Flug auf der Waschmaschine

Braunschweig  Industrielle Luftfracht wird auch in Passagiermaschinen befördert. Ein Braunschweiger Unternehmen ist Teil einer Organisationskette, die die Sicherheit der Ladung garantiert.

Wussten Sie, dass Sie im Flugzeug auf Waschmaschinen sitzen, auf Autoteilen und Pfefferminzdrops? Wo auch immer Sie hinfliegen, industrielle Luftfracht fliegt im Bodenraum der Passagiermaschine unter Ihren Sitzen mit. Auf diesem Weg wird 60 Prozent aller Luftfracht transportiert. Lange Zeit ist diese Ladung nur lax kontrolliert worden. Seit April dieses Jahres gelten jedoch schärfere Regeln. Eine geschlossene Sicherheitskette für Luftfracht ist entstanden. Das Logistik- und Versandunternehmen Streiff & Helmold ist als erste Braunschweiger Firma ein Teil dieser Kette.

Nach den Attentaten des
11. September 2001 in New York begann eine neue Ära in der Luftfahrt. Nicht nur die Sicherheitsanforderungen an die Passagiere und ihr Gepäck haben sich verändert. Auch die Luftfracht wird seitdem stärkeren Kontrollen unterzogen. Vor 2001 sind vor allem importierte Güter, also nach dem Flug, durchleuchtet worden. Seit einigen Jahren muss auch die Sicherheit von exportierten Gütern im Ursprungsland garantiert werden. Doch die Umsetzung war lange anfällig für Fehler. Frank Huliczka, Werksleiter bei Streiff Logistik und Versand, sagt: „Bis zum April dieses Jahres reichte für Fracht in Passagierflugzeugen eine Unterschrift, die die Sicherheit der Ladung garantiert.“ Eine geschlossene Überwachungskette war nicht vorgeschrieben. Helmut Streiff, Geschäftsführer von Streiff & Helmold, sagt: „Es war so einfach, etwas per Luftfracht zu versenden. Das war leichtsinnig in der Vergangenheit.“

Das änderte sich 2008. Die Vereinten Nationen verabschiedeten ein Rahmenwerk für die Sicherheit einer Lieferungs-Kette, das an alle 190 Mitgliedsstaaten ging. Die Europäische Union legte daraufhin 2010 eine Verordnung fest, die in Deutschland am 28. April dieses Jahres in Kraft trat. Befeuert wurde all dies von Ereignissen im Oktober 2010, als Terroristen im Jemen versuchten, 38 Bomben in Luftfracht-Flugzeugen zu verstecken. Die Attentate konnten verhindert werden und die Regelung, dass eine Unterschrift zum Sicherheitsnachweis reicht, war endgültig gestorben.

Nun müssen sich Hersteller als bekannte Versender zertifizieren lassen und Speditionsunternehmen als sogenannte reglementierte Beauftragte. Der dritte Partner in der Sicherheitskette sind die Luftfahrtunternehmen. Streiff & Helmold ist reglementierter Beauftragter. Knapp acht Monate hat sich das Unternehmen auf diese Aufgabe vorbereitet. Es hat ein Sicherheitsprogramm erarbeitet und rund 20 Mitarbeiter haben spezielle Schulungen besucht, drei Beschäftigte wurden Luftfrachtsicherheitsbeauftragte, darunter auch Frank Huliczka.

Jetzt kommen nicht mehr alle Mitarbeiter so einfach in alle Bereiche der 20 000 Quadratmeter großen Lagerhalle. „Alle Türen sind verschlossen und videoüberwacht“, sagt Huliczka. Sie seien nur von innen ohne Schlüssel zu öffnen. Und in einem extra abgesicherten Bereich gibt es noch einmal eine große Box, in der nachts die bereits kontrollierte Ware lagert. Diese wird meist an den Flughafen Hannover geliefert, von wo sie dann in alle Welt verschickt wird.

Streiff sagt: „Wir bekommen die Ware vom Hersteller und gehen davon aus, dass sie einwandfrei ist.“ Sein Unternehmen sei dann dafür verantwortlich, dass die Ware während der Lagerung nicht verändert wird.

Vor der neuen Regelung gab es rund 1400 reglementierte Beauftragte in Deutschland, jetzt sind es nur noch rund 300. Für Streiff & Helmold sei der Schritt zum reglementierten Beauftragten ein Wandel in der Geschäftsentwicklung gewesen, sagt Streiff. „Wir verpacken und versenden Produkte, und nun übernehmen wir auch die Verantwortung für Produkte, die per Flugzeug versendet werden.“ Noch hat das Unternehmen nur einen Firmenkunden, für den es als reglementierter Beauftragter arbeitet. Doch das könnte sich ändern. Der Vorteil für Unternehmen, die ihre Ware per Flugzeug versenden wollen, liegt auf der Hand. Huliczka sagt: „Jedes Frachtstück, das nicht die Sicherheits-Lieferkette durchlaufen hat, muss am Flughafen an den Röntgenstellen kontrolliert werden. Das kostet Zeit. Und Zeit ist in der Industrie Geld.“

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