Länger leben, länger arbeiten?

Berlin  Die Deutschen beziehen so lange Rente wie nie. Dabei zahlen immer weniger in die Rentenversicherung ein. Wie kann die Lösung aussehen?

Mehr und mehr Deutsche arbeiten auch noch im Rentenalter.

Foto: Christian Charisius/dpa

Mehr und mehr Deutsche arbeiten auch noch im Rentenalter. Foto: Christian Charisius/dpa

Udo Jürgens besang, das Leben fange mit 66 an. Heute mag das mehr denn je zutreffen. „Wir leben länger und fühlen uns dabei im Schnitt 10 bis 15 Jahre jünger“, sagte jüngst Eike Wenzel bei einer Veranstaltung der Braunschweigischer Privatbank. Der Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung mit Sitz in Heidelberg gab ein Beispiel aus den USA: Surfbretter würden dort nicht von den 15- bis 25-Jährigen gekauft, sondern von Menschen jenseits der 45.

Die Lebenserwartung der Deutschen steigt tatsächlich kontinuierlich. Wurden Männer 1960 im Schnitt noch knapp 67 Jahre alt und Frauen 72, so waren es 2010 schon zehn Jahre mehr. 2060 sollen Frauen sogar durchschnittlich 89 Jahre alt werden, Männer 85. Damit steigt natürlich auch die Zeit, die die Menschen mit ihrer Rente finanzieren. Laut Zahlen der Deutschen Rentenversicherung von 2013 bezogen Frauen mehr als 21 Jahre Rente, Männer 17 Jahre. Vor 50 Jahren war es ungefähr die Hälfte der Zeit. Bei immer weniger Rentenbeitragszahlern ist das eine Herausforderung für das Sozialsystem.

Der demografische Wandel werde alles auf den Kopf stellen, sagte Wenzel. Manfred Casper, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Braunschweig und Vorstandsmitglied der Deutschen Rentenversicherung, sagte unserer Zeitung. „Weniger Junge müssen mehr Alte finanzieren. Wir werden daher eine Flexibilisierung der Rente brauchen.“ Menschen, die wollen und können, sollten die Gelegenheit haben, länger zu arbeiten, sagte Casper.

Den Vorschlag des Chefs der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, eine freiwillige Rente mit 70 zu ermöglichen, begrüßt auch die FDP. Der Vorsitzende der FDP-Fraktion, Christian Dürr, schloss sich diesem Vorstoß an und sagte zudem: „Die Rente mit 63 ist ein teures Frühverrentungsprogramm, das unsere Wirtschaft empfindlich trifft.“ Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, Brigitte Pothmer, sagte der hannoverschen „Neuen Presse“, flexible Übergänge in die Rente seien mehr als überfällig. Dabei schloss sie auch die frühere Verrentung ein. „Sowohl ein früherer als auch ein späterer Renteneinstieg sollten möglich sein.“

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sagte zur Rente mit 70: „Ich sehe diesen Vorschlag nicht als Quatsch an.“ Es müsse aber eine Gewinnsituation für Mitarbeiter und Unternehmen sein. Parteikollegen sehen das anders. Die Parteivorsitzende Katja Kipping sagte: „Nachdem man schon die Generation Praktikum breitflächig in befristete Jobs gepresst hat, soll jetzt auch die Generation Ü 65 in befristete Jobs gepresst werden, und das halte ich für falsch.“

Casper betonte, dass die Tätigkeit auch ermöglicht werden müsse. Dafür müsse es altersgerechte Arbeitsplätze geben. Da sei die Wirtschaft gefordert. Die Bereitschaft, ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen, sei bei manchen schon da. Aber der Großteil werde noch umdenken müssen. Das werde der Arbeitsmarkt als Markt regeln. „Wenn die Arbeitskräfte knapp werden, müssen sich die Arbeitgeber öffnen.“ Aber dann könne ein Weiterbeschäftigungswunsch immer noch scheitern. Arbeitsmarktforscher Ulrich Walwei, stellvertretender Direktor des Instituts für Arbeitsmarktforschung, sagte, dass gesetzliche, tarifvertragliche und betriebliche Regelungen ältere Arbeitnehmer daran hinderten, auch über die offizielle Altersgrenze hinaus ihrem Beruf nachzugehen.

Einen weiteren Weg zur Lösung des Rentenproblems fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ein. Er verlangte, dass die betriebliche Altersvorsorge zum Regelfall wird. Nur rund 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland haben eine betriebliche Altersversorgung. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer wandte sich gegen einen neuen gesetzlichen Zwang.

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