Heimat – ich lieb’ dich!

Braunschweig  Streetwords: Junge Autoren aus Braunschweig schreiben über „Heimat“. Manchmal merkt man erst in der Ferne, wie sehr man mit der Heimat verwurzelt ist.

Von Romy Löwegrün

An die Heimat denke ich immer in der Ferne. Dann sehne ich mich oft nach etwas Heimischen, zum Beispiel nach den leckeren Brötchen von meinem Lieblingsbäcker. Oder nach paniertem Schnitzel mit Pilzsoße und Rotkohl. Wahnsinn! Nach längerer Abwesenheit von der Heimat wird mir erst bewusst, wie mir Mamas Essen zu Hause fehlt.

Als Heimat bezeichne ich Deutschland und natürlich die Stadt, in der ich aufgewachsen bin: Braunschweig. Genauso ist Heimat für mich aber auch meine Familie, unser Haus, und alle Menschen, die mir wichtig sind. Ich liebe es, die Sonnenaufgänge aus meinem Zimmerfenster zu beobachten!

Genauso gehört zu meinem Heimatgefühl das jährliche Wiederkehren der vier Jahreszeiten. Wenn im Frühling alles anfängt zu blühen und langsam grün wird, die Leute wieder aktiver werden und sich mehr draußen aufhalten. Den Sommer in den Parks, an den Badeseen und im Eiscafé zu genießen. Alles leuchtet so wundervoll in sattem Grün – und auch die Sommergewitter gehören dazu.

Den Herbst mag ich besonders gern, da ich in dieser Jahreszeit geboren bin und meist noch ein schöner „Altweibersommer“ mit herrlichen bunten Blättern an den Bäumen vorherrscht. Auch dem deutschen Winter kann man etwas Schönes abgewinnen – die Vorfreude auf das Weihnachtsfest, den Jahresausklang, die Karnevalszeit sowie die ersten Frühlingsboten – etwa die Rückkehr der Kraniche. Und es geht doch nichts über einen heißen Kakao im Winter mit Kuscheldecke und einem Buch. All diese Sachen gehören zu meiner Heimatverbundenheit dazu, und ich möchte sie keinesfalls auf Dauer missen.

Ich bin froh, dass wir die vielfältigen Facetten der Natur und Jahreszeiten erleben dürfen – und es nicht, wie in vielen anderen Regionen der Welt, nur heiß und trocken ist oder es womöglich das ganze Jahr über nur wenige Sonnenstunden am Tag gibt.

Wo hat das alles begonnen? In den Armen der Eltern!

Von Danielle Wiesner

Ich sitze im Nachtzug nach Haus, die Kopfhörer in meinen Ohren, lass ich die Musik rein und schalte die Welt aus, gehe in den Zeilen verloren.

Die Kapuze ans Fenster gelehnt, sehe ich zu, wie sich draußen die Welt Stück für Stück weiterbewegt. Weiter zu dir, dir in deinem Bett. Nur, fehle ich dort, aber morgen früh sind wir wieder komplett.

Das Radio rattert routinierte Routenstörungen runter, auf der Hälfte der Strecke herrscht wieder Land unter. Ich bin gefesselt an die Rücklichter des Wagens. Lasse liegengebliebene Leute zurück, wegen mittelmäßigen Schadens. Und ich bete, kein Stau und je öfter ich auf das Navi schau’, wird der Himmel allmählich dunkelblau.

Lautes Wartehallen-Gerede, dass ich einmal keinen verspäteten Flug erlebe, wird es wohl nicht geben. Worte werden ausgetauscht, Belangloses wird aufgebauscht, das Kind hat Teddys Nase zerknautscht.

Und inmitten der Menschen: ich. Ich ohne alle und ein Stück weit auch ohne mich. Kein Heimatland in Sicht, nur der verschneite Wetterbericht, der keinen Abflug verspricht.

Ich habe den Rucksack auf, will auf, auf und davon. Doch bin ich einmal ganz weit gekommen, dann frage ich mich, wo hat’s einmal begonnen? Ganz besonnen, in den Armen meiner Eltern.

Und heute schau’ ich mir ohne sie diese Welt an. Geh’ das Feld lang. Langsam beobachte ich steigende Drachen, fliegen hoch und immer weiter. So erklimmen sie die Himmelsleiter.

Und ich erinnere mich, wie es war, als ich einmal klein war. Da ist dieses Gefühl in mir, so bekannt. Nehme ich meine Kuscheltiere in die Hand, schaue bei Mama über den Kochtopfrand und mache Papa mit meinen neuen Erfindungen bekannt.

Ich lebe nur einmal, und ich werde niemals vergessen, wie es war, als ich klein war. Und meine Eltern, sie leben nur einmal und sie werden nie vergessen, wie es war als ich klein war.

Und wir alle haben eines gemeinsam. Wir sind unsere eigene Heimat.


Wenn die Heimat im Namen Gottes zum Vaterland wird

Von Otto Hannover

Wenn man genauer drüber nachdenkt, ist „Heimat“ etwas Zwischenmenschliches.

Sie manifestiert sich vielleicht in einer alten Allee, in bröckelndem Mauerwerk, in auf-halb-acht-hängenden Schindeln oder in einer kleinen Bar mit hübschen Buntglaselementen.

Womöglich auch in Gerüchen oder im Farbton eines Teppichs. Wahrscheinlich lässt sich Heimat auf die urige Nachbarin, auf Schul- und Sandkastenfreunde, Saufkumpane, Paten, Mütter und Väter herunterbrechen. Diese Menschen erwecken Dinge, die irgendwo herumstehen, zum Leben und kultivieren unsere Erinnerungen. Sie machen etwas Materielles zu etwas Ideellem.

So weit die Idee. Aber heute saß ich in der Bahn neben Jemand aus Ödland und er desillusionierte: Meine Heimat sind mit Salz bestreute Äcker. Da ist keine lebendige Erinnerung mehr.

Das zarte Pflänzlein gedieh einmal im Schwarzlicht, doch ging in einem wilden Chaos niederer menschlicher Instinkte – Gier, Neid, Aberglaube – auf. Sie wurde gespeist durch verkorkste zwischenmenschliche Beziehungen, aufgeputscht mit destruktiver Energie. Man trieb die Heimat ins Vaterland im Zeichen Gottes.

Ideologisch und mit alten und neuen Mythen überladen, zog sich der Verfallsprozess hin bis er in der Rodung von Menschen und menschlichen Gedanken seinen furchtbaren Höhepunkt fand.

Meine Heimat ist ein gefällter, hundertjähriger Baum, verbaute und abgebrannte Dörfer – mit Salz bestreute Äcker.

Heimat ist vertraut und beständig

Von Hannah Butzke

Von Herbert Grönemeyer stammt der Satz „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl!“. Eine treffende Definition, die alles und nichts zugleich aussagt.

Also was ist Heimat für mich? Für mich ist Heimat der Schwimmbadgeruch auf dem Weg nach Hause beim Fahrradfahren, immer einem bekannten Gesicht in der Stadt zu begegnen, das Gefühl von etwas Vertrautem.

Heimat ist dort, wo man sich wohlfühlt und zu Hause ist. Sie kann also alles und überall sein. Wenn es mir mal nicht so gut geht, dann ist Heimat für mich das, was ich in diesen einsamen Momenten vermisse und wohin ich mich dann zurücksehne. Das kann das eigene Pferd oder der Duft von frischem Obst sein oder – wie bei mir – das Elternhaus in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin.

Heimat ist nichts, was man sich bewusst aussucht, sondern das Gefühl von Sicherheit, welches einem eine bestimmte Sache gibt. In meiner Heimat kann ich ich selbst sein, muss mich nicht erklären, sondern fühle mich verstanden. So positiv Heimat auch sein kann, so düster kann sie auch sein. Denn jeder, der seine Heimat verliert, erleidet einen großen Verlust.

Heimat ist und bleibt etwas Beständiges in unserem Leben, was wir alle brauchen. Auch wenn man vielleicht denkt, dass man keine Heimat hat, bin ich überzeugt, dass sie jeder irgendwann finden wird.

Die Suche nach dir selbst

Von Aramis David

Es war einmal deine Geburt. Das war auch die Geburt der Heimat – in den Armen deiner Eltern. Dort warst du sicher, dort warst du deiner selbst.

Aktiver und aktiver fingst du an, deine Heimat zu gestalten. Mit einem neuen Kuscheltier, einem neuen Hobby. Auf einmal war da ein Mensch: individuell, mit Fähigkeiten und Bedürfnissen. Die Aufgabe deiner Heimat: die Bedürfnisse erfüllen, um dir selbst und deinen Fähigkeiten vollen Raum zu geben.

Und so bleibt das ganze Leben eine Suche. Eine Suche nach der Heimat. Und die Suche nach der Heimat ist die Suche nach dir selbst. Denn wie sollst du dich kennen, wenn du nicht weißt, wer du sein kannst?

So entwirfst du dir das Umfeld zum Weiter-wachsen. Das Umfeld, das dir die Möglichkeit gibt, Schritt für Schritt das zu entfalten, was in dir steckt.

Das tat deine Heimat schon immer. Sie entwickelt sich stetig, kongruent zur Persönlichkeit. Einen Schritt zu einem neuen Freund, einen Schritt zu beruflichem Erfolg, der Liebe deines Lebens …

So findest du mehr und mehr von dem, was dich erfüllt. Heimat. Du wächst und wächst.

Die Reise an den Anfang

Von Cynthia Seidel

Ein Wort. Sechs Buchstaben. Unendlich viele Bedeutungen: Heimat. Aber komm’ ich da jetzt her oder gehöre ich da hin? Unsere Herkunft: Das Land, die Stadt, der Ort, mit dem wir unsere ersten Erinnerungen teilen. Trotzdem verlassen wir sie oftmals, auf der Suche nach unserem Zuhause in dieser Welt. Wir stürzen uns in Reisen und Abenteuer, raus aus der Komfortzone, rein in das Unbekannte.

Wenn wir aber nicht fündig und von dem vielen Suchen langsam müde werden, wenn alles unscharf scheint, genau dann sehen wir den Hinweis ganz deutlich vor Augen. Die gesamte Zeit schon begleitet er uns. Öffnet uns die Türen und Tore dieser Welt: unser Pass. Jetzt aber weist er den Weg zurück. Dorthin, wo unsere Reise begann. An den Ort, den wir kennen wie kaum ein anderer. Wir erlauben uns zu rasten, weil wir glauben, hier schon alles ergründet zu haben. Tanken Energie für das nächste Abenteuer. Dann die Erkenntnis: Wir entdecken, dass Herkunft Heimat ist.

Das sollte uns nicht davon abhalten, weiter die Welt zu erkunden, aber es gibt uns die nötige Sicherheit, dass dort schon jetzt ein Ort ist, den wir Heimat nennen dürfen!

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