„Weil die Leute Angst hatten“

Braunschweig  Tatiana Brandrup stellt am Montag ihre Doku über das Moskauer Kinomuseum vor.

Die deutschrussische Regisseurin Tatiana Brandrup.

Die deutschrussische Regisseurin Tatiana Brandrup.

Foto: privat

Eine Liebeserklärung ans Kino und seine diskussionsanregende Macht. Eine russische Geschichte der letzten 30 Jahre. Das Porträt einer beeindruckenden Persönlichkeit: Tatiana Brandrups Film „Cinema: A Public Affair“, der bereits vergangene Woche in Braunschweig zu sehen war, erzählt vom Moskauer Kinomuseum, seinem Gründungsdirektor Naum Kleiman und der staatlichen Repression (wir berichteten). Am Montag um 19 Uhr ist die Deutschrussin zu Gast im Universum Filmtheater. Andreas Eberhard sprach mit ihr.

Wie sind Sie auf das Kinomuseum aufmerksam geworden?

Als es 1989 von Naum Kleiman gegründet wurde, war das in der UdSSR etwas sehr Besonderes. Lange verbotene Filme wurden dort zum ersten Mal wieder gezeigt. Entsetzt verfolgte ich dann die Berichte über die Schließung.

Warum wurde das Kinomuseum denn 2005 geschlossen?

Aus Gewinnsucht und politischen Gründen, was kaum voneinander zu trennen ist. Eine unrühmliche Rolle beim Verkauf der Immobilie spielte Nikita Michalkow, der Vorsitzende des russischen Filmverbandes. Aber natürlich war das Museum auch eine unbequeme Institution, ein liberales Forum. Mit seinen Vorführungen und Diskussionsabenden zog es Leute an, die dem konservativen Teil der Gesellschaft unangenehm waren. Man sah es als Provokation. Auch deswegen wurde Kleiman 2014 seines Postens enthoben.

Was gab für Sie den Ausschlag für den Film?

Als ich die Geschichte der Schließung in ihrer ganzen Absurdität von Naum Kleiman hörte, wunderte mich, dass niemand auf die Idee gekommen war, einen Film darüber zu drehen. Bis mir klar wurde, dass die Leute Angst hatten. Da wusste ich, dass ich das machen muss. Auch, weil ich einen deutschen Pass habe und keine Konsequenzen für meine Arbeit fürchten muss. Kleiman und seine Mitarbeiter sind für mich Helden des Alltags. Die Tatsache, dass eine kleine Gruppe hochgebildeter Menschen – junge Idealisten und alte Filmpraktiker – für einen Hundelohn für dieses Museum arbeiten, ist ein Phänomen. Gerade im heutigen Moskau, wo Geld der wichtigste Wert ist.

Ihr Film ist von 2015. Wie ist jetzt die Situation des Musej Kino?

Im Internet kann man lesen, dass für 2017 die Neueröffnung geplant ist. Das ist die offizielle Version. In Wirklichkeit hat die neue Leiterin, eine Marionette der Regierung, alle früheren Aktivitäten des Musej Kino eingestellt. Und bei dem neuen Gebäude handelt es sich tatsächlich um einen baufälligen ehemaligen Landwirtschafts-Messepavillon am nördlichen Stadtrand Moskaus. Eine riesige Augenwischerei. Es geht hier darum, ein Kapitel zu schließen, nicht, das Problem zu lösen.

Wird Ihr Film in Russland gezeigt?

Die Premiere beim Moskauer Artdoc-Festival war sehr berührend und aufwühlend. Alle kamen, es gab stehende Ovationen und auch ein relativ großes Presseecho, vor allem in Untergrund-Medien. Aber wir finden keinen Verleih. Wer unseren Film ins Programm nimmt, stellt sich so eindeutig gegen die Machthaber, dass ihm augenblicklich die Subventionen gestrichen werden. Entsprechend mutig sind die Festivals, die ihn dennoch zeigen.

Ein Thema des Films sind die lebendigen Publikumsgespräche im Musej Kino. Gibt es in Ihren Augen auch bei uns das Bedürfnis, im Kino gesellschaftliche Debatten zu führen?

Ich glaube, in Krisenzeiten sind Debatten gefragter als sonst. In Deutschland entsteht ja nun gerade eine neue gesellschaftliche Situation. Da sehe ich viel Bedarf. Und ich kann mir viel Interessantes vorstellen, das man zur Flüchtlingsthematik im Kino machen könnte.

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