KZ-Überlebende und Gauck mahnen zur Wachsamkeit

Braunschweig.   Die KZ-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch und Alt-Bundespräsident Joachim Gauck sprachen mit Schülern in Braunschweig.

Anita Lasker-Wallfisch und Joachim Gauck im Gespräch in der Dornse, wo sie auf Fragen Braunschweiger Schüler antworteten.

Anita Lasker-Wallfisch und Joachim Gauck im Gespräch in der Dornse, wo sie auf Fragen Braunschweiger Schüler antworteten.

Foto: Andreas Berger

Überlebt hat sie wegen ihres Cello-Spiels. Als Anita Lasker im KZ Auschwitz ankam, wurde sie während des Scherens und der Eintätowierung ihrer Häftlingsnummer gefragt, was sie bisher gemacht habe. „Ich spiele Cello“, sagte die 17-Jährige. „Und während ich das sagte, habe ich mir gedacht, wie kann man im KZ über Cello sprechen, das interessiert doch hier keinen.“ Aber es interessierte. Sie wurde Mitglied im Mädchenorchester von Auschwitz, das die Arbeitskolonnen begleitete und die Besuche von SS-Führern feierlich machte. Und das bewahrte sie vor der Gaskammer.

Anita Lasker-Wallfisch überlebte das KZ, auch die Endstation in Bergen-Belsen, wo die Engländer sie befreiten. „Wir saßen buchstäblich zwischen Leichen und konnten erst gar nicht kapieren, hier will uns niemand mehr töten“, erzählt sie in festem Ton während einer Diskussion mit Braunschweiger Schülern in der Dornse. Die 94-Jährige ist eine resolute Dame, die auf Alexanders Frage, was sie zu Hitler sagen würde, konstatiert: „Was soll ich dem sagen, ich würde ihn gleich erschlagen.“

Auf Einladung der Prüsse-Stiftung und gemeinsam mit Alt-Bundespräsident Joachim Gauck macht die KZ-Überlebende ein weiteres Mal Geschichte lebendig für jene Generationen, die künftig die Erinnerung bewahren müssen. Das betont besonders Gauck: „Bald wird es diese Zeitzeugen nicht mehr geben. Ihr müsst dann euren Kindern erzählen, wie es war, sie kennenzulernen.“

Gauck unterstreicht, dass es nicht darum gehe, dass sich die Jugendlichen für die Tätergeneration schämen oder schuldig fühlen sollten. „Die nichtschuldige Generation mit Schuld anzustecken, war ein pädagogischer Fehler, den wir früher aus unserem eigenen Erschrecken heraus begangen haben. Aber sie soll sich der Verantwortung bewusst sein, die sich aus der besonderen deutschen Geschichte ergibt.“

Moderatorin Ingeborg Obi-Preuß hatte die Fragen der Schüler klug vorsortiert und ließ sie durch die jungen Leute selbst vortragen. Wie Lasker-Wallfisch es geschafft habe, nach dem KZ weiter Musik zu machen, will Lea wissen. Womöglich Schumanns „Träumerei“, die sie dem Rassenarzt Mengele vorspielen musste. „Ich habe mich nie gefragt, wie ich etwas schaffen oder verkraften kann, das ist so eine moderne Selbstbefragung. Ich habe gemacht, was ich wollte.“ Natürlich könne sie heute die „Träumerei“ spielen, „so zimperlich bin ich nicht, sonst hätte ich nicht überlebt“. Sie legt Wert darauf, dass sie mit ihrer Schwester zu fliehen versuchte, eher frech war. „Ich wollte einen besseren Grund haben, ermordet zu werden, als zufällig Jüdin zu sein“, erklärt sie mit trockener Ironie.

Nach der Befreiung ging die Cellistin nach London, machte mit dem berühmten English Chamber Orchestra Karriere. Zunächst reiste sie bei Gastspielen in Deutschland nicht mit. Dann stand Celle auf dem Programm. „Das interessierte mich, wie es da jetzt aussah. Und auf dieser Reise habe ich viele Menschen getroffen, die mein Denken völlig umgedreht haben“, erklärt sie Laura. „Der junge Historiker etwa, der die neue Ausstellung für Bergen-Belsen vorbereitet hat, suchte Augenzeugen. Und da habe ich begriffen, dass es besser ist, mich wie er zu engagieren, als in London zu sitzen und die Deutschen zu hassen.“

Während Gauck daran erinnert, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit durch engagierte Lehrer in den 60ern begann und er selbst richtig wütend auf Deutschland wurde, als er von den Verbrechen erfuhr, fragt David danach, wie man einer Ermüdung des Themas begegnen könne, das im Unterricht wiederholt vorkomme. „Indem man persönlichen Geschichten nachgeht“, findet Gauck. „Wenn 4000 Juden in Berlin überleben konnten, muss ihnen jemand geholfen haben, da wird es doch spannend zu recherchieren.“ Oberbürgermeister Ulrich Markurth ergänzt später, dass in Braunschweig Schüler über die Familien forschen, derer mit Stolpersteinen im Pflaster gedacht wird.

Was können wir tun, damit sich Geschichte nicht wiederholt?, fragt Lena. „Sagt nicht ,die Juden’. Wir sind alle verschieden. Zwei Juden, drei Meinungen“, pointiert Lasker-Wallfisch. Sie habe in ihrer Familie zum Beispiel überhaupt kein jüdisches Leben kennengelernt, man sei auch nicht in die Synagoge gegangen. Wichtig sei auch zu lernen, warum die Juden in die ganze Welt vertrieben wurden „und nun überall ein bisschen fremd sind, es darum aber auch immer besonders gut machen wollen, sonst wird man vielleicht wieder rausgeschmissen“.

Sollten KZ-Besuche für Schulklassen verpflichtend werden?, wirft Geraldine ein. Lasker-Wallfisch glaubt, dass die Begegnung mit Auschwitz, den Haaren, den Kinderschuhen, den Lampenschirmen aus Menschenhaut aufrütteln könne. Gauck will trotzdem keinen Zwang, „das erzeugt nur unreflektierte Abwehr“. Beide sind sich einig: Wissen sei nötig, aber auch grundsätzliches Mitgefühl. „Ihr müsst eure Gehirne benutzen“, sagt Lasker-Wallfisch, „– und das Herz befragen“, ergänzt Gauck.

Während sie die großen Töne der AfD gefährlich findet, hält Gauck eine Läuterung für möglich. Kämpferisch betont er: „Die werden unser Land nicht wieder ruinieren, aber wir dürfen ihnen nicht unsere Angst schenken. Haltet ihnen die Fakten entgegen. Ihr lernt nicht fürs Abi, sondern fürs Bürgersein.“

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