Osterode am Harz. Die Gipssteinbrüche bei Osterode sind mehr als nur Geröllhalden: Ein Spürhund soll das für die örtliche Industrie beweisen. Eine tierische Reportage.

Ein rosa Näschen fliegt über Matsch, schnüffelt durch Pfützen und Geröllhalden. Rundherum fällt Eisregen auf das emsige Tier: Die Hündin ist auf der Suche nach Kröten, nach Lurchen, nach Fröschen – hoch über Katzenstein, auf den Gipsklippen von Osterode am Harz. Sie schnüffelt dafür eilig durch den Steinbruch, jault immer wieder vor Aufregung. Der Wind trägt ihre Laute über die Klippen, eine Mischung aus Freude, Aufregung und Anspannung. Wo Menschen nur Schlamm sehen und Steine, sieht sie Fährten. Ein reiches Gedeck an Gerüchen, das sie pflichtbewusst an ihren Arbeitgeber meldet.

Gestatten: Heliix. Die Hundedame ist ein sogenannter Toller, genauer ein Nova Scotia Duck Tolling Retriever und von Beruf Artenerkennungsspürhund in Ausbildung. Ihre Ausbilderin ist Annika Kruse, Biologin in den Diensten von Saint-Gobain Rigips bei Förste. Mit ihrer Gefährtin sucht Kruse Hinweise auf Tiere, die man sonst nur mühselig in den Steinbruchhalden finden kann. Seit zwei Jahren steht sie im Dienst der Riesen-Firma mit Zentrale im französischen Courbevoie: rund 51 Milliarden Euro Umsatz hat man dort 2022 verbucht. Doch wozu sucht ein Unternehmen dieser Größenordnung nach Tieren in seinen Steinbrüchen?

Annika Kruse und Hündin Heliix. Die Biologin und ihr Artenspürhund in Ausbildung sind regelmäßig im Steinbruch oberhalb von Katzenstein unterwegs.
Annika Kruse und Hündin Heliix. Die Biologin und ihr Artenspürhund in Ausbildung sind regelmäßig im Steinbruch oberhalb von Katzenstein unterwegs. © FMN | Kevin Kulke

Auch bei Schietwetter unterwegs: Der Artenspürhund bei Osterode am Harz

Heliix quietscht vor Aufregung und das trotz winterlichem Schietwetter. Auf dem Steinbruch kann man weit ins Land schauen: erst die Dächer von Osterode, dann der Harz, weit dahinter der Horizont mit einem Schimmer Sonne. Und davor der Abgrund. Tief ist die Grube, die hier über Jahrzehnte in das Gestein getrieben wurde. So tief, dass man den schweren Radlader kaum hört, der sich knapp 100 Meter unterhalb der Klippen schwerbeladen die Straße emporschiebt. Heliix springt unterdessen vergnügt von einem Stein zum nächsten, unterbricht ihre Suche nur für einen Moment: Eine Pfütze muss auf ihren Geschmack getestet werden.

Weiter unten hat der Lader den Zenit der Grube erreicht. Auf seinem Ladebett trägt er den Stoff, um den sich hier alles dreht: Anhydrit-Gipsgestein. Dieses wird verarbeitet und das nicht nur zu Baustoffen wie Estrich, Bindemittel oder Trockenbauplatten – auch Keramik, beispielsweise für die Medizintechnik, braucht Gips und das nicht zu knapp.

Vom oberen Rand des Steinbruchs in Katzenstein bei Osterode am Harz kann man weit ins Land schauen.
Vom oberen Rand des Steinbruchs in Katzenstein bei Osterode am Harz kann man weit ins Land schauen. © FMN | Kevin Kulke

Die Gipsindustrie im Vorland des Harzes gehört seit über 100 Jahren zur Landschaft des hiesigen Wirtschaftsstandortes. Saint-Gobain Rigips beschäftigt am Standort Osterode dabei rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gips ist einer der wenigen Rohstoffe, die in Deutschland vor Ort abgebaut werden können. Etwa 80 Prozent des Gipses, der in Deutschland verarbeitet wird, kommt vom südlichen Harzrand. Doch der Abbau wird stets kritisch begleitet – in den vergangenen Jahrzehnten so aufmerksam wie nie zuvor.

„Wir spüren den Druck“, sagt Alexander Geißels von der Unternehmenskommunikation von Saint-Gobain aus Bodenwerder im Landkreis Holzminden. Bis 2050 möchte sein Unternehmen gerne gänzlich klimaneutral sein. „Wir wollen, dass die gipsgewinnende Industrie und der Naturschutz in Einklang miteinander kommen“, so der Unternehmenssprecher. Die Firma möchte, so schildert er es, als Teil der Gemeinschaft gesehen werden. Die Obstbäume, die sie entlang der Feldmark oberhalb des alten Steinbruchs in Katzenstein gepflanzt haben, sollen auch ein Zeichen dafür sein.

Im Steinbruch in Katzenstein bei Osterode am Harz fahren nicht nur die Radlader: Auch viele Tiere sind auf den Flächen unterwegs.
Im Steinbruch in Katzenstein bei Osterode am Harz fahren nicht nur die Radlader: Auch viele Tiere sind auf den Flächen unterwegs. © FMN | Kevin Kulke

Naturschutz und Industrie in Einklang bringen im Harz

Auch deswegen ist Geißels nach Osterode gekommen an diesem Tag. Gemeinsam mit Annika Kruse, Heliix und anderen Vertreterinnen und Vertretern des Betriebs watet er nun durch den knöcheltiefen Morast, ist augenscheinlich froh um seine Gummistiefel: Jeder Schritt schmatzt zwischen den weißen Brocken Gipsgestein, die hier verteilt liegen. Die Arbeit, die sein Unternehmen in Naturschutzmaßnahmen steckt, will er im richtigen Licht dargestellt wissen: „Wir wollen nicht nur abbauen und zerstören, auch wenn wir oft so dargestellt werden. Aber die Flächen, auf denen wir arbeiten, sind meist sowieso landwirtschaftliche Nutzflächen. Und wir gleichen immerzu aus, wo wir zuvor eingegriffen haben.“

Die Kritik an der Industrie ist weit verbreitet und bisweilen scharf. Gegen das geläufige Bild der nimmersatten Industrie, die Lebensräume unwiederbringlich unter seinen Kapitalinteressen zermalmt, wehrt sich auch Annika Kruse: „Auch ich bin Naturschützerin“, sagt sie. „Steinbrüche wie dieser hier haben riesiges Potenzial als Spezialhabitate.“ Man würde merken, dass sich die Perspektive auf solche Abbaugebiete verändert habe in den vergangenen Jahren. Allein der Anstieg an wissenschaftlichen Fachpublikationen in diesem Bereich zeige schon, dass die Bedeutung von Steinbrüchen in den Augen der Forschung zugenommen hat: „Meine Kolleginnen und Kollegen beneiden mich, dass ich in einem Steinbruch arbeiten darf“, fasst sie das Empfinden ihrer Zunft zusammen.

Ein reichhaltiges Habitat in den Augen von Biologen: „Meine Kolleginnen und Kollegen beneiden mich, dass ich in einem Steinbruch arbeiten darf“, sagt Annika Kruse, Biologin für Saint-Gobain Rigips.
Ein reichhaltiges Habitat in den Augen von Biologen: „Meine Kolleginnen und Kollegen beneiden mich, dass ich in einem Steinbruch arbeiten darf“, sagt Annika Kruse, Biologin für Saint-Gobain Rigips. © FMN | Kevin Kulke

Auf der Suche nach seltenen Arten im Harz

Die wissenschaftliche Auswertung des Biotops Steinbruch ist eine händische Angelegenheit – es gibt keinen Job im Steinbruch, bei dem die Schuhe sauber bleiben. Doch auch für Biologen ist es mühsam nach Tieren zu suchen, die sich bisweilen darauf spezialisiert haben, nicht gefunden zu werden. Doch des Menschen bester Freund springt da gerne ein. Wie die Webseite „Gehölz Pathogen Spürhunde“ erklärt, können Menschen rund 10.000 Gerüche unterscheiden, Hunde hingegen um die eine Million. Ein klarer Vorteil; 220 Millionen Riechzellen in Heliix Nase machen es möglich.

„Wenn ich hier zum Beispiel eine Zauneidechse nachweisen wollte, müsste ich eigentlich lange ins Feld. Durch Heliix kann ich zuvor aber herausfinden, ob sich das überhaupt lohnt“, erklärt Kruse die Vorzüge ihrer tierischen Gefährtin. Langfristig erleichtert Heliix ihrem Frauchen nicht nur die Arbeit – sie ermittelt, ob die Maßnahmen von Saint-Gobain überhaupt anschlagen. Das wiederum gibt dem Unternehmen die Chance, ihre Ausgleichs- und Renaturierungsprogramme besser zu verkaufen.

Was sind Nova-Scotia-Duck-Tolling-Retriever?

Der Webseite des Deutschen Retriever Clubs zufolge sind Nova-Scotia-Duck-Tolling-Retriever an sich absolute Experten bei der Entenjagd. Durch ihren hohen Spieltrieb und ihre Freude am Apportieren eigenen sie sich aber nicht nur für die Jagd, sondern auch für Familien mit aktivem Leben. „Der Nova-Scotia-Duck-Tolling-Retriever ist ein sehr intelligenter, ausdauernder und flinker Apporteur mit viel Temperament. Er ist extrem spielfreudig, aufmerksam und entschlossen. Dieser muntere und lustige Retriever, der sich auch in einer aktiven Familie sehr gut einfügt, sollte mit Einfühlungsvermögen und viel Zuwendung beschäftigt werden“, heißt es dazu online. Das Fell der Duck-Tolling-Retriever ist sehr wasserabweisend und schimmert orange bis hellbraun.

Was sagt der Nabu Osterode zum Artenschutzhund der Gipsindustrie?

Zu diesem Zweck sucht das Unternehmen in Osterode auch die Nähe zu den Naturschutzverbänden, wie zum Beispiel dem Nabu. Dessen Sprecher, Wolfgang Rackow, findet, Initiativen wie den Artensuchhund sind eine gute Sache. Er hat für seine Tätigkeit als Gutachter für Fledermäuse selbst schon Erfahrungen mit Spürhunden gemacht und ist erstaunt, wozu diese in der Lage sind: „Das ist eine gute Möglichkeit, um Kosten zu sparen, auf der Suche nach bestimmten Tieren. Die Deutsche Bahn setzt solche Hunde ebenfalls ein – für die Eidechsensuche entlang der Kiesbetten der Gleise zum Beispiel“, berichtet der Naturschützer.

Das Engagement der Gipsfirma kommt also auch bei Naturschützern gut an – auch wenn diese sich am Ende ihre kritische Distanz bewahren wollen. Heliix bekommt von all diesen Diskussionen nichts mit, sie ist sowieso viel zu beschäftigt mit Schnüffeln. Der Tagebau in Katzenstein ist für sie ein olfaktorisches Paradies, wie es scheint. Ihr Frauchen muss sie manchmal ein bisschen bremsen. „Sie ist eben noch in Ausbildung“, erklärt Annika Kruse mit einem Augenzwinkern.

Die Aufregung der jungen Hündin mag vielleicht auch darin liegen, dass sich in Katzenstein auch exotischere Tiere als nur diverse Unken umtreiben. In einer Pfütze entdeckt Kruse einen Pfotenabdruck, der ihre Erzählung über das Biotop Steinbruch unterstreicht: „Das ist eindeutig eine Waschbärspur“, erklärt die Biologin. Für sie zeigt sich auch im Auftreten dieser invasiven Art: Ehemalige Steinbrüche sind Lebensraum, Habitate, wie der Experte sagt, für zahlreiche Tiere. Kruse: „Die landläufige Meinung, dass ein Steinbruch einfach ein toter Haufen Geröll ist, die stimmt einfach nicht.“ Auch Pflanzen, die für viele Insekten als wichtige Nahrungsquelle dienen, findet man oft nur hier, sagt Kruse. „Der Zwergbläuling zum Beispiel“, erklärt die Biologin, „braucht ganz bestimmte Nahrungspflanzen, die sie hier finden – in der landwirtschaftlichen Kulturlandschaft gibt es diese kaum noch.“

Ein Umstand, den auch andere Gipsunternehmen in der Region immer wieder unterstreichen. Bei Rump und Salzmann, knapp fünf Autominuten von den Katzensteiner Gipsklippen entfernt bei Uehrde, rühmt man sich mit den Uhus, die sich hier im ehemaligen Bruch niedergelassen haben. Von den vielen Kleintieren, die in speziell angelegten Teichen, Steinhaufen auf mageren Kalkwiesen oder ungemähten Rasenflächen Zuflucht finden, ganz zu schweigen.

Auf Spurensuche: Hinweise, die viele Menschen wahrscheinlich schnell übersehen. Aber für Biologin Annika Kruse beweisen sie, was für Fauna sich im Steinbruch in Katzenstein herumtreibt. In diesem Fall ein zugewanderter Waschbär.
Auf Spurensuche: Hinweise, die viele Menschen wahrscheinlich schnell übersehen. Aber für Biologin Annika Kruse beweisen sie, was für Fauna sich im Steinbruch in Katzenstein herumtreibt. In diesem Fall ein zugewanderter Waschbär. © FMN | Kevin Kulke

Artenspürhund Heliix: Noch bis Ende April in Ausbildung

Doch all diese schönen Entwicklungen sollen nicht über den Zielkonflikt hinwegtäuschen, betont Wolfgang Rackow für den Nabu: „Eine Ausgleichsfläche, so schön und wertvoll sie auch ist, ist eben auch nur das: eine Ausgleichsfläche. Der ursprüngliche Naturraum ist trotzdem unwiederbringlich verloren. Ausgleichsflächen und das Engagement der Gipsfirmen sind am Ende Kompromisse.“ Für Rackow sind diese Aushandlungen, wenn man so will, keine schlechten Lösungen. Aber eine Waldfläche zum Beispiel, die für ein Abbauprojekt weichen müsste, könnte man andererseits nicht ausgleichen. „Es würde gut 90 Jahre brauchen, bis sie den Wald auf Gipskarst wieder zurückgewonnen hätten“, so der Experte. Froh ist er dennoch, dass es dem Naturschutzverein gelungen ist, dass die Gipsbetriebe ganz automatisch das Gespräch mit ihm und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern suchen: „Uns war es immer wichtig, dass man miteinander spricht und nicht übereinander.“

Heliix kann also auf ein konstruktives Arbeitsumfeld setzen, wenn ihre Ausbildung beendet ist. Noch bis Ende April dauert diese an, dann – so hofft Kruse – wird die Hündin ihr Zertifikat bekommen. Heliix ersten richtigen Einsatz hat sie schon vor Augen: Im Sommer soll sie auf die Suche nach Gelbbauchunken gehen. Dann, so ist die Hoffnung, ist das Wetter auch für Frauchen ein bisschen angenehmer.

Von wegen toter Raum: Geröllhalden wie diese stellen ideale Habitate für viele Tiere dar, wie Biologin Annika Kruse erklärt.
Von wegen toter Raum: Geröllhalden wie diese stellen ideale Habitate für viele Tiere dar, wie Biologin Annika Kruse erklärt. © FMN | Kevin Kulke

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