Mittelmaß und Schrecken – Hitlers Braunschweiger Personal

Braunschweig  In der Reihe der „Braunschweiger Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts“ widmet sich Band 4 den Nazi-Größen.

Auf dem Burgplatz im Juli 1935. Hitler besucht das geöffnete Grab Heinrichs des Löwen im Dom. Direkt hinter Hitler Braunschweigs Landespolizeichef Friedrich Jeckeln. Ministerpräsident Dietrich Klagges beobachtet die Szene argwöhnisch. Ganz rechts im Hintergrund Landesminister Friedrich Alpers.

Auf dem Burgplatz im Juli 1935. Hitler besucht das geöffnete Grab Heinrichs des Löwen im Dom. Direkt hinter Hitler Braunschweigs Landespolizeichef Friedrich Jeckeln. Ministerpräsident Dietrich Klagges beobachtet die Szene argwöhnisch. Ganz rechts im Hintergrund Landesminister Friedrich Alpers.

Die hiesige Geschichte des Freistaates Braunschweig mit dem und im Nationalsozialismus ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Schon 1930 waren hier die Nazis an der Regierung beteiligt, früher als anderswo in Deutschland. Diesem Umstand ist auch die bis heute diskutierte und bestaunte Tatsache zu verdanken, dass aus dem seit 1925 staatenlosen Ex-Österreicher Adolf Hitler 1932 ein Regierungsrat im Lande Braunschweig wurde – und mithin ein Deutscher.

Auch sonst stellte Braunschweig in vielerlei Hinsicht ein braunes Musterexempel dar, vermutlich wurde die Gleichschaltung nur an wenigen Orten so konsequent vorangetrieben.

Für die Historiker dürfte dies in erster Linie das Werk von Dietrich Klagges gewesen sein, schon seit 1931 in Braunschweig in der Regierung und von 1933 bis 1945 Ministerpräsident des Freistaates.

Klagges war der Kopf der Nazi-Nomenklatur in der Stadt, und eigentlich sollte das Buch, um das es hier geht, ja „Klaggestan – Braunes Braunschweig“ heißen. Das berichtet Herausgeber Reinhard Bein. Klagges und Konsorten, die alle Machtpositionen bis in die letzten Winkel von Rathaus, Uni und Justiz besetzten, hatten sich den braunschweigischen Staat zur Beute gemacht. Und dennoch gab es Ränke und Intrigen, brutale Machtauseinandersetzungen auch innerhalb dieser lokalen und regionalen NS-Machtelite.

Doch wer war das alles? Wer waren Braunschweigs Nazi-Größen? Und taugen sie für das Geschichtsbuch? Das in jedem Falle. Zwar hatte der Braunschweiger Arbeitskreis Andere Geschichte in seine bislang erschienenen drei Bände der „Braunschweiger Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts“ – mit insgesamt 181 Porträts – noch keinen einzigen Nazi aufgenommen. Schließlich sollten Untaten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ja gerade Ausschlusskriterien sein, erläutert Projektleiter Bein.

Doch die Herausforderung, auch die Mächtigen des braunen Braunschweig zu porträtieren, zu zeigen, woher sie kamen und wohin sie gingen, übrigens nicht selten auch bis weit in die bundesrepublikanische Zeit hinein – das schwingt immer mit.

Jetzt ist Band 4 da: „Hitlers Braunschweiger Personal“. Mehr als 300 Seiten mit 38 Porträts. Von Alpers bis Zörner.

Der eine – Friedrich Alpers – leitete schon 1933, damals noch heimlich, Aktionen gegen jüdische Geschäfte, er war schon seit 1929 in der NSDAP, Rechtsanwalt, Minister, Generalforstmeister, Gaujägermeister, SS-Obergruppenführer, Fallschirmjäger in der Wehrmacht, ein Prototyp der faschistischen Ideologie von Blut und Boden. Der andere – Ernst Zörner – war Hitlers Wegbegleiter seit 1924 und 1932 Steigbügelhalter seiner Einbürgerung in Braunschweig. Der Kaffeehändler war schon 1928 NSDAP-Stadtverordneter in Braunschweig, lotste seinen Freund, den Führer, mehrfach nach Braunschweig.

Doch Zörner gerät in Widerspruch zu Klagges – immerhin kann ihn Hitler als Oberbürgermeister in Dresden unterbringen. Später arbeitet er an der Seite Albert Speers, ist in Krakau und Lublin auch für die Enteignung und Vertreibung von Juden und ihren Transport in Ghettos zuständig.

Es sind stichwortartig nur zwei Porträts eines sehr lesenswerten Bandes, der zur Fundgrube für Geschichtsinteressierte werden kann. Sichtbar wird die Banalität des Bösen auch im Braunschweigischen, in den Porträt-Skizzen routiniert aufgeschrieben von Reinhard Bein selbst, Regina Blume, Heinz Günther Halbeisen, Gudrun Hirschmann, Dietrich Kuessner, Hans-Ulrich Ludewig, Dieter Miosge, Almuth Rohloff, Isabel Rohloff, Jannik Sachweh, Manfred Urnau, Susanne Weihmann und Michael Wettern.

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