Hartz und Volkert – Der Beginn einer wundervollen Freundschaft
Wie der frühere Betriebsrats-Chef dem damals neuen Personalvorstand half, sich in der VW-Welt zu orientieren
BRAUNSCHWEIG. VW-Personalvorstand Peter Hartz hat den Betriebsrats-Chef Klaus Volkert bevorzugt, extrem bevorzugt und dabei alle Regeln, die bei VW gelten, außer Kraft gesetzt. Dafür steht er am Mittwoch vor Gericht.
Was war das für eine seltsame Beziehung zwischen Hartz und Volkert? Wie kam es dazu?
Klaus Volkert, der Vorsitzende des Betriebsrats, gab den entscheidenden Hinweis, vielleicht entschied er sogar, als der VW-Konzern 1993 einen neuen Personalvorstand suchte: Im Saarland arbeite ein Manager, der besonders gut mit Arbeitnehmern umgehen könne – selbst in schwierigen Zeiten, wenn Arbeitsplätze vernichtet werden müssen.
Der Manager war Peter Hartz, Arbeitsdirektor der Saarstahl AG. Klaus Volkert hatte den gebürtigen Saarländer bei der IG Metall, vor allem der Hans-Böckler-Stiftung, kennen- und schätzen gelernt. Ferdinand Piëch, der VW-Vorstandschef, folgte dem Vorschlag Volkerts und ließ das Büro von Peter Hartz im 13. Stock, ganz in seiner Nähe, einrichten.
Das ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft zwischen Hartz und Volkert. Der Betriebsrats-Chef hilft dem neuen Vorstand, sich in der schwer zu durchschauenden VW-Welt zu orientieren, und er hilft ihm, wo er kann. Und er kann viel.
Schnell versteht Peter Hartz, dass er ohne die Macht des Betriebsrats wenig ausrichten kann. So sollten sogar die hoch bezahlten Mitglieder des Vorstands stundenlang auf einen Wink des Betriebsrats gewartet haben – jedenfalls dann wenn sich der Betriebsrat traf, um eine Aufsichtsrats-Sitzung vorzubereiten.
Ohne die Zustimmung des Betriebsrats wird beispielsweise auch kein Vorstands-Vertrag verlängert; das wissen die Vorstände und richten sich darauf ein.
So erinnert sich der Ex-Skoda-Personalvorstand Helmuth Schuster, der auch in der VW-Affäre beschuldigt ist: Selbst Pischetsrieder hätte stets für Volkert Zeit gehabt, während die Bereichsleiter wochenlang hätten graben müssen, um zum VW-Chef vorzudringen.
Manches mag allerdings mehr Wunsch gewesen sein als Wirklichkeit. Bernd Pischetsrieder wundert sich jedenfalls und stellt klar, er habe alle drei Monate mal Volkert gesehen, für 30 Minuten, vielleicht auch 35 Minuten. Doch der Ruf, allmächtig zu sein, läuft Klaus Volkert voraus.
Nach einigen Jahren reicht dieser Ruf nicht mehr aus, Klaus Volkert will offenbar auch Geld sehen. Auslöser sind die jungen Manager, die mit dem Einkäufer Lopez ins VW-Werk kommen. "Youngster-Manager" nennt sie der Fußball-Fan Volkert. Das ist 1994.
Volkert erinnert sich, er habe VW-Chef Ferdinand Piëch darauf angesprochen: Warum verdienen die so viel Geld?
Piëch erinnert sich nicht. Das sei auch gar nicht sein Stil gewesen, sagt er. Unangenehme Fälle habe er prinzipiell delegiert. Zu den unangenehmen Fällen habe stets das Verteilen von Geld gezählt, da ziehe er sich lieber aus der Schlinge heraus.
Dafür steckt Peter Hartz offenbar den Kopf in die Schlinge. In seinem Geständnis macht er klar: Die hohen Sonderzahlungen an den Betriebsratschef Volkert waren ganz allein meine Entscheidung und waren nicht mit Piëch oder einem anderen abgestimmt.
Allerdings habe Hartz, so erinnert er sich, mit Piëch und Finanzvorstand Neumann schon darüber gesprochen, Volkert einem Topmanager gleich zu stellen. Das bleibt recht vage.
In der Tat trägt Peter Hartz augenscheinlich die Last allein. Er schaltet nicht die Kommission ein, die über die Boni des Betriebsrats befindet, er veranlasst persönlich die Auszahlung von fast zwei Millionen Euro, die sich in gut einem Jahrzehnt für Volkert ansammeln, er behandelt die Zahlungen als geheime Kommandosache.
Den anderen Betriebsräten fallen die hohen Sonderzahlungen an Volkert nicht auf, selbst die Gewerkschaftsführung ahnt anscheinend nichts. "Dass er als Manager geführt wurde und mehrere hunderttausend Euro verdient hat, war uns nicht bekannt", sagt IG-Metallvorsitzender Peters in einem Interview mit dem "Spiegel".
Die "Spiegel"-Redakteure werfen ein, die hohen Sonderzahlungen hätte ihm anhand der Mitgliedsbeiträge bekannt sein müssen – denn ein Prozent des Bruttolohns muss jedes Mitglied abführen. "Glauben Sie ernsthaft", antwortet Peters, "dass sich das in seinen Mitgliedsbeiträgen wiederfand?"
Die Sonderzahlungen an Klaus Volkert werden getarnt. Sie tauchen nicht dort auf, wo sie hingehören – in die "Abrechnungsstelle Betriebsräte". Klaus Volkers Millionen werden bei den Top-Managern verbucht.
Peter Hartz will den Betriebsrat auch als Top-Manager hofieren – und wie einen Markenvorstand bezahlen. Das erste, der Top-Manager, sei mit Piëch besprochen; das zweite, die hohe Bezahlung, allerdings nicht, über Sonderbonus-Zahlungen habe er, Hartz, nicht mit Piëch gesprochen, noch ihn darüber informiert. So bleibt Ex-Vorstandschef Piëch Zeuge in der VW-Affäre, und so wird Peter Hartz Beschuldigter.
Doch die Freundschaft zwischen Hartz und Volkert ist allen Anschein nach noch tiefer. Die Rechnungen für die brasilianische Geliebte gibt Peter Hartz mit seiner Unterschrift zur Auszahlung frei, obwohl er keinen Vertrag kennt (und es wohl auch keinen gibt). Er wolle das gute Verhältnis zu Volkert nicht belasten, sagt Hartz heute.
Auch von diesen Rechnungen, knapp 300 000 Euro stehen in der Anklageschrift, erfuhren die übrigen Betriebsrats-Mitglieder nichts. Sie werden nicht auf die Kostenstelle Betriebsrat gebucht, sondern auf Hartz' Sonderkonto mit der Nummer 1860. So bleibt alles geheim, das jedenfalls war der Plan. Am Mittwoch entscheidet das Gericht darüber.
