht um das Recht auf ein würdevolles Altern der Bewohner, um Vertrauen und Sicherheit für die Angehörigen und um die, die das alles leisten müssen. Wenn Mitarbeiter in deutschen Alten- und Pflegeheimen endlich – entsprechend ihrer Verantwortung für die Gesellschaft – bezahlt werden, kann das der Anfang vom Ende der Verwaltung der bestehenden Missstände sein.

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