Kultband deutscher Indiepop

Warum Frank Spilker Die Sterne nicht hat sterben lassen

| Lesedauer: 14 Minuten
Die Sterne-Mastermind Frank Spilker kommt am Samstag, 26. Februar, 20 Uhr, mit neuen und alten Songs und Texten für einen Solo-Abend ins Staatstheater Braunschweig. 

Die Sterne-Mastermind Frank Spilker kommt am Samstag, 26. Februar, 20 Uhr, mit neuen und alten Songs und Texten für einen Solo-Abend ins Staatstheater Braunschweig. 

Foto: Lidija Delovska / Lidija Delovska photography

Braunschweig.  Der Kopf der Kultband erzählt vor seinem Braunschweig-Gastspiel, warum er mit Die Sterne einen Neustart wagte – und was dann in der Pandemie geschah.

Die Sterne zählten in den 90er Jahren neben Tocotronic und Blumfeld zu den Stars der „Hamburger Schule“. Hits wie „Was hat dich bloß so ruiniert?“ machten die Gruppe um Sänger Frank Spilker weit über Studentenkreise hinaus bekannt. In den 2000er Jahren blieb die Band eine feste Indiepop-Größe, ohne noch an vorderster Front mitzuspielen. 2018 stiegen Bassist Thomas Wenzel und Schlagzeuger Christoph Leich nach 27 Jahren aus. Dennoch brachte Mastermind Spilker 2020 ein neues Sterne-Album heraus – das inspirierteste seit langem. Am 26. Februar kommt der 55-Jährige zu einem Solo-Abend ins Kleine Haus des Staatstheaters. Wir sprachen vorab mit ihm.

Das jüngste Sterne-Album „Die Sterne“ ist am 6. März 2020 erschienen, also exakt zu Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland. Wie finden Sie das im Nachhinein?

Das war erstmal ein ziemlicher Dämpfer. Das Album stand ja für einen Neustart der Band in neuer Besetzung. Es hatte einen langen Anlauf und war mit vielen Hoffnungen und Unsicherheiten verbunden: Wie würden die Leute das annehmen, wie die Kritik? Im Februar waren wir auf einer Probetour in kleinen Clubs, um als Personen und als Band zusammenzukommen. Im März startete dann die offizielle Tour, und das fühlte sich schnell sehr merkwürdig an. Wir waren eigentlich ganz froh, als dann der Lockdown kam, weil wir nicht mehr selbst entscheiden mussten: Spielen wir oder nicht? Wer ist richtig sauer, die Leute, die kommen wollen, oder die, denen es zu gefährlich ist? Können wir das überhaupt noch verantworten? Es war eine extreme Situation. Im Nachhinein finde ich, es ist noch glimpflich gelaufen, weil wir immerhin einen Teil der Tour gemacht haben und alle Bandmitglieder die lange Zeit der Lockdowns eigentlich ganz gut überstanden haben.

„Existenzängste hatte ich natürlich auch“

Die massiven Einschränkungen für die Kulturbranche haben Sie also gar nicht so sehr getroffen?

Existenzängste hatte ich natürlich auch. Der Plan, den man sich als Performancekünstler zurechtgelegt hat, ging ja nicht auf. Erst dachten wir, nach drei Monaten ist der Spuk vorbei, und haben Konzerte in den Juni verlegt. Dann wurde einem klar, dass es noch nicht mal im Herbst funktionieren wird. Und unsere Haupteinnahmequelle sind Konzerte. Es gab aber zum Glück die Kombination aus Coronahilfen und verstärkter Förderung durch die Initiative Musik sowie die Möglichkeit, auf nicht livepublikums-gebundene Felder auszuweichen. Ich habe beispielsweise ein Hörspiel für den WDR produziert, „Gattung, Art und Unordnung“, eine Art Komödie über Wildtiere in Städten. Kann man im Internet nachhören.

Die Politik hat immer wieder beschworen, wie wichtig Kultur für eine funktionierende, Gesellschaft sei. Finden Sie, dass die Kulturbranche in der Pandemie tatsächlich gut unterstützt wurde?

Pauschal würde ich ja sagen, wobei ich vielleicht einigen Leuten unrecht tue, bei denen die Förderung nicht gegriffen hat. Das Problem ist, dass die Kulturszene ein ganz heterogener Haufen ist. Es gibt viele Solo-Selbständige, darunter Leute, die abhängig sind von Aufträgen, gerade im Bereich der Ton- und Lichttechnik. Manche haben auch erst Mittel bekommen und mussten sie dann zurückzahlen. Aber gerade weil die Kulturbranche so vielfältig ist, ist es auch schwierig, passgenau zu helfen. Daran gemessen, haben die Maßnahmen ganz gut gegriffen.

„In der Virusbekämpfung gilt philosophisch gewissermaßen das Kriegsrecht“

Wenn ich Ihre Songtexte richtig verstehe, treten Sie für eine liberale Gesellschaft und große individuelle Freiheit ein. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Freiheitseinschränkungen in der Pandemie?

Da geht es um die ganz grundsätzliche Frage Freiheit des Individuums versus Wohlergehen der Gemeinschaft. Im Fall der Virusbekämpfung gilt philosophisch gewissermaßen das Kriegsrecht im Kampf gegen eine in diesem Fall zerstörerische Natur. Da hat erstmal die Unversehrtheit von Menschen Vorrang, und nicht die individuelle Freiheit, etwa ohne Maske rumlaufen zu dürfen. Grundsätzlich ist im demokratischen Prozess aber wichtig, jeden Gedanken äußern und auch selbstverständlich scheinende Gedankensysteme in Frage zu stellen können. Das ist der Punkt, von dem ich immer rede. Das Wichtige ist, sich nicht blenden zu lassen von einer Argumentation wie: Ja, aber es funktioniert doch alles. Unsere erste Single 1992 hieß „Fickt das System“ und besagte etwa: Ja klar funktioniert es, aber auf wessen Kosten? Und diese Frage muss man jetzt in der Pandemie natürlich auch stellen, wenn individuelle Freiheiten gefordert werden.

In den vergangenen zwei Jahren war Gesundheit das höchste Gut. Wie lange muss man dem alles unterordnen? Bis wirklich jedes Risiko für jeden ausgeschlossen ist?

Da schwankt meine Meinung. Ich stecke nicht drin in der Materie, kann die Berechnungen der Virologen und Epidemiologen nicht im Detail verstehen. Deshalb finde ich es schwierig, mich da festzulegen. Wichtig ist, dass man sich über das Ziel einig ist: Wir wollen eine solidarische Gemeinschaft sein, die dafür sorgt, dass möglichst wenige Schaden nehmen und der Feind, das Virus, in Schach gehalten wird. Es geht darum, die Schwachen zu schützen und diejenigen, die keine Stimme haben im demokratischen Prozess. Kinder zum Beispiel, die der Omikron-Gefahr ausgesetzt sind, weil sie nicht geimpft werden konnten.

„Eine Tour zu verschieben, ist kein Drama, wenn man den Leuten hilft“

Aber Kinder und Jugendliche nehmen auch Schaden, wenn sie keine Gemeinschaft erleben können.

Ja. Das muss man gegeneinander abwägen.

Studien und Erfahrungswerte weisen darauf hin, dass die Infektionsgefahr bei 2Gplus-Veranstaltungen gering ist. Trotzdem wurden Popkonzerte zu rentablen Bedingungen für Veranstalter lange nicht erlaubt. Halten Sie das für richtig?

Persönlich finde ich es blöd, auch für alle, die Konzerte geplant haben, die dann doch wieder abgesagt oder verlegt werden mussten. Dennoch bin ich vorsichtig, auch weil viele Wissenschaftler sagen, man weiß nicht, wie sich das verdammte Virus entwickelt. Ich will auf keinen Fall, dass Clubs und Kneipen pleite gehen. Aber die kann man ja auch entsprechend fördern, wenn sie vorerst geschlossen bleiben müssen. Man kann eine Tour verschieben. Ich finde, das ist kein Drama, wenn man den Menschen, die dadurch ein Einkommensproblem haben, hilft.

„Menschlichen Widerspruchsgeist finde ich erstmal gerechtfertigt“

Sie sagen also: Weil ich diese Pandemie selber nicht einschätzen kann, vertraue ich der Wissenschaft.

Ich würde sage, wir haben nichts anderes als die Wissenschaft. Es gibt nichts anderes, um dem beizukommen.

Sie sind in diesem Fall also bereit, verordneten Maßnahmen zu folgen. Wie passt das zum Hit des aktuellen Sterne-Albums „Du musst gar nichts“?

Den Song habe ich ein Jahr vor der Pandemie geschrieben, und natürlich kann er auch so verstanden werden, das er sich gegen die Einschränkungen richtet. An sich finde ich menschlichen Widerspruchsgeist ja erstmal total gerechtfertigt.

Aber wie viele Sterne-Songs fängt auch dieser Titel an zu schillern. Sie singen etwa: „Du musst nicht chatten, du musst nicht rausgehen, nur weil die Sonne scheint, du musst keine Turnschuh kaufen.“ Aber später auch: „Du musst nicht pissen“ und „Du musst nicht denken“. Da kippt dieser „Du musst gar nichts“-Standpunkt, oder?

Für mich handelt es sich bei dem Song um eine Entlastungsphantasie. Dass es nicht ganz real sein kann, zeigen ja auch Zeilen wie „Du musst nicht trinken“. Aber es ist wichtig, sich auch mal zu entlasten von dem Druck, denken zu müssen, entscheiden zu müssen und so weiter, um als Mensch funktionsfähig zu bleiben. Ich erkläre ja ungern Songtexte, aber darum geht es.

„Soll man die Freiheit derer schützen, die gegen die Freiheit sind?“

Der Song „Die besten Demokratien“ feiert zu Discobeats progressive Haltungen mit Zeilen wie „Wir wollen alle nackt sein, wo ist das Problem?“. Oder „Das Wort Sexismus können wir nicht mal verstehn.“ Es kommen aber auch Zeilen wie „Wir lassen es richtig krachen, nur mal zwischendurch / Damit es richtig rund läuft, scheißen wir auf euch“. Und es ist die Rede davon, dass totale Freiheit auch dazu führt, dass Faschisten gewählt werden. Ist das Kritik an linksliberalen Eliten in Sahra-Wagenknecht-Manier?

Für mich geht es im Hintergrund vor allem um die Frage, soll man die Freiheit derer schützen, die gegen die Freiheit sind? In der rechten Szene hält man sich ja auch für eine Elite, die mit den Mitteln der Demokratie eine andere Gesellschaftsordnung einführen will, in der es demokratische Mitsprache rassistisch motiviert nicht mehr für jeden gibt. Soll eine Demokratie so etwas zulassen? Und sind die Freiheitsrechte dieser Leute wirklich so wichtig? Heute würde ich das vielleicht noch deutlicher formulieren. Aber der Trick bei Sterne-Texten ist eigentlich, offen zu bleiben, weil ich glaube, dass es effektiver ist, zum Mitdenken und Widersprechen aufzufordern, als eine Quintessenz zu liefern. Zeilen wie „Wir wollen alle nackt sein“ zielen darauf ab, dass die Linke in den 1960er Jahren eine soziale Revolte wollte, und als Substitut die sexuelle Revolution bekommen hat. Nach dem Motto: Ihr seid doch frei! Was wollt ihr denn noch?

„Um 2010 war klar, dass Die Sterne nicht mehr so funktionieren“

Vor dem aktuellen Album sind Bassist Thomas Wenzel und Schlagzeuger Christoph Leich bei den Sternen ausgestiegen – nach 27 gemeinsamen Jahren. Wenn man die Band gerade auch bei Konzerten als toll funktionierendes Kollektiv erlebt hat, ist so ein Auseinanderbrechen auch ein bisschen desillusionierend. Wie kam es dazu?

Genau wegen dieses Gefühls, dass man sich nicht nur als Zweckgemeinschaft versteht, sondern als befreundetes Kollektiv, haben wir diesen Schritt sehr lange hinausgezögert. Dabei war um 2010 schon klar, dass die Band nicht mehr so gut funktioniert wie in den 90ern, weil sich alle etwas anders entwickelt haben. Wir haben noch zehn Jahre weitergemacht, aber eben nicht mehr mit derselben Energie wie früher – und das ist irgendwann frustrierend. Deshalb fühlt sich die Trennung nun für alle besser an. Für Fans, die der Originalbesetzung emotional verbunden sind, ist das natürlich traurig. Und ich kann nur sagen: Für uns genauso. In der neuen Besetzung fühlt sich alles etwas pragmatischer an. Natürlich entstehen auch Bindungen, aber nicht mehr so intensive, wie man sie mit 19 eingeht.

Von den alten Sternen ist nur Frank Spilker übriggeblieben. Warum haben Sie das Album da nicht gleich als Soloalbum herausgebracht?

Aus mehreren Gründen. Es gab die Sterne schon in einer Besetzung vor Thomas und Christoph. Wenn man es genau nimmt, kam die erste Single schon 1987 heraus. Wir haben das dann ein bisschen aus der Bandbiografie herausgelogen, weil es bis auf den Namen und meine Person keine Kontinuität gab. Offiziell haben sich Die Sterne also 1991 in Hamburg gegründet. Als Thomas und Christoph nun ausgestiegen sind, haben sie gesagt, der Name ist dein Ding, den kannst du weiterführen. Für mich persönlich war es so, dass ich 2008 schon einmal ein Album mit der Frank Spilker Gruppe herausgebracht habe mit Songs, die nicht ins Konzept der Sterne passten. Die mehr erzählerisch und nicht so groove-orientiert waren. Aber das jüngste Album wollte ich eben im Stil der Sterne machen. Und deshalb habe ich auch diesen Stempel draufgesetzt.

„Im Prinzip sind wir wieder eine feste Band“

Als das Album mit den neuen Musikern herauskam, haben sie gesagt, das sei nur eine lockere Konstellation, keine Band. Auf der Sterne-Homepage liest man jetzt aber: „Wer sich immer noch fragt, wer denn jetzt die Sterne sind, dem stellen wir sie hiermit vor: Dyan Valdés, Frank Spilker, Max Knoth, Philipp Janzen und Phillip Tielsch.“ Sind Die Sterne jetzt also doch wieder eine Band mit neuer, aber fester Besetzung?

Wir haben sehr produktiv zusammengearbeitet, für das Album, auf Tour, und auch schon wieder an neuen Songs. Im Prinzip ist es wieder eine feste Band, der aber eine gewisse Offenheit eingeschrieben ist. Alle Mitglieder haben noch andere Projekte: Gitarrist Max Knoth macht viel Musik für Theater, Film und Fernsehen. Schlagzeuger Philipp Janzen arbeitet als Produzent und hat mit Bassist Phillip Tielsch noch die Bandprojekte Von Spar und Urlaub in Polen am Laufen. Dyan Valdez, die aus Los Angeles nach Berlin kam und live schon länger bei den Sternen mitspielt, hat als Keyboarderin ein Soloalbum gemacht, mit dem sie auch auf Tour ist. Es wird also beispielsweise live nicht immer jeder verfügbar sein. Aber wir bemühen uns um Kontinuität, weil die Zusammenarbeit einfach toll klappt.

Sind die Vier in Braunschweig mit dabei?

Nein. Es wird ohnehin ein Abend, der mehr aufs Wort und Texte von mir gerichtet ist, auch auf Wunsch des Theaters. Ich werde natürlich auch ein bisschen Musik machen...

… auch schon neue Titel?

Das ist noch völlig offen an so einem Abend. Aber für mich gilt natürlich auch: Je neuer, desto interessanter.

Fragen zum Artikel? Mailen Sie uns: redaktion.online-bzv@funkemedien.de

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder