Pflegebedürftige können zwischen Leistung und Stoppuhr wählen

Wolfenbüttel  Erich Beckmann ist am liebsten zu Hause. Damit der 91-Jährige dort bleiben kann, kümmert sich unter anderem ein ambulanter Pflegedienst um ihn.

Pflegehelferin Uschi Alltag feilt die Nägel von Erich Beckmann. Diese Leistung ist Teil der Pflege, die der 91-Jährige in Anspruch nimmt.

Foto: Pelz

Pflegehelferin Uschi Alltag feilt die Nägel von Erich Beckmann. Diese Leistung ist Teil der Pflege, die der 91-Jährige in Anspruch nimmt. Foto: Pelz

Jeden Morgen kommt eine Mitarbeiterin der Sozialstation des Hauspflegevereins, um Beckmann aus dem Bett zu helfen, zu waschen, einzucremen und anzuziehen. Dafür zahlt die Pflegekasse nach Angaben von Gabriele Düe, Geschäftsführerin des Hauspflegevereins, 450 Euro monatlich. Beckmann zahlt zwischen 70 und 100 Euro dazu.

Ab Januar aber wird das System neu gemischt. Dann nämlich soll das vom Bundestag beschlossene Pflegeneuausrichtungsgesetz (PNG) in Kraft treten. Dies bringt gleich mehrere Neuerungen mit sich, die – wie Gabriele Düe deutlich macht – nur mit viel Mühe zu durchblicken sind.

Da ist zum einen die häusliche Betreuung, die zusätzlich zur Grundpflege und zur hauswirtschaftlichen Versorgung angeboten wird. Konkrete Inhalte seien bislang nicht bekannt. „Ich kann mir aber vorstellen, dass damit Spaziergänge, Vorlesen oder ähnliche Dinge gemeint sind“, erklärt die Geschäftsführerin. Allerdings gebe es für diese Leistung nicht mehr Geld, sondern gehe zu Lasten anderer Tätigkeiten.

„Es sei denn, der Patient hat eine so genannte eingeschränkte Alltagskompetenz wie beispielsweise Demenzkranke.“ Dann könnte es zusätzliches Geld geben – sowohl für Demenzkranke ohne Pflegestufe als auch für jene mit Pflegestufe 1 und 2. Neu sein wird auch, dass das Pflegegeld für pflegende Angehörige zu 50 Prozent weitergezahlt wird, wenn der Pflegebedürftige beispielsweise in Kurzzeitpflege gegeben wird.

Mit letzterer hat auch Erich Beckmann schon seine Erfahrungen. Die, so sagt er, hätten ihn darin bestärkt, auf keinen Fall in ein Altersheim zu gehen. „Dafür bin ich einfach nicht gemacht.“ Nach dem PNG kann er nun ab Januar wählen, ob er den ambulanten Pflegedienst nach Leistungsmerkmalen wie bisher zahlen will oder ob nach Zeitkontingenten abgerechnet werden soll.

Bislang braucht Pflegehelferin Uschi Alltag für die morgendliche Pflege zirka 25 Minuten. „Sollte es mal etwas länger dauern, weil es dem Patienten gerade nicht so gut geht, gleicht sich das in den nächsten Tagen wieder aus“, sagt sie. Geschäftsführerin Gabriele Düe spricht von einer Mischkalkulation.

Wie das zukünftig gehandhabt werden kann, wenn der Dienst bei Wahl der Zeitoption mit Stoppuhr verrichtet werden müsste, ist beiden völlig unklar. Alltag: „Ich kann doch jemanden nicht sitzen lassen, wenn es ihm nicht gut geht.“

Gabriele Düe ergänzt, dass ganz viele Dinge zu diesem Teil des Gesetzes noch völlig unklar seien. Beispiel Pflegedokumentation: Sie wird vom Gesetzgeber verlangt. „Aber wer wird die Zeit dafür künftig bezahlen, wenn nach Zeit abgerechnet wird?“

Erstmalig, so sagt sie, hätten sich mehrere Pflegedienste des Paritätischen Niedersachsen zusammengetan, um gemeinsam zu kalkulieren – „damit nicht einer dem anderen das Wasser abgräbt“. Zudem seien Leistungen nur vergleichbar, wenn die Personalkosten einbezogen würden. „Gute Pflege kostet“, appelliert Gabriele Düe an all jene, die Pflege in Anspruch nehmen.

Schon jetzt sei der Fachkräftemangel gravierend. „Wenn dann nur ein Hungerlohn gezahlt wird, ist es noch schwieriger, examinierte Pflegekräfte zu bekommen.“ Mit dem PNG solle die ambulante Versorgung verbessert und pflegende Angehörige entlastet werden. Düe: „Es darf aber nicht zum Motivationskiller werden.“

Infoschreiben mit den Kernpunkten des neuen Gesetzes sollen demnächst verschickt werden. Erich Beckmann jedenfalls versteht die ganze Aufregung nicht: „Die Pflegekräfte müssen so viele Handgriffe bei mir machen – mal mehr, mal weniger. Das kann man doch zeitlich gar nicht genau bestimmen.“ Er will sich auch weiter für die Leistungskomplexe und gegen die Stoppuhr entscheiden.

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