Frankfurt/Main. Seit sieben Jahrzehnten lassen die Kirchen in der ARD predigen. Beim „Wort zum Sonntag“, der nach der „Tagesschau“ ältesten Sendung im deutschen Fernsehen, wandten sich auch schon Päpste ans TV-Volk.

Auf den Tag genau neun Jahre war die bedingungslose Kapitulation Deutschlands und damit das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa her, als am 8. Mai 1954 das damals einzige deutsche TV-Programm (das NWDR-Fernsehen) zum ersten Mal „Das Wort zum Sonntag“ ausstrahlte.

Seitdem gab es rund 3650 Ausgaben dieser christlichen Verkündigungssendung. Waren vor 70 Jahren noch mehr als 90 Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik evangelisch oder römisch-katholisch, so sind 2024 nur noch etwa 45 Prozent Mitglied in einer der großen Kirchen.

Neben der „Tagesschau“ (Erstsendung 26. Dezember 1952) ist das samstagabends ausgestrahlte „Wort zum Sonntag“ die älteste noch bestehende Fernsehsendung hierzulande. Kritiker machten sich schon früh über das besinnliche Format lustig, nannten es gern auch mal „Wort zum Bierholen“ oder „Pinkelpause der Nation“.

Die Ausgabe, die am nächsten zum Jubiläumsdatum des TV-Klassikers liegt, spricht die Theologin Stefanie Schardien, die Medienbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): Es ist „Das Wort zum Sonntag“ am 11.5. (20.55 Uhr) vor dem Finale des Eurovision Song Contest im Ersten der ARD.

Ein Auge haben für Gottes wunderbare Welt

„Wir wollten auf jeden Fall nicht Sonntagvormittag nehmen als Konkurrenz zu dem örtlichen Gemeinde-Gottesdienst“, erklärte einst der Erfinder, Werner Hess, der selber Pastor war und von 1962 bis 1981 Intendant des Hessischen Rundfunks, den Sendeplatz am Samstagabend.

„Haben wir ein Auge für Gottes wunderbare Welt und ein Ohr für ihre Klänge?“, fragte der evangelische Pastor Walter Dittmann in der ersten Ausgabe. Dass der damals 54-Jährige der erste TV-Prediger war, war einer Panne geschuldet, denn eigentlich hätte es schon am 1. Mai 1954 erstmals ein „Wort zum Sonntag“ geben sollen - ein katholisches. Doch ein Kabelbruch verhinderte, dass der Aachener Prälat Klaus Mund live vor TV-Publikum sprechen konnte.

Pastor Dittmann aus Hamburg führte am 8. Mai Gedanken aus, die noch heute - etwa zu Tiktok und Co - passen können. Film, Funk, Fernsehen könnten Auge und Ohr „für das echte Sehen und Hören“ abstumpfen, sagte er. Doch diese Abstumpfung sei kein automatisch wirkendes Gesetz. „Sie ist der Entscheidung und Freiheit des Menschen unterstellt.“

Die erste Frau predigte 1957

Damals endete der TV-Abend mit dieser noch live übertragenen Predigt. So sollte das noch ein paar Jahre bleiben. Heute findet sich „Das Wort zum Sonntag“ im Programmablauf des Ersten der ARD oft etwas eingequetscht zwischen „Tagesthemen“ und Spätfilm. Aus den zunächst zehn Minuten Sendezeit wurden später fünf, heute sind es noch vier Minuten. Mehr als eine Million Menschen schauen noch jedes Mal zu (2023: im Schnitt 1,23 Millionen).

Die erste Frau, die das Evangelium im Fernsehen verkünden durfte, war 1957 Erika Schwarze. Zu den prominentesten Rednern der Sendung gehörten im Laufe der Jahrzehnte der einst als „Maschinengewehr Gottes“ bekannte Pater Johannes Leppich, die evangelischen Pfarrer Heinrich Albertz und Jörg Zink, die Ordensschwester Isa Vermehren (von der Gesellschaft vom Heiligen Herzen Jesu), Erzbischof Friedrich Wetter sowie der kritische Theologe Hans Küng, dem der Papst 1979 die kirchliche Lehrbefugnis entzog.

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Zweimal sprach ein Oberhaupt der katholischen Kirche „Das Wort zum Sonntag“ - und zwar vor 13 und vor 37 Jahren. Am 25. April 1987 sprach Papst Johannes Paul II. in der ARD die Worte: „Am nächsten Donnerstag komme ich zum zweiten Mal als Bischof von Rom in Ihr Land. Darauf freue ich mich.“ Am 17. September 2011 sandte Benedikt XVI. seine Botschaft: „In wenigen Tagen werde ich zu meiner Reise nach Deutschland aufbrechen, und ich freue mich schon darauf (...) All dies ist nicht religiöser Tourismus und noch weniger eine Show.“ Benedikt war auch vorher - noch als Erzbischof Joseph Ratzinger - ein Redner der Sendung.

Kaplan Florian Heisterkamp (l) schüttete 2014 einen Kübel mit Eiswasser über den Kopf von Pfarrer Gereon Alter.
Kaplan Florian Heisterkamp (l) schüttete 2014 einen Kübel mit Eiswasser über den Kopf von Pfarrer Gereon Alter. © Nicole Cronauge/Bistum Essen/WDR/dpa

Es gab auch eine „Ice Bucket Challenge“

Entgegen dem weitverbreiteten Image der Kirchen zeigte sich „Das Wort zum Sonntag“ oft flexibel und weltoffen. Bei Ereignissen wie der Flugzeugentführung von Mogadischu 1977, dem Oktoberfest-Attentat 1980 oder dem Fall der Mauer 1989 verwarfen die Kirchenvertreter ihre vorbereiteten Texte und sprachen zum aktuellen Anlass.

Im Sommer 2014 ließ sich der Essener Pfarrer Gereon Alter einen Kübel mit Eiswasser über den Kopf schütten, beteiligte sich am damals angesagten Internet-Trend „Ice Bucket Challenge“. 2016 am Pfingstwochenende mit dem Eurovision Song Contest wurde Pastorin Annette Behnken von einem Travestiekünstler angesagt. Dragqueen Olivia Jones warb für „Liebe, Toleranz und Vielfalt“ und rief freudig in die Kamera: „Auf geht's, ihr Hasen, das ist keine Bildstörung!“