Hallo Braunschweig

„Ich habe Hunger“

Weihnachtsmarkt-Zeit ist immer auch Bettler-Zeit. Wer dieser Tage durch die Innenstadt schlendert, sieht sie überall. Die schwarz gekleidete Frau, die auf dem Pflaster kniet und mit ihrem Kopf fast den Boden berührt, nie die Augen hebt, wenn eine Münze in ihren Becher fällt. Der Mann mit dem Pappschild: „Ich habe Hunger“. Mitten im Passantenstrom. Wer nicht aufpasst, könnte ihn versehentlich treten. Der etwas jüngere Mann mit den zwei kleinen Hunden, die in Decken gehüllt vor ihm liegen… Diese Menschen sind nicht zu übersehen.

Ihr Anblick irritiert, weil sie nicht zur Weihnachtsglitzerwelt passen. Weil Armut und Not so besonders sichtbar werden. Das macht ratlos, löst Zweifel aus, Mitleid oder Empörung. Manchmal alles zugleich. Man kann doch nicht allen helfen! Also besser wegschauen? Warum müssen sie überhaupt hier hocken und sich so erniedrigen? Es gibt doch viele Hilfsangebote! Und wird das Geld nicht sowieso versoffen? Wäre ein belegtes Brötchen nicht sinnvoller? Außerdem: Stecken nicht meistens kriminelle Banden dahinter? Ist die Not vielleicht sogar nur gespielt? Muss denn wirklich mit zur Schau gestellten Krankheiten oder Tieren auf die Tränendrüse gedrückt werden?

Fragen über Fragen. Einfache, eindeutige Antworten gibt’s darauf nicht. Die Caritas hat vor einiger Zeit Tipps zum Umgang mit Bettlern veröffentlicht. Darin heißt es zum Beispiel:

„Ob und wie viel ich gebe, entscheide ich selbst, und was der bettelnde Mensch mit dem Geld macht, sollte man ihm überlassen. Wenn ich kein Geld geben möchte, kann ich stattdessen fragen, was er brauchen könnte. Vielleicht einen Einwegrasierer, ein Paar Socken, einen Schal oder neue Schuhe. Auch ein freundlicher Blick, ein Gruß oder ein paar Worte können eine Wertschätzung ausdrücken und mindestens so wertvoll sein wie eine im Vorbeigehen achtlos abgelegte Münze.“ Und auch dieses ist in den Tipps zu lesen: „Bei einem bettelnden Menschen könnte ich in Menschlichkeit und Solidarität investieren. Keine schlechten Wertanlagen.“

Niemand kommt als Bettler zur Welt. Niemand sitzt gern in der Kälte auf dem Pflaster. Ganz unten. Sich selbst entwürdigend. Es gibt immer einen Grund dafür, und der Absturz kann schnell passieren. Es tut nicht weh, diesen Menschen mit Respekt zu begegnen. In welcher Form auch immer. In der Weihnachtszeit, und auch an allen anderen Tagen.

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