Braunschweig. Der Patronengurt eines 1896 von deutschen Truppen hingerichteten Stammesführers soll restituiert werden. Seine Geschichte ist bewegend.

Eine lange, traurige, verwickelte Geschichte könnte noch zu einem guten Ende kommen. 1896 wurde der legendäre Anführer des Stammes der Ovambanderu, Kahimemua Nguvauva, in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika nach einem Aufstand hingerichtet. Nun soll sein Patronengurt, der ihm damals genommen wurde und sich heute in der Sammlung des Städtischen Museums Braunschweig befindet, in sein Herkunftsland zurückkehren – auch wenn die Eigentumsverhältnisse rechtlich nicht ganz klar sind. Dafür sprechen sich Museumsdirektor Peter Joch und Kulturdezernentin Anja Hesse aus. Das vorerst letzte Wort hat der Rat der Stadt in seiner Sitzung am 11. Juni.

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Rückblick: Der aus Braunschweig stammende Händler Gustav Voigts (1866-1934), der 1896 als Reserveoffizier dient, nimmt Kahimemua nach seiner Gefangennahme unter anderem den Patronengurt ab. Voigts bringt das Stück nach Braunschweig und übergibt es 1898 unter Eigentumsvorbehalt dem Städtischen Museum. Dort wandert der Gurt ins Depot – und gerät in Vergessenheit. Erst 2019 wird er wiederentdeckt.

So wurde der verschollene Patronengurt Kahimemua wiederentdeckt

Zu verdanken ist das den Recherchen einer Journalistin des Deutschlandfunks. Freddy Nguvauva,  ein Nachkomme und Sprecher der Ovambanderu, hatte Christiane Habermalz 2017 am Rande von Verhandlungen über den Völkermord an den Herero zwischen Deutschland und Namibia auf das verschollene Kultobjekt angesprochen. Habermalz fand die Spur zum Städtischen Museum. Und dort stieß man in den Tiefen des Depots auf den nicht weiter klassifizierten Patronengürtel.

Museumsdirektor Joch ließ den Gurt in einem Speziallabor prüfen und lud Vertreter der Ovambanderu zur Begutachtung ein. Eine Delegation um Freddy Nguvauva kam im November 2021 zu dem Ergebnis, dass es sich um den originalen Gurt des Kahimemua handele. „Diese Bewertung wird durch die fachliche Analyse des Museums gestützt“, unterstreicht die Stadt Braunschweig nun in einer Pressemitteilung. Die Bitte der Ovambanderu um Restitution werde vom namibischen Staat unterstützt, ebenso vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik. Allerdings sei die Rechtslage verwickelt.

Im Fokus: Der 2019 im Depot des Städtischen Museums wiederentdeckte Patronengürtel gehörte mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Stammesführer Kahimemua und ist für die Volksgruppe der Ovambanderu und den Staat Namibia von hohem ideellen Wert.
Im Fokus: Der 2019 im Depot des Städtischen Museums wiederentdeckte Patronengürtel gehörte mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Stammesführer Kahimemua und ist für die Volksgruppe der Ovambanderu und den Staat Namibia von hohem ideellen Wert. © Städtisches Museum | Städtisches Museum

Warum die Rechtslage so verwickelt ist

Zivilrechtliche Übereignungsansprüche könnten nach der heute geltenden Rechtsordnung „nicht hinreichend dargelegt und bewiesen werden“. Dennoch sei die Restitution des Patronengurts nach Auffassung der Stadtverwaltung „aus rechtlicher Sicht vertretbar und aus historischer Verantwortung geboten“. Zwar seien die Eigentumsverhältnisse am Gurt zum Zeitpunkt der Hinrichtung Kahimemuas „mit den hiesigen Erkenntnisquellen nicht zu ermitteln“. Gleichwohl sei zweifelhaft, dass der Reserveoffizier Gustav Voigts 1896 tatsächlich Eigentum an dem Objekt erlangt habe: „Dagegen spricht der Gewaltkontext: Die Inbesitznahme durch Voigts erfolgte gegen den Willen Kahimemuas“.

Einer Karteikarte des Museums aus dem Jahr 1898 zufolge habe Voigts zwar keine Eigentumsübertragung an die Stadt Braunschweig beabsichtigt. Faktisch habe die Stadt das Objekt aber im Sinn einer Dauerleihgabe in Besitz. Die Verwaltung schlage daher die Rückgabe des Patronengurtes auch bei offener Rechtslage vor. Er habe wegen seiner Geschichte für die Ovambanderu und für den Staat Namibia insgesamt eine große ideelle Bedeutung.

Wenn der Stadtrat am 11. Juni zustimmt, müsse allerdings unter Beteiligung der ministeriellen Ebene im Bund noch geklärt werden, an wen konkret der Gurt zurückgegeben werden kann und soll.