Was Magath jetzt noch retten kann…
Wolfsburg Es fällt schwer, nach der desaströsen VfL-Vorstellung bei Schalke noch Hoffnung auf Besserung zu haben. Doch noch kann Magath das Ruder rumreißen.
Vorletzter Platz, zwei erzielte Tore, fünf Punkte, vier Niederlagen – der VfL Wolfsburg steht in der Fußball-Bundesliga schon nach dem siebten Spieltag mit dem Rücken zur Wand. Trainer Felix Magath hat viel versucht, geglückt ist ihm nur wenig.
Unsere Zeitung nennt Gründe für die Talfahrt und zeigt, warum es Hoffnung gibt und was Magath noch für Möglichkeiten bleiben.
Mehr Konstanz wagen
Magath ist der Wechsel-Meister der Liga, in keinem der sieben Ligaspiele stand die gleiche Anfangsformation auf dem Platz. 22 eingesetzte Spieler, nur Schlusslicht Greuther Fürth kann bei dem Wert mithalten. Nur in der Defensive setzte der VfL-Trainer auf Kontinuität. Die Verunsicherung ist den Spielern anzumerken. Beim VfL regiert derzeit in Mittelfeld und Angriff das Prinzip ‚Wer Fehler macht, landet auf der Bank‘. Einspielen kann sich eine Mannschaft so nicht. Dabei hatte Magath genügend Zeit, die Mannschaft intensiv auf den Saisonstart vorzubereiten. Als letzter Neuer kam Fagner gut dreieinhalb Wochen vor dem ersten Pflichtspiel. Durch die vielen Wechsel bleibt vieles im VfL-Offensivspiel Stückwerk, Automatismen können sich nicht entwickeln.
Vertrauen aufbauen
Spricht man außerhalb des Protokolls mit den VfL-Profis wird schnell deutlich, dass Verunsicherung und Angst derzeit das Klima in Wolfsburg bestimmt. Magaths Führungsstil, der auf dauerhaften Druck setzt, in Kombination mit den permanenten Wechseln bei den Partien verunsichern selbst gestandene Profis. „Wenn dir ein Fehlpass unterläuft, denkst du gleich, dass es das jetzt für dich war“, sagt ein VfL-Spieler. Dass Magath mittlerweile selbst altgedienten Recken wie Marcel Schäfer das Vertrauen entzieht, wird von den Spielern genau registriert und befeuert den Vertrauensverlust zwischen Mannschaft und Trainer. Zudem stehen im Kader viele Akteure, die schon auf der Abschussliste standen oder wissen, dass ihre Zeit beim VfL abläuft, wie etwa Diego, Srdjan Lakic, Jan Polak, Josué, Thomas Kahlenberg oder Simon Kjaer. Ob diese in der Lage sind, an ihre Leistungsgrenzen zu gehen, ist zumindest fraglich. Im VfL-Umfeld wird davon ausgegangen, dass Magath im Winter noch einmal auf Einkaufstour geht und einige Spieler, die jetzt die Kohlen aus dem Feuer holen sollen, dann auf dem Abstellgleis landen.
Hierarchien schaffen
Magath hat es noch nicht geschafft, in der Mannschaft eine funktionierende Hierarchie zu etablieren. Es gibt keinen, der seine Kollegen mitreißt. Beispiel Abwehr: Magath hat Naldo die Führungsrolle im Defensivverbund zugedacht. Doch der spielt weit unter Normalform, zudem wäre Emanuel Pogatetz von seinem Wesen her der effektivere Abwehrchef als der eher ruhige Brasilianer. Doch Magath stützt den Österreicher nicht, nahm ihn zuletzt zweimal sogar vorzeitig vom Platz. Andere potenzielle Leistungsträger wie etwa Ivica Olic sind in der Formkrise, oder haben wie Schäfer nicht die Rückendeckung des Trainers, um diese Rolle auszufüllen.
Systemwechsel
Seit Saisonbeginn soll der VfL mit einer Spitze erfolgreich sein. Allein, es funktioniert nicht. Der jeweilige Stürmer hängt in der Luft, zwei Törchen zeigen das ganze Dilemma. Dem VfL fehlen auf den Außenbahnen die passenden Spielertypen, die für den Erfolg dieser taktische Ausrichtung notwendig wären. Das aktuelle System ist gescheitert, derzeit macht lediglich eine Rückkehr zu einem System mit zwei Stürmern noch etwas Hoffnung, dass die VfL-Offensivabteilung wieder mehr Durchschlagskraft entwickelt.
Gezielter Einkaufen
Sollte VW im Winter für Magath noch einmal die Schatulle öffnen, müssen die Einkäufe sitzen. Von den acht Neuzugängen im vergangenen Januar etwa spielen derzeit nur Vieirinha und Ricardo Rodriguez eine Rolle. Zudem verpasste es Magath im Sommer, für die Problemzonen Verstärkungen zu holen. So gibt es auf der Rechtsverteidigerposition keine ernsthafte Konkurrenz für Fagner, die Außenbahnen wurden durch Ashkan Dejagahs Verkauf geschwächt und für das defensive Mittelfeld hatte sich Magath früh auf Benat Etxebarria von Betis Sevilla festgelegt. Als der Transfer platzte, stand kein Alternativkandidat bereit, die Sechserposition ist seitdem Problemzone Nummer eins. Außerdem wurde noch Petr Jiracek abgegeben, der dort hätte helfen können.
Erfahrung
800 Spiele als Trainer in der Bundesliga, drei Meistertitel, zwei Pokalsiege, verhinderte Abstiege, sieben verschiedene Klubs im deutschen Oberhaus – Magath hat in seiner Trainer-Karriere bereits alles erlebt. Deshalb wird den Coach auch die jetzige Situation nicht aus der Ruhe bringen. 2009 zahlte sich dieser Bonus für den VfL aus. Während die Bayern mit Jürgen Klinsmann ins Schlingern gerieten, startete Magath mit dem VfL in der entscheidenden Saisonphase durch und holte sich den Titel.
Machtfülle
Obwohl die Lage des VfL desaströs ist, zögert der Aufsichtsrat damit, Magath das Vertrauen zu entziehen. Aus gutem Grund: Der 59-Jährige besitzt beim VfL eine Machtfülle wie kein Zweiter in der Bundesliga. Als Trainer und Manager leitet Magath die „Wölfe“ im Alleingang. So leicht lässt er sich nicht ersetzen. Außerdem sind im Moment keine großen Trainer- und Managerpersönlichkeiten auf dem Markt.
Aufholjagden
Es ist kein Geheimnis, dass von Magath trainierte Mannschaften in der zweiten Saisonhälfte stärker werden. Das war in seiner ersten Amtszeit in Wolfsburg, bei Schalke und auch in der vergangenen Saison so. Früher führten die Aufholjagden oft noch zu einer erfolgreichen Spielzeit. In den zwei vergangenen Jahren war das bei Schalke und dem VfL aber nicht der Fall.
Fazit
Noch hat Magath die Möglichkeit, das Ruder herumzureißen. Doch viel Zeit bekommt er nicht mehr. Der Kredit des Meister-Trainers ist aufgebraucht, die Fans sind unruhig.

