Energiewende per Wasserrad

Braunschweig  Die Salzgitter AG und die TU Braunschweig bauen an der Aller im Landkreis Celle eine einzigartige Forschungs-Wasserkraftanlage.

Was, wenn der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint? Bei Strom aus erneuerbaren Energien ist die Versorgungssicherheit immer noch ein ungelöstes Problem. Auf dem Weg, Haushalte verlässlich mit Strom zu versorgen, könnten die TU Braunschweig und die Salzgitter AG in den kommenden Jahren jedoch einen entscheidenden Schritt nach vorn machen. Sie haben eine nach eigenen Angaben weltweit einzigartige Wasserkrafttechnologie entwickelt, die das Potenzial von Flussläufen mit niederen Fallhöhen nutzt.

Am Samstag eröffnen das Unternehmen und die Universität mit rund hundert Gästen, darunter auch Niedersachsens Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne), die Baustelle ihrer Forschungs-Wasserkraftanlage bei Hornbostel an der Aller im Landkreis Celle. Ende 2017 soll sie fertig sein und dann ganzjährig und CO2-neutral für tausend 3-Personen-Haushalte Strom liefern können. Gegenüber Strom aus Kohle sollen so 2500 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden.

Christian Seidel, der 2005 mit der Entwicklung des Projekts begonnen hat und es aufseiten der TU Braunschweig leitet, beschreibt den entscheidenden Vorteil: „Mit der Wasserkraft können wir pro Jahr 5000 bis 6000 Stunden Strom erzeugen.“ Bei Windkraft seien es hingegen nur 1500 bis 1600, bei der Photovoltaik sogar nur 700. „Wasserkraft eignet sich daher hervorragend zur Netzstabilisierung.“ Genau das hat auch Georg Michels fasziniert. Er verantwortet das Projekt bei der Salzgitter AG und sagt: „Die Wasserkraft hat ein beachtliches Potenzial für die Zukunft.“ Seidel hat in Deutschland 6000 weitere mögliche Standorte für eine Anlage dieser Art ausgemacht.

Doch noch steht die Technologie in dieser Form am Anfang. In den kommenden drei bis fünf Jahren wird sie erforscht. „Wenn das Projekt erfolgreich ist, wäre das eine technische Revolution“, sagt Seidel. Und die könnte in industriellem Maßstab zur CO2-Schlüsseltechnologie bei den erneuerbaren Energien werden. Für die Salzgitter AG, die Generalunternehmer des Baus bei Hornbostel ist und die Energieerzeugungsdaten überwachen wird, ist das auch ein wirtschaftlicher Faktor. Sie könnte vom Lieferanten für ein Pilotprojekt zum Systemlieferanten beziehungsweise Betreiber vieler Anlagen werden. Der Stahlbedarf je Wasserkraftanlage liegt laut Salzgitter AG im Durchschnitt bei 800 bis 1000 Tonnen.

Ein Stahl-Hochleistungswasserrad hat mit 11 Metern Durchmesser und 12 Metern Breite die Größe eines Einfamilienhauses. Das macht es so leistungsfähig: Normale Wasserräder enden laut Seidel bei sechs Kubikmetern Durchlauf pro Sekunde. Das Rad der Forschungsanlage schaffe zehnmal so viel. Über 60 Schaufeln setzt das Flusswasser das Rad in Bewegung. Pro Minute schafft es dabei lediglich eine bis 3,5 Umdrehungen. Das sei auch die Antwort auf Kritiker, die Schäden für den Fischbestand fürchten, so Seidel: „Die Fische können in den großen Kammern zwischen den Schaufeln das Wasserrad passieren.“ Zudem gebe es eine Fischtreppe, die um die Anlage herumführt.

Die Kosten für den Bau und die Begleitforschung der Pilotanlage belaufen sich auf 11 Millionen Euro. Die Hälfte davon kommt von der Salzgitter AG, die den Bau des Wasserrads übernehmen wird. Den Rest steuern der Bund und das Land bei. Sollte die Produktion einmal in Serie gehen können, müssten die Kosten dramatisch reduziert werden. Michels sagt: „Erst wenn wir die Kosten halbieren, nähern wir uns einem wirtschaftlichen Betrieb.“ Ein weiterer Standort zumindest ist schon in Aussicht, bei Hademstorf im Landkreis Heidekreis.

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