VW testet – Mit Piëch und Winterkorn am Polarkreis

Arvidsjaur  Bei minus 29 Grad prüft VW im Norden Schwedens Autos, die noch nicht auf dem Markt sind, auf ihre Wintertauglichkeit. Unser Autor Eckhard Schimpf fuhr Testautos und sprach mit den VW-Chefs darüber.

29 Grad unter null. Auf den Wimpern schlägt sich der eigene Atem als Raureif nieder, und bei jedem Luftholen erstarren die Härchen in der Nase. Normalität in Lappland am nördlichen Polarkreis. Ein paar Tage zuvor waren es nur 10 Grad minus. Und da ist der Lappe schon geneigt, von Frühling zu sprechen.

Was uns in diese eisige Abgeschiedenheit verschlagen hat? Ein Wintertest von Volkswagen im Norden Schwedens, wo mehr Rentiere leben als Menschen. Hier müssen alle neuen Modelle des Konzerns – ob Audi, Lamborghini, Bugatti, Bentley oder MAN – beweisen, dass sie auch bei arktischer Temperatur funktionieren und sicher sind. Es ist das Reich der „Erlkönige“. Also jener Autos, die noch gar nicht auf dem Markt sind. Ich durfte einige davon fahren. Vor allem die künftigen Ableger der Golf-Familie: GTI, GTD, Blue-Motion, Variant, den R-Typ, Elektro-Golf und ebenso den Elektro-Up.

Tjintokk heißt dieses Kühlschrank-Labor. Auf der 70 Kilometer langen Autofahrt von dem winzigen Flughafen Arvidsjaur hinauf in Schwedens höchsten Norden begegnen unserem VW-Bus gerade mal vier Autos. Zwei oder dreimal sehen wir einsame Holzhäuser, aus deren Schornsteinen der Rauch steil in den strahlend blauen Himmel steigt. Wo mögen diese Menschen einkaufen? Wie kommen ihre Kinder zur Schule? Vielleicht auf Snowmobilen, deren Spuren hin und wieder neben der Straße zu sehen sind. Um diese Jahreszeit ist es nur etwa sechs Stunden hell hier oben; doch wenn die Sonne scheint, glitzern die tief verschneiten Wälder geradezu märchenhaft.

Das Land der 100 000 Seen wird von Oktober bis April vom Frost regiert. Grönland liegt auf dem gleichen Breitengrad, und von hier oben aus ist Island eine südliche Insel. Die zugefrorenen Seen sind ideale Testreviere.

Im Herbst schieben Bulldozer den Schnee von der Eisfläche und pflügen ein Gewirr von unterschiedlichsten Rundkursen frei. Am Ufer liegt das Testzentrum Tjintokk. Dazu gehören ein Hotel mit 300 Zimmern sowie Labors und Werkstätten für rund 200 VW-Spezialisten, die alle 14 Tage zwischen dem Polarkreis und Wolfsburg, Ingolstadt, Barcelona oder Mladá Boleslav hin- und herpendeln. Hier rollt streng geheim und abgeschirmt mit Gittern und Stahltoren all das herum, was in Zukunft auf die Straßen kommt. Im Sommer herrscht hier Arbeitsruhe. Das Hotel schließt. Die Bären erwachen aus dem Winterschlaf, und Billionen von Mücken übernehmen die Herrschaft.

In knapp zweieinhalb Stunden düste der achtsitzige VW-Citation-Jet von Braunschweig-Waggum aus zu diesem „Eiskeller Europas“. Fellmützen, Thermokleidung und Stiefel mit dicken Profilen und Sohlen gehören zur Standard-Ausrüstung.

VW-Boss Martin Winterkorn, Technik-Vorstand Ulrich Hackenberg und Kommunikations-Chef Stephan Grühsem sind mit einer anderen Maschine angereist. Sie haben ein Stress-Programm hinter sich, das Grühsem lässig als „das übliche“ bezeichnet. Sonntag: New York, Pressekonferenz. Montag: Autoausstellung Detroit. Dienstag: Eröffnung der 100. VW-Produktionsstätte in Mexiko. Mittwoch: Morgens Ankunft in Braunschweig, dann Vorstandssitzung in Wolfsburg, abends weiter an den Polarkreis. Wie man das durchhält? Winterkorn: „Ganz einfach. Ich kann auf jedem Flug schlafen. Anders ginge das gar nicht.“

Winterkorn, Ingenieur durch und durch, ist ein extrem penibler Tester. Ihm kann niemand etwas vormachen. Emsig klettert er von einem Modell ins andere. „Wo nimmt der ,Wiko‘ nur diese Fitness her?“, raunt einer seiner Mitarbeiter. Ja, woher? Winterkorn: „Vom Home-Trainer.“

Auch Aufsichtsrat-Chef Ferdinand Piëch und Ehefrau Ursula Piëch sind aus Salzburg eingeschwebt. Ursula Piëch, seit acht Monaten ebenfalls Mitglied im VW-Aufsichtsrat, nimmt ihre neue Aufgabe besonders ernst. Sie, die ohnehin von intensiver Autobegeisterung geprägt ist, fährt und kennt nahezu jedes Auto des VW-Konzerns. Auch auf den eisigen Tjintokk-Pisten dreht sie ihre Runden. Und Ferdinand Piëch klemmt sich hinter das Lederlenkrad jenes 315 PS starken WRC-Super-Polos, der zwei Tage später bei der Rallye Monte Carlo seine Premiere feierte.

Seit Jahrzehnten führe ich ein Leben, das voller Autos ist. Aber es gibt immer noch Erlebnisse, die mich erstaunen. Beispiel eins: Beim Herumrasen auf dem Eis konnte ich hier ausprobieren, was sonst nie geht. Ich riss mit Absicht den neuen Golf GTI bei etwa 150 km/h schlagartig nach links – es stand ja kein Hindernis im Weg! Das Eindrucksvolle: Die Elektronik griff ein. Und wie! Selbst bei solch einem brutalen Manöver kann das ESP den Fahrer noch „retten“ und das Auto stabilisieren. Was für ein Technikwunder! Das zweite Beispiel: Ich wollte telefonieren. Doch mein Handy, das ich zuvor geladen hatte, signalisierte: Akku leer. Der Grund? Extreme Kälte. Da auch künftige Elektroautos von Lithium-Ionen-Batterien (wie im I-Phone!) gespeist werden, offenbart sich, wie viele Probleme bei den „Stromern“ zu lösen waren – und sind.

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