Was Journalisten heilig ist

Braunschweig  Offen gesagt – Noskes Notizen: Der Lokalchef unserer Redaktion schreibt Klartext und lädt zur Diskussion ein

Die journalistische Sorgfaltspflicht gebietet, stets auch die andere Seite zu hören. Dies ist ein heiliger Grundsatz, auch bei uns. Journalisten sind engagiert, neugierig, offen für alle Informationen – und sie geben auch ihre eigene Meinung nicht morgens am Eingang zur Redaktion an der Garderobe ab. Solche journalistischen Eunuchen wären im günstigsten Falle neutrale Datenspeicher, im ungünstigsten Falle Drehbleistifte der jeweiligen Herrschenden.

Journalisten sind unbequem. Deshalb könnte eine andere Version der journalistischen Sorgfaltspflicht lauten, stets auch für die andere Seite unbequem zu sein. Der unvergessene Hanns Joachim Friedrichs hat uns Journalisten den berühmten Spruch in Stammbuch geschrieben: „Mache Dich mit keiner Sache gemein – nicht einmal mit einer guten.“ Dies ist von einem solchen Vorbild eine geniale Beschreibung der journalistischen Sorgfaltspflicht. Ich habe mich allerdings immer wieder an diesem kategorischen Imperativ gerieben, war stets der Meinung, dass eine gute Sache wie etwa das Bürgerengagement auch so richtig Schub verdient hat. Also schiebe ich kräftig. Aber das meinte Hajo Friedrichs vermutlich nicht, denn ihm ging es um das ultimative Unabhängigkeitsgebot für Journalisten. Danach ist es das größte Verbrechen am Leser, Unabhängigkeit vorzutäuschen – und gleichzeitig Interessen zu dienen. Dann lieber konsequente, professionelle Distanz. Distanz als Prinzip.

Seit es eine freie Presse gibt, haben sich Journalisten, Verlage und Verbände Qualitäts-Richtlinien gegeben. Die wichtigsten Grundsätze kreisen stets um Wahrhaftigkeit, Unabhängigkeit, Sorgfalt. Unvoreingenommenheit und kritischer Geist – selbst dem Guten gegenüber – sind letztlich der Markenkern, das erfolgreiche Geschäft einer unabhängigen Redaktion. Am Ende müssen die Leser entscheiden, ob dies nur hehre, hohle Grundsätze sind – und sie tun es!

Wenn man so will, war unser Leserforum „Atommüll in Thune?!“ jetzt ein Prüfstein für solche Ansprüche. Machen wir uns nichts vor: Bei diesem Thema hat es Versäumnisse gegeben, echte Transparenz war hier jahrzehntelang ein Fremdwort. Das kann man so schnell nicht aufholen, schon gar nicht in drei Stunden. Aber man kann alle Beteiligten präsentieren. Die Position und Meinung der Verantwortlichen der beteiligten Unternehmen ebenso wie die der Bürgerinitiative. Dazu die Stellungnahmen der verantwortlichen Politiker ebenso wie die Fragen der Leser.

Und es gibt eine Gruppe, die einerseits Partei ist und andererseits zwischen allen Fronten steht. Das sind die Beschäftigten des Unternehmens, denen ganz naheliegend an Sicherheit und Gesundheit gelegen ist, die selbstverständlich und mit Recht für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes eintreten, die ihre Meinung sagen wollen und müssen, die auch echt empfundene Loyalität gegenüber ihrem Arbeitgeber üben und gleichzeitig den Mechanismen abhängiger Beschäftigung unterliegen. Auch dieser Kreis ist uns sehr wichtig! Auch für ihn ist die Redaktion Ansprechpartner und will es sein, offen, aber notfalls auch vertraulich im Sinne des von der Pressefreiheit garantierten Redaktionsgeheimnisses. Dieses dient der umfassenden Information der Öffentlichkeit und ist deshalb ebenfalls ein heiliger Grundsatz.

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