Mein neuer Job heißt Professorin!

Angestellte bei der Stadt, Fernstudium, Doktortitel, Ruf an die Hochschule – eine Geschichte vom Lernen

Andrea Tabatt-Hirschfeldt ist frischgebackene Professorin für Sozialmanagement. Sie erhielt einen Ruf an die Hochschule Coburg.   

Foto: Rudolf Flentje

Andrea Tabatt-Hirschfeldt ist frischgebackene Professorin für Sozialmanagement. Sie erhielt einen Ruf an die Hochschule Coburg.    Foto: Rudolf Flentje

BRAUNSCHWEIG. Wenn in der nächsten Woche der neue Studiengang Sozial-Management an der Hochschule Coburg in Bayern gestartet wird, ist eine Braunschweigerin federführend dabei. Sie verlässt ihren bisherigen Job als Angestellte im städtischen Gesundheitsamt – und wird Professorin!

Das sind Geschichten, die wir gern erzählen. Sie künden vom lebenslangen Lernen, vom Aufbruch zum Neuen – und von verdammt viel Arbeit und Einsatz, um persönliche Ziele zu erreichen.

"Ich habe gern in Braunschweiger Gesundheitsamt gearbeitet, zuletzt in der Tuberkulose-Beratung", sagt Andrea Tabatt-Hirschfeldt, heute 42. 18 Jahre lang war bei der Stadt Braunschweig tätig – bis Ende Februar. Nun tritt sie eine neugeschaffene Professur als Beamtin beim Freistaat Bayern an – in diesem März ist es so weit.

Ganz so einfach ist so etwas natürlich nicht. "Irgendwann habe ich einfach eine neue Herausforderung gesucht", erzählt sie. Es ist das Jahr 2002. Da ist sie Sozialarbeiterin in einer schönen Stelle, hat Abitur an der Christophorus-Schule gemacht und schon ein Studium hinter sich. Was will man mehr?

Man kann in die Leute nicht reingucken, aber manche wollen mehr. Sie startet neben dem Beruf ein Fernstudium Sozial-Management an der hiesigen Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel. Ziel: der "Master of Social Management".

"Sie können das. Arbeiten Sie wissenschaftlich!"

Sozial-Management also: Das ist wichtig, um Sozialarbeit und Betriebswirtschaft in schwerer Zeit zu versöhnen. Die Baustellen des Sozialstaats brauchen heute hartgesottene Manager, so wie Fußball-Klubs längst einen haben. Das ist brandaktuell, superspannend – bloß die Feierabende und Wochenenden kannst du bei solch einem Extra-Studium erstmal knicken.

In Axel Tabatt hat sie einen verständnisvollen Partner. Mit Baustellen kennt sich der Gatte aus, kaufmännischer Leiter eines Kraftwerk-Bauers in Osterode. Wenn sie am späten Samstagabend immer noch über den Büchern hockt und die Computer-Tastatur traktiert, zieht er ihr manchmal einfach den Stecker raus.

Sie macht es gut. Das ist – wenn man will – das Problem. Gleich nach der ersten Hausarbeit über "Möglichkeiten und Grenzen des Outsourcings im öffentlichen Gesundheitswesen" bescheinigt ihr der renommierte Professor Gotthard Schwarz (München): "Sie können das. Sie sollten wissenschaftlich arbeiten!"

Na klar. Der Alltag wird indes zur Belastungsprobe. Ganze Einkäufe landen kurzerhand im Gefrierfach. Besser ist es. Man schafft einen zweiten Gefrierschrank an. Die frühere gemeinsame Leidenschaft Tanzsport im Braunschweiger BTSC muss leider dran glauben.

"Mein ursprüngliches Interesse, mich bei der Stadt für eine Führungsposition zu qualifizieren, hat sich im Laufe des Studiums gewandelt. Ich entdeckte, dass mir wissenschaftliches Arbeiten Freude bereitet", sagt sie. Ein echter Spaß, den man auch gern mal in den Urlaub mitnimmt.

So geht es Schlag auf Schlag. Der Master im Februar 2005! Für den Leiter dieses bundesweiten Modell-Studiengangs, Professor Ludger Kolhoff, ist es nicht wirklich eine Überraschung. Er rät zur zügigen Promotion. Machen wir es kurz: Andrea Tabatt-Hirschfeldts Doktorarbeit "Leistungsorientierung in der Kommunalverwaltung" erscheint gerade in diesen Tagen als Buch. Wollen Sie noch die Note wissen?

Eigentlich überflüssig. "Es standen immer Einsen drunter", sagt sie lapidar. So hat man Spaß. Dann noch ein Lehrauftrag am hiesigen Fachbereich Sozialwesen – und so beginnt die Lust an der Lehre. Es ist eine Art Mission: "Sozialarbeit sieht Betriebswirtschaft oft als natürlichen Feind an. Ich versöhne beide Seiten", sagt sie.

Das ist keine zu unterschätzende Aufgabe. Werbung, Marketing, Finanzierung, Organisation, Wettbewerb, knallharte Kosten-Kalkulation – es ist nicht der Tod der sozialen Arbeit, sondern heute professionelle Voraussetzung für effektive Hilfe für Menschen in Not. Hilfe, die dauerhaft gehalten werden kann.

Solche Manager sind gefragter denn je. Ludger Kolhoff: "Die Ergebnisse unseres Studiengangs sind sehr erfreulich. Der Berufserfolg der Absolventen ist als exzellent einzuschätzen. Viele sind in Führungspositionen gewechselt oder promovieren."

Es gibt noch viel zu forschen und zu lehren

Manchmal wird man sogar Professor, aber da ist die Luft dünn. Coburg ist eine der größten Fachhochschulen im Land. Sie steigen größer ein, bauen einen Masterstudiengang Soziale Arbeit neu auf. Die Braunschweigerin bewirbt sich auf das Stellenangebot – und erhält tatsächlich den Ruf. Am 16. März geht es nun los.

Das ist natürlich eine tolle Geschichte, bloß, dass die Arbeit jetzt erst richtig anfängt. Bei ihrem Ausstand im Braunschweiger Gesundheitsamt hat die frischgebackene Professorin auf die Einladung geschrieben: "Wege entstehen dadurch, dass man sie geht."

Sie hat dann noch hinzugefügt: "Unterwegs öffnen sich Türen, die man vorher gar nicht gesehen hat." Es konnte zum Beispiel auch keiner wissen, dass durch die Welt-Finanzkrise der sozialen Arbeit vermutlich nochmal Herausforderungen bevorstehen, die sich viele gar nicht ausmalen mögen.

Es ist schon paradox. Während der Finanzsektor zu den real existierenden Werten und Menschen zurückfinden muss, schärft man dem Sozialsektor jetzt Management-Strukturen von "Controlling" bis "Output-Steuerung" ein.

Es wäre vermutlich gut, wenn sie sich mal in der Mitte treffen würden. "In jedem Fall ist es eine wirklich spannende Zeit", sagt Andrea Tabatt-Hirschfeldt. Da gibt es für eine wie sie noch eine Menge zu forschen und zu lehren.

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