Kleine Formate, große Expressivität

Braunschweig  Die Dauerausstellung mit Plastiken von Jürgen Weber in der Hagen-Kemenate ist eröffnet.

Als Architekturstudent in Braunschweig besuchte der Denkmalpfleger Udo Gebauhr Anfang der 70er Jahre auch ein Seminar in Elementarem Gestalten bei Professor Jürgen Weber. „Wir sollten eine Schwellform, eine einfache Tonfigur erarbeiten. Sie wollte mir nicht recht gelingen“, erzählt Gebauhr am Donnerstag dem Auditorium in der rappelvollen Andreaskirche.

Er habe sich mit dem bescheidenen Ergebnis zufrieden gegeben. Es war ja nur ein Nebenfach. „Professor Weber musterte meine Arbeit – und fegte sie zügig, entschieden, wortlos und für die Schwellform endgültig vom Arbeitstisch zu Boden.“

Ein Raunen geht durch die Reihen der mehreren hundert Gäste, die in St. Andreas die Eröffnung der neuen Weber-Dauerausstellung in der Kemenate Hagenbrücke feiern (die für diese Vernissage zu klein wäre). Ja, so war er, der Professor Weber, fasst Gebauhr zusammen: kompromisslos. „Und er hatte Recht. Meine zweite Form gelang viel besser.“

28 Bronze-Skulpturen des streitbaren Braunschweiger Bildhauers (1928-2007) sind nun dauerhaft in der Kemenate zu sehen. Die Karin-und-Jochen-Prüsse-Stiftung hat sie für diesen Zweck unter Mithilfe Gebauhrs ausbauen lassen (im Obergeschoss wird zudem der Goslarer Maler Günter Affeldt, Jahrgang 1925, gewürdigt). Ein Teil der Skulpturen sind Zustiftungen aus der Sammlung des verstorbenen Wolfsburger Weber-Freundes Wolfgang Schneider sowie Leihgaben von Webers zweiter Frau Renate.

Von Weber, der in Braunschweig einige große Freiplastiken geschaffen hat, von der Venus am Wendentor über den Ringerbrunnen bis hin zu seinem letzten Werk, der Christentums-Säule auf dem Ruhfäutchenplatz, sind vor allem Kleinformate zu sehen.

Eine Ausnahme ist eine seiner frühen Statuen, „Der Flötenspieler“ (1958), eine schlanke, ebenmäßige, glatthäutige Jünglingsgestalt. Ihr eignet noch nicht jene expressive, üppige, schrundig-dralle, stets bewegte Körperlichkeit, die bald Webers Handschrift ausmachen wird.

Sie bricht sich bereits in dem Relief „Krieg und Frieden“ Bahn, das er 1965 für das Kennedy Center in Washington schuf. Ein kleinformatiger Abguss ist in der Kemenate zu sehen. Die „Taufe Jesu im Jordan“ (1975) oder der „Tanzende Hans Sachs“ (1977) bringen sie in Reinform zum Ausdruck. In der „Bacchantin“ aus dem Jahr 2001 beginnt das drastisch-Expressive dem Ausdruck innerer Ruhe zu weichen.

Webers zweite Frau Renate (81) ist unschwer als Modell zu erkennen. Auch sie ließ es sich bei der Vernissage in St. Andreas nicht nehmen, ihren verstorbenen Mann zu würdigen, während Festredner Gilbert Holzgang kundig auf den lebenslangen, teils Michael-Kohlhaas-haften Kampf des nicht unumstrittenen Bildhauers für die Figürlichkeit und gegen das lange vorherrschende Dogma der Abstraktion abhob.

Kemenate am Hagenmarkt, Di-Sa 11-17, So 12-17 Uhr.

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