Schwarzrotgold

Deutschland ist reich, aber Teile seiner Bürger sind arm

Die Regelwerke für die Arbeit in diesem Land sind deprimierend und zum Teil voller Hindernisse.

Während ich gerade schreibe, stelle ich mir einen Jugendlichen vor, dessen Eltern im Hinterhof einen Garten besitzen, mit Apfelbäumen, Erdbeeren und Kartoffeln. Der Jugendliche braucht jedes Mal die Genehmigung seiner Eltern, um einen Apfel zu pflücken oder Kartoffeln aus dem Boden zu holen, wenn er Hunger hat. Eigentlich würde man davon ausgehen, dass er eine Genehmigung bräuchte, wenn er Gemüse und Früchte zum Verkauf anbieten möchte. Er muss sich melden, bevor er den Garten überhaupt betreten darf. Die Eltern, um die es sich in diesem Beispiel handelt, ist Deutschland, und der Garten ist der Arbeitsmarkt.

Als ich nach Deutschland kam, dachte ich, dass nur die Ausländer eine Arbeitserlaubnis brauchen, um einen Job auf dem deutschen Arbeitsmarkt suchen zu dürfen und war verblüfft, als ich erfuhr, dass ein Deutscher nicht einfach die Tür eines Betriebs aufmachen und sofort arbeiten kann. Der Betrieb muss ihn anmelden. Es geht um seinen Schutz, seine Rechte und auch um seine Zukunft, weil die Rentenversicherung abgeführt werden muss. Wie aber diese Regelungen in der Praxis aussehen, lernte ich kennen, als ich selbst Arbeitgeber wurde. Die Regelwerke für die Arbeit in diesem Land sind deprimierend und zum Teil voller Hindernisse. Der Satz „Ich darf nicht dazuverdienen“ hat mich immer wieder schockiert. Wie kann ein Kind dieses Landes behaupten, dass es nicht ungehindert arbeiten darf?

Ungeduldig warten wir jetzt darauf, dass das öffentliche Leben wieder normal wird. Ich wünsche mir, dass unsere Politiker und Entscheidungsträger dran denken, das System umzubauen. Ich hoffe es, aber mein Zweifel ist groß, denn gerade habe ich zwei Schreiben bekommen: Die Knappschaft aus Essen will von mir wissen, wie viel eine Mitarbeiterin verdient, die sehr selten bei mir arbeitet. Eigentlich muss sie nicht bei mir arbeiten. Sie bekommt eine ausreichende Rente. Die Bitte kam von mir, weil ich jemanden brauchte, der die Senioren des Dibbesdorfer Altenkreises bedient, wenn sie bei mir zu Gast sind. Sie macht das hervorragend. Da es gesetzlich gefordert ist, habe ich sie angemeldet. Wenn sie 40 Euro verdient hatte, zahlte ich nach Abzug aller Abgaben 16 Euro aus. Zusammengerechnet hat sie im Jahr 2019 im Durchschnitt 24,16 Euro pro Monat verdient. Wenn man bedenkt, dass ein Angestellter der Knappschaft, der vielleicht 2500 Euro pro Monat verdient, dieses Schreiben verfasst und dafür Papier verbraucht hat, es mir per Post zugestellt wurde, ich mich daran gesetzt, das Formular ausgefüllt und zurückgeschickt habe, sieht man, wie wirtschaftlich und aufbauend alles zugehen kann.

Wegen der Größe meines Betriebes und der Branche bleiben die Arbeitsuchenden oft nicht lange, weil ich zum Teil auch in Konkurrenz mit dem Wohlfahrtsstaat bin. Folglich erhalte ich regelmäßig nicht nur Schreiben von der Knappschaft, sondern auch von den Jobcentern aus der ganzen Region und manchmal auch von den Krankenkassen, mit Hinweisen auf Paragrafen, die mich dazu zwingen zu antworten. Jeder muss auf meine Kosten an- und abgemeldet werden. Muss das System wirklich so bleiben? Die Coronakrise hat zu Tage gebracht, was in unserer Gesellschaft verborgen geblieben war: die Armut der Selbstständigen und der kleinen Unternehmer.

Der deutsche Staat ist reich, aber Teile seiner Bürger sind arm. Das wird mit dieser Krise deutlich. Nach einer zehnjährigen Selbstständigkeit habe ich keine großen Ersparnisse. Obwohl ich durchschnittlich 14 Stunden am Tag arbeite und ein volles Reservierungsbuch habe. Wenn ich einen Blick auf meine Preise werfe, ist mir bewusst, dass ich nicht teurer werden darf. Am 1. Mai berichteten die Zeitungen von Demonstrationen für Umverteilung des Reichtums. Mir ist egal, was für Vermögen andere Menschen haben. Mir ist es wichtig, etwas zu behalten von dem, was ich hart erarbeite.

Luc Degla studierte im Benin Mathematik und in Moskau und Braunschweig Maschinenbau. Der freie Autor lebt in Braunschweig. In seiner Kolumne beschreibt er sein Leben mit den Deutschen.

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