Der Rechtsextremismus in der Region verändert sein Gesicht

Wolfenbüttel  Bomberjacke und Springerstiefel waren gestern. Rechtsextreme setzen heute auf Konzerte und Partys, um Menschen zu erreichen.

Teilnehmer einer NPD-Veranstaltung warten auf Einlass. In der Szene haben sich schwarze Kapuzenpullis etabliert.

Foto: Peter Müller/dpa

Teilnehmer einer NPD-Veranstaltung warten auf Einlass. In der Szene haben sich schwarze Kapuzenpullis etabliert. Foto: Peter Müller/dpa

Die NPD verliert in der Region weiter an Einfluss. Ursache dafür sind innerparteiliche Querelen: Das sagt Axel Müller*, Mitarbeiter der Braunschweiger Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt. Entwarnung gibt er gleichwohl nicht.

Auf Einladung des Arbeitskreises Frieden konkret referierte der Sozialpädagoge am Mittwochabend in St. Thomas. Knapp 100 Zuhörer – darunter viele Jugendliche – informierten sich über innere und äußere Veränderungen der rechten Szene.

In Anlehnung an den Bielefelder Forscher Wilhelm Heitmeyer definierte Müller Rechtsextremismus als das Zusammentreffen von Ideologien der Ungleichheit und der Akzeptanz von Gewalt. Springerstiefel und Bomberjacke, so seien Rechtsextremisten früher aufgetreten. Heute sei es ungleich schwieriger, solche Gruppen äußerlich zu identifizieren. Die Symbole seien oft nur Insidern bekannt. Als Beispiel nannte er das Modelabel „Max H8“, das konventionelle Ware fertige. In rechtsextremen Kreisen stehe die englische Abkürzung für maximalen Hass.

Auch in Stadt und Kreis Wolfenbüttel seien Rechtsextremisten aktiv. Müller hob dabei die Autonomen Nationalisten hervor, die er auf bis zu 15 Personen bezifferte. „Hier gibt es keine typische Kameradschaftsstrukturen mehr. Die Leute treffen sich spontan zu Aktionen.“

So würden mit Schablonen Parolen oder Graffiti an Häuserwände gesprüht oder Aufkleber an sichtbaren Stellen im Stadtgebiet angebracht. Ferner würden Flugblätter verteilt oder bei Demonstrationen Transparente gezeigt.

Die Polizei bestätigt das auf Nachfrage unserer Zeitung. „Wir kennen die Autonomen Nationalisten vorwiegend wegen Sachbeschädigungen. Gewaltdelikte sind uns nicht bekannt“, sagt ein Beamter der polizeilichen Staatsschutz-Dienststelle in Salzgitter.

Laut Müller betreibt die in Wolfenbüttel und Salzgitter beheimatete Gruppierung eine professionelle Webseite. Äußerlich orientiere sie sich an der Kameradschaft Thor aus Berlin: Mitglieder trügen schwarze Kapuzenpullis und Sonnenbrillen – so wie linke Autonome.

Der Experte listete mehrere rechtsextreme Gruppen in der Region auf, darunter die Hornburger Jungs. Diese hätten sich im Umfeld eines Sportvereins getummelt und zuweilen T-Shirts mit der Zahl 88 getragen. Bilder davon kursierten auch im Netz. In der Szene sei damit jeweils der achte Buchstabe im Alphabet gemeint, HH, also: Heil Hitler.

Ebenfalls im Internet tummele sich ein Wolfenbütteler, der die Freilassung des mutmaßlichen NSU-Helfers Ralf Wohlleben fordere. Dieser soll die mordenden Rechtsterroristen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt unterstützt haben.

Laut Müller hat sich die rechte Szene in der Region immer stärker ausdifferenziert. Es gehe heute nicht mehr nur um Politik, sondern auch um Konzerte, Spaß und Partykultur.

Sabine Resch-Hoppstock vom Wolfenbütteler Bündnis gegen Rechtsextremismus ruft deshalb zu mehr Wachsamkeit auf. „Aufklärung und Sensibilität sind bei diesem Thema sehr wichtig.“ Im Bedarfsfall könne das Bündnis über eine Telefonkette jederzeit schnell reagieren.

*Name von der Redaktion geändert

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