Gabriel: Ich sollte auf die Sonderschule gehen

Braunschweig  Vom Problemkind zum SPD-Chef: Sigmar Gabriel diskutierte in Braunschweig mit Lehrlingen über Bildung. Die IG-Metall-Jugend übergab ihm ein Manifest.

Die Auszubildenden (von links) Matthias Blacklock-Schröder, Niklas Kröger und Jasemin Gökmen mit Detlef Kunkel und Sigmar Gabriel.

Die Auszubildenden (von links) Matthias Blacklock-Schröder, Niklas Kröger und Jasemin Gökmen mit Detlef Kunkel und Sigmar Gabriel.

Foto: Chmielewski

Sigmar Gabriel hat als SPD-Chef eigentlich immer viel um die Ohren, aber in diesen Tagen kommt es selbst für seine Verhältnisse dicke. Heute steht in Leipzig ein Feiermarathon zum 150. Parteijubiläum an, unter anderen kommt der französische Präsident.

Aus der Ferne beschimpft derweil die Sozialistische Internationale Gabriel als Spalter der Linken, weil der eine eigene globale Allianz der Sozialdemokraten aufbauen will. Dann steht bald auch noch die Bundestagswahl vor der Tür und, und, und.

Man könnte also meinen, Gabriel sei bis zum Gehtnichtmehr ausgelastet. Aber mag täuschen. Der Englisch-Unterricht an Berufsschulen in unserer Region ist schlecht oder kaum vorhanden? „Dem geh ich mal nach, das interessiert mich ja echt!“, ruft Gabriel. Er sitzt im Braunschweiger Gewerkschaftshaus am Kopf einer Tischrunde, 20 Jugendvertreter der IG Metall sitzen ihm gegenüber. Sie wollen mit dem SPD-Chef über Bildung diskutieren.

Bevor es zur Diskussion kommt, setzt Gabriel aber erst mal zu einem Kurzreferat an. Wie er lernte, dass man mit Engagement etwas bewegen kann: „Wir wollten ein Jugendzentrum, die Politik wollte es uns nicht geben, auch die SPD nicht. Dann haben wir das Rathaus besetzt, und auf einmal haben wir unser Zentrum bekommen.“

Gabriel lobt das duale System der Berufsausbildung in Deutschland, spricht über Chancengerechtigkeit. Es könne nicht angehen, dass in Deutschland zwei Drittel aller jungen Menschen mit Migrationshintergrund keine Ausbildung machen, weil es an Förderung fehle. Und zwar schon ganz früh: „Bildung ist nicht erst, wenn man in die Schule kommt.“

So weit, so unbestritten. Aber mal was anderes, Gabriel hält inne: „Interessieren Sie sich eigentlich für Bildung?“, fragt er in die Runde. Überraschung: Das tun die Teilnehmer der Tagesschulung „Qualität der beruflichen Erstausbildung“.

Jarmila Ortel, die bei Braunschweiger Flammenfilter zur Bürokauffrau ausgebildet wird, klagt: „Der Unterrichtsausfall an der BBS 3 ist eine Katastrophe: Im zweiten Ausbildungsjahr gab es noch keinen einzigen Tag, an dem kein Fach ausgefallen ist.“ Das Unternehmen versuche zwar, das mit Lerngruppen und sogar externen Schulungen zu kompensieren: „Aber man kann so ja nicht alles aufarbeiten, was man in der Berufsschule verpasst.“

Gabriel, von Beruf Gymnasiallehrer, plädiert für mehr Durchlässigkeit im Schulsystem: „Ich hatte nach der vierten Klasse eine Sonderschul-Empfehlung. In der sechsten war ich Klassenbester.“

Und er fordert mehr Praxisnähe in der Lehrer-Ausbildung: „Lehrer lernen im Studium, warum Franz Grillparzer für sein Stück Libussa ein bestimmtes Versmaß entwickelt hat. Aber wie sie jungen Menschen beibringen, dass Gedichte spannend sein können, obwohl die vielleicht keinen Bock auf Lyrik haben – das lernen sie nicht.“

Anekdoten, direkte Ansprache, Flapsigkeit: Gabriel hat die Fähigkeit, in solchen Runden gut anzukommen, über die Jahre zur Perfektion entwickelt. Das Einkommen der Eltern sollte nicht über die Chancen ihrer Kinder bestimmen? Selbst solche unbestreitbaren Allgemeinplätze kann er so verpacken, dass man meint: Endlich durchschaut es mal einer und bringt es auf den Punkt.

Marvin Hopp, Jugendvertreter im VW-Werk Braunschweig und Mitglied des IG-Metall-Jugendvorstands, findet: „Es ist toll, dass Sigmar Gabriel sich die Zeit genommen hat, mit uns zu reden.“ Klar, der Mann sei im Wahlkampf, und ob den großen Worten Taten folgen, stehe auf einem anderen Blatt.

Um ihn nicht so einfach davonkommen zu lassen, übergeben die Jungmetaller Gabriel ihr Bildungsmanifest. Kernforderungen: Bildung muss besser werden, sie muss allen zugänglich sein, und dafür braucht es mehr Zeit und mehr Geld. „Wir wollen ihn als Botschafter dieses Manifests gewinnen“, sagt Hopp. „Uns geht es um ein Versprechen: Er soll sich für diese Ziele einsetzen.“ Gabriel hat zugesagt, sich das Manifest anzusehen – und sich zu melden.

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