ESA-Astronaut Alexander Gerst feiert Halbzeit im Weltall

Moskau  Die Hälfte der Zeit auf der Raumstation ISS ist für Alexander Gerst vorbei. Als dritter Deutscher arbeitet er auf dem Außenposten der Menschheit. Der Geophysiker ist begeistert.

ESA-Astronaut Alexander Gerst bei Versuchen mit einer Seifenblase auf der Internationalen Raumstation ISS.

Foto: DLR/ESA

ESA-Astronaut Alexander Gerst bei Versuchen mit einer Seifenblase auf der Internationalen Raumstation ISS. Foto: DLR/ESA

Halbzeit für Deutschlands Mann im All: Seit zwölf Wochen arbeitet der Geophysiker Alexander Gerst (38) nun im Weltraum - und er hat das Staunen nicht verlernt. „Unbeschreibbares Gefühl, in der faszinierendsten Maschine zu arbeiten, die je von Menschen gebaut wurde“, twittert Gerst von der Internationalen Raumstation ISS. Eine Enttäuschung muss der Astronaut aber hinnehmen: Wegen Problemen mit seinem Raumanzug hat die Flugleitung einen geplanten Ausstieg in den freien Kosmos verschoben. Er soll nun im September stattfinden.

„Der Außeneinsatz wird auf jeden Fall ein Höhepunkt der Mission“, sagt Vorstandschef Jan Wörner vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln. Er ist einer von Gersts engsten Betreuern. „Ich bin sehr zufrieden mit dem Verlauf der Mission und der Arbeit von Alexander Gerst“, sagt Wörner der Nachrichtenagentur dpa. Der Astronaut aus Künzelsau in Baden-Württemberg habe zahlreiche Experimente bereits erfolgreich beendet.

Zwar steht die Frage nach dem Duft des Kosmos nicht auf der Aufgabenliste, aber die ISS-Besatzung sucht trotzdem eine Antwort. „Für mich riecht der Weltraum nach einer Mischung aus Walnuss und den Bremsbelägen meines Motorrads“, meint Gerst. Sein US-Kollege Reid Wiseman findet hingegen, das Weltall dufte „wie ein Stapel nasser Wäsche“. Gerst räumt ein: „Da hat er nicht ganz unrecht.“

Er ist der dritte Deutsche auf der ISS. Mit einem spektakulären Nachtstart war er Ende Mai vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan an Bord einer russischen Sojus-Rakete zum Außenposten der Menschheit geflogen. In rund 400 Kilometer Höhe arbeitet er seitdem mit drei Russen und zwei neuerdings glatzköpfigen US-Amerikanern zusammen.

Gerst rasierte ihnen nach gewonnener Wette die Haare ab - Anlass war ein Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft, bei dem Deutschland die USA mit 1:0 besiegte. Als das DFB-Team kurz darauf gar den Titel gewann, widmete Gerst der deutschen Elf „meine nächsten elf Erdumrundungen“.

Solche Späße dürften für den 38-Jährigen eine willkommene Abwechslung vom anstrengenden Programm sein. Jeder der sechs Raumfahrer erhält von seinem irdischen Arbeitgeber eine strikte Vorgabe für die sechs Arbeitstage pro Woche. Von 6.00 bis 23.00 Uhr sind die Schichten klar strukturiert. Im Mittelpunkt steht die Forschung, bei der allein Gerst rund 100 Experimente betreut. So testet er etwa für Industriebetriebe, die mit Schaum arbeiten, die Robustheit von Seifenblasen. Fotos zeigen den Deutschen, wie er dünne glänzende Kugeln in das mit Technik vollgestopfte Weltraumlabor bläst.

Und täglich schickt die Besatzung medizinische Befunde ihrer Körper zur Erde. „Seit Missionsbeginn bin ich drei Zentimeter gewachsen“, teilt Gerst mit. Grund ist die Schwerelosigkeit: Die Rückenmuskulatur baut ab, die S-förmige Wirbelsäule streckt sich. Täglich zwei Stunden kämpfen die Raumfahrer auf dem Laufband gegen Muskelschwund.

Sechs Jahre nach dem letzten Deutschen auf der ISS versteht sich Gerst auch als „Aufklärer“. Fast täglich funkt er Fotos zur Erde, die in erstaunlicher Schärfe etwa Wüsten, Städte und Inseln zeigen - und den Betrachter aufrütteln sollen. „Wir glauben, ihn so gut zu kennen, und doch leben wir auf einem geheimnisvollen Planeten“, schreibt Gerst dazu. Die Erde sei nur eine winzige Kugel mit einer hauchdünnen Schutzhülle, aber der Mensch beschädige sie trotzdem mit Krieg und Zerstörung. Eine Luftaufnahme des Nahost-Konflikts nennt er sein „bisher traurigstes“ Foto. „Schwer verständlich, was auf der Erde manchmal vor sich geht“, fügt er nachdenklich hinzu.

Gerst ist der elfte Deutsche im All. Nur die Raumfahrtgroßmächte Russland und USA haben mehr Menschen in den Kosmos geschickt. „Mit dem Flug von Alexander Gerst wird das deutsche Engagement in der bemannten Raumfahrt konsequent fortgesetzt“, sagte DLR-Chef Wörner.

Doch der Betrieb des schwebenden Labors über 2020 hinaus ist nicht gesichert. Russland hat nach bisher 15 Jahren ein Ende seines Engagements angekündigt, wohl auch als Reaktion auf US-Sanktionen im Ukraine-Konflikt. Gerst könnte der letzte Deutsche an Bord sein.

Seine Mission geht am 11. November zu Ende, dann soll er mit dem Russen Maxim Surajew und dem US-Amerikaner Wiseman in der kasachischen Steppe landen. Bis dahin verschickt sein E-Mail-Fach auch weiterhin eine originelle automatische Antwort: „Ich befinde mich momentan nicht auf diesem Planeten. Bitte versuchen Sie es nach meiner Rückkehr zur Erde wieder. Beste Grüße, Alexander Gerst.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Captcha
    Weitere Artikel aus diesem Ressort