Sorge vor Atom-Logistikzentrum bei Braunschweig

Meine.  Das Bereitstellungslager für Schacht Konrad entsteht in NRW. Doch Kritiker sehen den zweitbesten Standort bei Waggum längst nicht aus dem Rennen.

Auf dem Gelände des abgeschalteten Kernkraftwerks Würgassen in Nordrhein-Westfalen  plant die  bundeseigene  Gesellschaft für Zwischenlagerung das Logistikzentrum für schwach- und mittelradioaktive Abfälle für das Endlager Konrad.

Auf dem Gelände des abgeschalteten Kernkraftwerks Würgassen in Nordrhein-Westfalen plant die bundeseigene Gesellschaft für Zwischenlagerung das Logistikzentrum für schwach- und mittelradioaktive Abfälle für das Endlager Konrad.

Foto: Swen Pförtner / dpa

Die Mitteilung des stellvertretenden Meiner Bürgermeisters Werner Auerbach an den Planungsausschuss der Gemeinde im südlichen Landkreis Gifhorn ließ Politiker und Zuhörer hellhörig werden: Auf der Grenze zwischen Kreis Gifhorn und Stadt Braunschweig, in einem Waldstück zwischen Bechtsbüttel und Waggum, könnte ein Logistik-Lager für radioaktive Abfälle entstehen.

Auerbach stützte sich auf Informationen der Bürgerinitiative Strahlenschutz Braunschweig (BISS): „Es heißt, der mögliche Standort steht auf einer Prioritätenliste an zweiter Stelle.“ Er liegt unweit des Bechtsbütteler Neubaugebiets Lauseheide im Staatsforst, den Einheimischen als „Kippe“ bekannt. Allerdings habe sich die bundeseigene Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) für das nordrhein-westfälische Würgassen entschieden. Auf dem dortigen Gelände eines stillgelegten Atomkraftwerks sollen die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle aus ganz Deutschland sortiert werden, die dann per Bahn zur direkten Endlagerung zum Schacht Konrad versandt werden.

Die Sorge von BISS und Bechtsbüttelern: Was, wenn die Würgassener nicht mitspielen? Der Widerstand gegen das Vorhaben ist in Ostwestfalen groß. Bürgerinitiativen laufen gegen das Projekt Sturm. Sie wurden von der Anfang März veröffentlichten Entscheidung offenkundig ebenso überrascht wie unsere Region. Die Suche jedenfalls lief jahrelang unter dem Radar der Öffentlichkeit. Die BGZ schrieb nach Auskunft des Pressesprechers für das Logistikzentrum Endlager Konrad Hendrik Kranert-Rydzy am 6. März an die Stadt Braunschweig: „Wir möchten Sie darüber informieren, dass auch eine Fläche in Ihrer Kommune Bestandteil der Überprüfung gewesen ist.“

Rechtsgrundlage dafür sind der Endlagerkompromiss von 2016, das Entsorgungsübergangsgesetz von 2017 sowie der Koalitionsvertrag der großen Koalition von 2018. Die Beschlüsse mündeten in Empfehlungen der Entsorgungskommission des Bundes. Auf deren Grundlage prüfte die BGZ 28 Flächen in Bundesbesitz sowie an Kraftwerksstandorten. Die Entscheidung für Würgassen im Landkreis Höxter sei plausibel, so BGZ-Sprecher Kranert-Rydzy: „Dieser Standort erfüllt alle zentralen Vorgaben.“ Das Bundesumweltministerium habe das Ergebnis vom Freiburger Öko-Institut prüfen lassen. Die Umweltforscher, hervorgegangen aus der Anti-Atomkraft-Bewegung, werteten die Standortempfehlung als „nachvollziehbar und korrekt“. Für die BGZ habe nunmehr die Planungsphase begonnen.

Sprecher Kranert-Rydzy erläuterte Auf Anfrage, um was es genau geht. Das Logistik-Zentrum besteht aus einer Stahlbetonhalle von 60.000 Kubikmetern Einlagerungsvolumen mit einer Umschlagkapazität von 15.000 Containern. Das zentrale Bereitstellungslager solle den Platz zum Sortieren des angelieferten Atommülls bieten, der unmittelbar auf dem Gelände rund um Schacht Konrad fehle. Doch es sei wichtig, die unterschiedlich zusammengesetzten Abfälle nicht wahllos nach Eingang einzulagern, sondern systematisch. Was per Bahn und LKW im Logistikzentrum ankomme, werde passend für die Einlagerung zusammengestellt und per Schiene nach Salzgitter geschickt. Die Container der dort ankommenden Ganzzüge könnten dann sofort unter Tage gebracht werden. Der Clou laut Kranert-Rydzy: „Durch die verbesserte Logistik erscheint eine Verkürzung der Einlagerungszeit im Endlager Konrad realisierbar.“ Bislang sind dafür 30 Jahre geplant.

Der Zusatz-Verkehr rund um Würgassen werde „weniger als zehn Züge und weniger als 20 Lastwagen pro Tag“ ausmachen, prognostiziert der BGZ-Sprecher. Handelt es sich dort um ein ehemaliges Kraftwerksgelände, gibt es zwischen Bechtsbüttel und eine 46 Hektar große Waldfläche im Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben.

Als Suchkriterien unter den anfangs 28 Flächen von Bima, Bahn sowie Bundesverwaltungs- und -verwertungsgesellschaft sowie drei Kernkraftwerken galten höchsten 200 Kilometer Abstand, 30 Hektar Mindestgröße, ein Bahnanschluss in bis zu zehn Kilometer Entfernung, 300 Meter Mindestabstand zu Wohnbebauung und Unbedenklichkeit unter Naturschutzgesichtspunkten. Unter neun geeigneten Standorten prüften die Experten nach einem Punktesystem. Je kleiner der Score, desto besser. Würgassen landete am Ende bei 0,35 Punkten, Braunschweig bei 0,49 und der Drittplatzierte Staßfurt in Sachsen-Anhalt bei 0,71.

Das Öko-Institut bestätigte „auf der Grundlage der vorliegenden Informationen“ die Analyse. Für Würgassen sprächen die schnelle Verfügbarkeit der Fläche, der nur dort vorhandene erschließbare Gleisanschluss sowie der laufende Betrieb zweier Zwischenlager mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen, was für eine Eignung aus technischer und regulatorischer Sicht spreche.

Hermann Krüger von der Bürgerinitiative Strahlenschutz BISS ist aus dennoch alarmiert: „Wir behalten die Entwicklung im Blick.“ Die Fläche zwischen Bechtsbüttel und Waggum könne noch immer für radioaktive Abfälle in Anspruch genommen werden. Angesichts des massiven Widerstands in Würgassen könne Braunschweig als zweitbester Standort immer noch ausgewählt werden. Zudem bestehe Bedarf an einem weiteren Lager. Schließlich solle das Lager Asse geräumt werden. Krüger: „Für ein Konditionierungslager wären Bechtsbüttel und Braunschweig mit der Firma Eckert und Ziegler ganz dicht dran. Das macht uns große Sorgen.“

Krüger erinnert zudem daran, warum ein zentrales Bereitstellungslager außerhalb der Salzgitteraner Schachtanlage nötig werde: „Für eine Genehmigung müsste man den ganzen Standort neu betrachten. dann würde man sehen, dass Konrad gar nicht mehr auf dem Stand der Technik ist.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (2)