"Hier werden Milliarden vernichtet"
Bei Aktienhändlern liegen die Nerven blank – Kurse schwächeln, obwohl die US-Notenbank den Leitzins senkt
FRANKFURT. Um kurz nach 14 Uhr erreicht die Nachricht die europäischen Börsen: Die US-Notenbank senkt den Zinssatz um 0,75 Prozentpunkte. Schlagartig schießt der Dax empor – um eine halbe Stunde später wieder zu rutschen.
Auch die amerikanischen Indizes Dow Jones und Nasdaq sinken sofort nach Eröffnung der Börsen, die Zinssenkung auf 3,5 Prozent droht zu verpuffen. Die US-Notenbank will damit die drohende Rezessionsgefahr in den USA bekämpfen.
Die bange Frage lautet nun: Droht auch den Deutschen eine Rezession? "Nein, die erwarte ich nicht", sagt Gernot Sieg, Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Braunschweig. "Die deutsche Wirtschaft hängt nicht so stark von der amerikanischen ab, dass sie mit in den Strudel gezogen wird."
Hinzu komme, dass sinkende Aktienkurse in Deutschland nicht so starke Auswirkungen hätten wie in den USA. Begründung: In den USA bilden Aktien einen größeren Anteil am Privatvermögen, außerdem hängen dort viele Renten von den Aktien ab. "Wer also sieht, dass die Kurse sinken, erwartet eine kleinere Rente und spart mehr. Das verstärkt die Rezessionsgefahr", begründet Sieg.
Experten rechnen schon seit längerem, dass die Finanzmarktkrise zur Rezession in den USA führt. Entsprechend deutlich fällt auch das Zinsgeschenk der US-Notenbank aus. Zudem behält sie sich weitere Schritte vor – zusätzlich zum milliardenschweren Konjunkturprogramm der Bush-Regierung.
Für Europa sei solch ein Programm nicht nötig, befinden die EU-Finanzminister. Auch TU-Volkswirt Sieg sagt: "Wo es keine Rezession gibt, ist auch kein Konjunkturprogramm nötig." Er sagt aber auch: "Das erste Quartal 2008 wird nicht besonders gut." Klarheit erwartet Sieg erst, wenn die Banken ihre Bilanzen vorgelegt haben – also im Lauf des ersten Halbjahres.
An den amerikanischen Börsen liegen derweil die Nerven blank. Ein Händler an der New Yorker Wall Street: "Ob das offiziell Rezession heißt oder nicht, ist mir ziemlich egal – hier werden gerade viele Milliarden Dollar vernichtet."
Ungeklärt ist, wer den allgemeinen Kursrutsch ausgelöst hat. In Indien wurde wegen massiver Verkäufe teils sogar der Handel ausgesetzt. Mancher Experte vermutet hinter den Verkäufen am Montag US-Anleger, die an diesem Tag daheim nicht handeln konnten.
TU-Professor Marc Gürtler, Finanzwissenschaftler aus Braunschweig, schließt dies ebenfalls nicht aus, äußert sich aber zurückhaltend: "Ich gehe davon aus, dass institutionelle Anleger große Aktienpakete abgestoßen haben. Kleinanleger ziehen dann nach." Immerhin: Am Nachmittag rappelte sich der Dax auf 6769,47 Punkte.
