Kommentar

Mortimers Rache

„Viel zu lange wurde aus Kostengründen auf Ausbesserungen verzichtet. Das Wetter trägt daran keine Schuld.“

Redakteur Dirk Breyvogel

Der erste Herbststurm des Jahres, dessen Name wie ein höflicher Diener im Hause eines britischen Adeligen klingt, zeigte sich ziemlich widerborstig. „Mortimer“ wirbelte den Norden Deutschlands kräftig durcheinander. Die Schäden waren auch in unserer Region zu spüren. Und das massiv. Besonders traf es wieder einmal den Bahnverkehr. Tausende Reisende mussten sich auf Verspätungen und Zugausfälle einstellen.

Wieder einmal – so muss man es leider sagen. Beim Kunden muss mittlerweile der Eindruck entstehen, dass der Staatskonzern Bahn immer öfter in Schwierigkeiten gerät, wenn sich das Wetter außerhalb gewisser Normbereiche bewegt. Ist es in Deutschland kälter und frostiger als vorhergesagt, frieren die Weichen ein, und die Oberleitungen müssen enteist werden. Steigen die Temperaturen in Höhen, in denen Schulen früher noch hitzefrei gaben, geben die Klimaanlagen ihren Geist auf. Bläst es ungemütlich – stürmt es gar – dann fallen Bäume auf die Gleise und zwingen Lokführer zu Notbremsungen. Die Bahn ist in der Wahrnehmung vieler Menschen immer öfter das angemessene Transportmittel bei der Verbesserung des ökologischen Fußabdrucks. Die steigende Zahl der Reisenden belegt das. In Zeiten, in denen die grüne Wende in der Autoindustrie bei den einen erst angebrochen, bei den anderen noch gar nicht entschieden ist, muss sich der Konzern seiner Verantwortung stellen. Ein Investitionsprogramm darf die Bahn nicht nur ankündigen, sondern muss es zügig umsetzen. Aktuell wird an neuralgischen Stellen im Streckennetz gebaut. Das ist richtig, will man die Zukunft meistern. Viel zu lange wurde aus Kostengründen auf Ausbesserungen verzichtet. Dass dieses Kaputtsparen langfristig mehr Nach -als Vorteile bringt, haben die Lenker des Konzerns offenbar verstanden.

Hoffentlich ist es nicht zu spät. Verspätete Züge, übervolle Abteile und geänderte Wagenreihungen: Diese Laufbandanzeigen auf Bahnhöfen stellen gefühlt die Regel und nicht die Ausnahme dar. Der Frust der Kunden ist allenthalben zu spüren. Das Wetter trägt daran eigentlich keine Schuld.

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