Der digitale Historiker – Zwischen Geschichte und Informatik

Wolfenbüttel  Timo Steyer erstellt an der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel eine virtuelle Forschungsumgebung.

In seinem Projekt bewegt sich der Historiker Timo Steyer auf der Grenze zwischen Geisteswissenschaften und Informatik.

Foto: Johannes Kaufmann

In seinem Projekt bewegt sich der Historiker Timo Steyer auf der Grenze zwischen Geisteswissenschaften und Informatik. Foto: Johannes Kaufmann

Selbst seine Kollegen von der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel (HAB) müssen immer wieder nachfragen, was genau er eigentlich macht. „Digital Humanities“ (digitale Geisteswissenschaften) heißt das Projekt, an dem Timo Steyer arbeitet. „Wir erstellen eine virtuelle Forschungsumgebung“, sagt der Historiker und erklärt: „Im Verbund mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Klassik Stiftung Weimar sammeln wir unsere digitalen Bestände, um sie gemeinsam zu präsentieren. Wir planen zum Beispiel einen gemeinsamen Suchkatalog.“

Forschungsbibliotheken wie die HAB verfügten über eine Vielzahl von Spezialdatenbanken, erklärt der 35-Jährige – etwa zu alten Drucken, Handschriften, Fotos oder Leichenpredigten. Diese Daten seien für Nutzer oft schwer zugänglich. Doch es geht nicht nur um das Sammeln und Zusammenfügen von Daten, sondern auch um neue Werkzeuge für den Umgang mit diesen Informationen. Die Digitalisierung biete zum Beispiel die Möglichkeit von Wortanalysen in der Kombination mit Wörterbüchern. Büsten aus Weimar könnten in 3D präsentiert, digitalisierte Originalquellen den Editionen hinzugefügt werden, so Steyer. „Das macht Wissenschaft transparenter.“ Ein konkretes Beispiel für die Forschungsanwendung: „Man könnte die Ausbreitung eines falschen Goethe-Zitats durch die Veröffentlichungen nachverfolgen“, so Steyer.

Ist das noch Geisteswissenschaft oder schon Informatik? „Beides“, antwortet der 35-Jährige und nimmt Bezug auf das Motto „Grenzen überschreiten“ der European Researchers’ Night am 26. September in Braunschweig und auf den Titel unserer Porträtserie. Als Historiker beherrscht er Latein und kennt sich aus mit dem Fachgegenstand. Gleichzeitig muss er für sein Projekt aber auch selbst programmieren.

„Eine Grenze zu überschreiten, bedeutet immer, etwas anderes zurückzulassen und dort Kompetenzen zu verlieren“, sagt Steyer. Das erfordere das Abschätzen von Risiken und Chancen. „Nach dem Geschichtsstudium in Braunschweig dachte ich, jetzt mache ich das, was ich gelernt habe.“ Stattdessen sei er erst einmal mit technischen Fragen „bombardiert“ worden.

Die neue Disziplin der „Digital Humanities“ passe aber gut zu seinen Interessen, erzählt Steyer. Für Geschichte habe er sich schon begeistert, als er als Kind „Was ist Was“-Bücher gelesen habe. Technik war ein Hobby. „Ich bin die Generation Commodore 64“, scherzt Steyer, die erste Generation, die mit dem Computer aufgewachsen sei.

„In der Studienberatung sagte man mir: Sie studieren Richtung Arbeitslosigkeit“, erinnert sich Steyer. In seiner Dissertation, an der er seit sechs Jahren arbeitet, geht es um fromme Spenden in Testamenten aus dem Spätmittelalter. Wahrlich kein Thema, das bei Bewerbungen Türen öffnet. Aber spannend: „Mit solchen Spenden an Arme und Kranke, Pilger oder für Kreuzzüge wollten sich Sterbende die Zeit im Fegefeuer verkürzen“, erklärt der Historiker. In Braunschweig gebe es einen einmaligen Dokumentenbestand mit 4500 Testamenten.

Aber die Doktorarbeit liegt erst einmal auf Eis. Als Geisteswissenschaftler müsse man flexibel sein, dann komme man schon irgendwo unter, ist Steyer überzeugt. Mit der Kombination seiner Interessen hat er eine Nische auf einem ansonsten überfüllten Markt gefunden. An der HAB hat er gerade seinen ersten 5-Jahres-Vertrag erhalten. Für einen Historiker eine „krasse Perspektive“, freut sich der 35-Jährige.

Die VW-Ingenieure in seinem Freundeskreis würden solche Gedanken nicht kennen, meint Steyer. Die ungewisse Perspektive, die örtliche und thematische Flexibilität, die Notwendigkeit, auch in der Freizeit unbezahlt zu arbeiten – auch das seien für Forscher typische Grenzüberschreitungen. Für Hobbys wie Fußball, den Besuch des Eintracht-Stadions, Volksläufe und Computerspiele bleibe da kaum Zeit.

GRENZGÄNGER

In unserer Serie Forscher/Grenzgänger haben wir in den vergangenen Wochen Forscher der Region porträtiert. Einige von ihnen, darunter Timo Steyer, können Sie am 26. September bei der European Researchers’ Night kennenlernen. Falls Sie Fragen an die Forscher haben, schicken Sie diese an:

antworten@bzv.de

Eine andere Form der Flexibilität ist für Steyer die Offenheit, in ein paar Jahren vielleicht etwas ganz anderes zu machen. Denn bei aller Leidenschaft für die Wissenschaft: „Meine Jungs stehen an erster Stelle“, sagt der zweifache Vater.

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