Wissenschaftler und Politiker fordern 30 Stunden-Woche
Braunschweig „Ohne Arbeitszeitverkürzung nie wieder Vollbeschäftigung!“, heißt es in einem offenen Brief mit prominenten Unterzeichnern. In der Region fällt das Echo uneinheitlich aus.
In Europa grassiert die Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau. Fast 19 Millionen Menschen sind im Euroraum ohne Job, in der gesamten EU sind es fast 26 Millionen. Ein Bündnis aus Wissenschaftlern, Politikern und Gewerkschaftern bringt angesichts dieser Zahlen eine alte Idee neu ins Spiel: die Verkürzung der Wochenarbeitszeit.
„Nötig ist eine faire Verteilung der Arbeit durch kollektive Arbeitszeitverkürzung“, heißt es in einem offenen Brief an die Spitzen deutscher Parteien, Gewerkschaften, Sozial- und Umweltverbände sowie der Kirchen. Die Unterzeichner fordern die 30-Stun-den-Woche bei vollem Lohnausgleich. So sei allen geholfen: „Während viele unter psychologischen Folgen der Arbeitslosigkeit in Form von Depressionen und Minderwertigkeitsgefühlen leiden, müssen Beschäftigte in den Betrieben die Folgen von Mehrarbeit auf sich nehmen.“
Zu den mehr als 100 Erstunterzeichnern gehören etwa der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel, der Hannoveraner Soziologe Oskar Negt und Linkspartei-Chefin Katja Kipping. Der Wirtschaftsrechtler Heinz-Josef Bontrup, einer der Initiatoren, sagte der „Tageszeitung“: „Wir brauchen ein gesamtgesellschaftliches Projekt Arbeitszeitverkürzung, es kann keine tarifpolitische Aufgabe mehr sein.“
Manfred Casper sieht das anders. „Diese Idee ist ein absurder Griff in die ideologische Mottenkiste“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Region Braunschweig. Die Herausforderung der kommenden Jahre sei, dass Millionen von Fachkräften fehlen. „Wie kann man da im Ernst fordern, dass die verbliebenen Kräfte auch noch weniger arbeiten?“
Michael Kleber, Chef des DGB in Südost-Niedersachsen, ist da aufgeschlossener. „Aktuell diskutieren wir das Thema Arbeitszeitverkürzung nicht. Grundsätzlich halte ich das aber für sinnvoll.“ Vor allem zwei Vorteile sieht Kleber: „Die Menschen haben mehr Freizeit, das kommt den Familien zugute. Zudem haben mehr Menschen Chancen auf Teilhabe am Arbeitsmarkt, wenn die Arbeit gerechter verteilt wird.“ Sprich: die Arbeitslosigkeit würde sinken.
UNTERZEICHNER DES OFFENEN BRIEFES
Professor Rudolf Hickel, Universität Bremen
Georg Hupfauer, Zentralkomitee der Dt. Katholiken
Katja Kipping, Linkspartei-Chefin
Professor Mohssen Massarat, Uni Osnabrück
Professor Oskar Negt, Universität Hannover
Joachim Paul, Vorsitzender Piratenfraktion NRW
Sarah Wagenknecht, Linkspartei
Markus Spiwoks, Wirtschaftsprofessor an der Ostfalia-Hochschule in Wolfsburg, meint hingegen: „Die Verkürzung der Arbeitszeit ist eine gute Idee zur falschen Zeit.“ Arbeitszeit-Verkürzung könne zwar gegen Massenarbeitslosigkeit helfen. Aber: „Momentan bewegen wir uns ja eher in Richtung Arbeitskräftemangel.“ Drängender als Arbeitsmarktprobleme sei das Auseinanderdriften der Vermögens- und Einkommensverteilung. „Um die Unterschiede zu reduzieren, gibt es wichtigere Stellschrauben als die Wochenarbeitszeit: etwa die Vermögens-, Einkommen-, Körperschafts- und Erbschaftssteuer.“
