Der virtuelle Zugverbund aus Braunschweig

Forschungskooperation zwischen Siemens und TU: Visionen für die Bahn der Zukunft

BRAUNSCHWEIG. Der Personen- und Güterverkehr auf der Schiene soll künftig so flexibel und individuell fließen wie der Autoverkehr auf der Straße – nur mit weniger Staus. Das ist eine Vision, an der Forscher und Entwickler der Technischen Universität Braunschweig und von Siemens Transportation Systems in Braunschweig gemeinsam seit 1998 arbeiten.

Für dieses Projekt "Bahn 2050" wurde gestern der Kooperationsvertrag für zwei Jahre verlängert, für die Siemens 250 000 Euro bereitstellt. In der ersten Phase ging es darum, in kreativer gemeinsamer Arbeit Ideen zu entwickeln, wobei bewusst keine Ziele und Aufgaben vorgegeben wurden – die Beteiligten durften bei diesem ungewöhnlichen Projekt ruhig ein bisschen "spinnen", wie es TU-Vizepräsident Professor Jürgen Hesselbach locker formulierte. Beteiligt sind an dem Projekt auf Universitäts-Seite die beiden Institute für Elektrische Messtechnik (Professor Jörn-Uwe Varchmin) und für Verkehrssicherheit (Professor Eckehard Schnieder).

Dabei kam die Idee der "virtuellen Zugverbände" heraus, die nun in der zweiten Phase auf ihre Praxistauglichkeit geprüft und dann gemeinsam weiter entwickelt werden sollen, kündigten Varchmin und der Braunschweiger Siemens-Entwicklungschef Peter Priebe an. Varchmin erläuterte die Grundidee: Im stetigen Fluss sollen sich autonome Züge oder einzelne Wagen mit eigenem Antrieb, die nach tatsächlichem Transportbedarf auf die Reise geschickt werden, durch das Schienenland bewegen und ihre Fahrt selbst organisieren.

Dabei sollen sie, wenn sie mitunter dieselbe Teilstrecke haben, selbstständig zu Verbänden zusammenschließen und wieder trennen. Dieses Konzept setzt Ortungs- und Navigationssysteme in jedem Zug/Wagen voraus und eine sichere Rundum-Kommunikation per Funk zwischen den fahrenden Einheiten, zur Dispositionszentrale und zu einzelnen Streckenelementen.

Als Vorteile des Konzeptes nennt Varchmin eine deutlich bessere Streckennutzung, eine größere Transportflexibilität und eine geringere technische Infrastruktur durch die dezentrale Steuerung dieses Verkehrs. Dabei werde, so Varchmin, möglichst viel Intelligenz in die Fahrzeuge verlagert, die automatisiert beispielsweise selbst entscheiden sollen, ob ein Streckenabschnitt befahren werden darf oder eine Weiche gestellt werden soll.

Doch bis diese Vision realisiert werden kann, wird es noch dauern. Es sei ein langfristig angelegtes Kooperationsprojekt mit der Industrie – und das sei in der deutschen Forschungslandschaft schon ungewöhnlich. An Varchmins Institut ist mit einer Modelleisenbahn (Maßstab 1:22,5) bereits grundsätzlich demonstriert worden, dass dieser Bahnverkehr der Zukunft funktionieren kann. Auf starke Resonanz stießen die Bahn-Entwickler aus Braunschweig auf internationalen Messen und Kongressen, auf denen sie Konzept und Modellbahn vorstellten. Es gibt auch bereits einen Prototypen für ein erstes Produkt: Den Cargo-Mover, ein autonom fahrender Güterwagen.

Bei Siemens sei man überzeugt, dass das Projekt weitere überzeugende Innovationen hervorbringen werde, erklärte Priebe. Er ist ebenso wie Hesselbach der Meinung, dass die vorbildliche Kooperation die Verkehrskompetenzregion Braunschweig stärken werde. Die Zusammenarbeit mit Siemens könne noch intensiviert werden, fügte Hesselbach hinzu. Man müsse sich die Industrie als Partner stärker erschließen und damit angesichts des öffentlichen Sparkurses diese Finanzierungsquelle stärken. Was voraussetze, dass sich die Hochschule mehr öffne und mehr Marketing für sich betreibt.

Die Verkehrstechnik sei eine Kernkompetenz der TU, betonte Priebe. Deshalb sehe man die Sparbeschlüsse auch kritisch, weil die Gefahr bestehe, dass "die TU dadurch an Gesicht verliert".

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