Doris Fitschen: VfL-Frauen sind nächstes Jahr Top-Favorit
Wolfsburg Die Teammanagerin der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft, Doris Fitschen, tippt vor dem Saisonfinale auf Potsdam. Die VfL-Frauen sind für sie im nächsten Jahr aber der Top-Favorit.
Am Pfingstmontag entscheidet sich die deutsche Meisterschaft in der Frauenfußball-Bundesliga. Potsdam führt mit einem Punkt vor Wolfsburg. Unser Sportredakteur Markus Kutscher sprach mit Doris Fitschen (43), Managerin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft, über das Saisonfinale, die Entwicklung des VfL und die DFB-Auswahl.
Frau Fitschen, wer gewinnt den Titel: Potsdam oder Wolfsburg?
Potsdam hat einen Punkt Vorsprung, den Heimvorteil und damit die bessere Ausganglage. Aber es hat in dieser Saison schon einige Überraschungen gegeben. Potsdam hat sich auch Ausrutscher geleistet. Die Spielerinnen stehen unter Druck und sind haushoher Favorit. Damit müssen sie klarkommen. Der VfL hat eine herausragende Saison gespielt. Deshalb traue ich ihm zu, dass er auch in Essen gewinnt. Aber auch Essen hat es schon geschafft, den Großen ein Bein zu stellen.
Ist Wolfsburg als Tabellenzweiter für Sie die Überraschungsmannschaft der Saison?
Wenn man sieht, mit welchen Spielerinnen sich der Verein vor der Saison verstärkt hat, ist es keine Sensation. Aber die Reihenfolge an der Tabellenspitze ist überraschend. Mein Favorit war der 1. FFC Frankfurt. Leistungsträgerinnen wie Kim Kulig, Nadine Angerer oder Fatmire Bajramaj hatten aber viel Verletzungspech.
Wie sehen Sie die Entwicklung des VfL?
Sehr positiv. Das ganze Umfeld ist sehr professionell. Es herrschen beste Bedingungen. Das zahlt sich aus. Der Verein will nach oben schauen und hat sich entsprechend verstärkt. Das steht alles auf soliden Beinen.
Und die Zuschauer scheinen das zu honorieren. Gegen Frankfurt waren fast 9000 im Stadion. So viele wie noch nie bei einem Bundesliga-Spiel in Deutschland.
Dieser Rekord hat mich auch überrascht. Das ist klasse. Die Spielerinnen waren ja auch sehr beeindruckt. Es herrscht Spannung in der Liga bis zum letzten Spieltag. Der VfL zeigt guten Fußball. Das honorieren die Zuschauer. Früher war Wolfsburg nicht gerade eine Hochburg des Zuschauer-Interesses.
Kann Wolfsburg dauerhaft um den Titel mitspielen?
Auf jeden Fall. Neben Frankfurt ist der VfL mein Top-Favorit im nächsten Jahr. Der Verein hat sich für die neue Saison auf allen wichtigen Positionen hochkarätig verstärkt. Alexandra Popp ist eines der größten Talente im deutschen Fußball, Luisa Wensing ist eine sehr gute Abwehrspielerin und Viola Odebrecht eine starke Regisseurin. Wenn es in diesem Jahr nicht mit dem Titel klappt, dann vielleicht im nächsten.
Und international? Der VfL startet erstmals in der Champions League. Hat er dort Chancen?
Ich behaupte, die Frauenfußball-Bundesliga ist eine der stärksten Ligen der Welt. Wer in Deutschland Erster oder Zweiter wird, zählt zum Kreis derer, die in der Champions League sehr weit kommen können. Potsdam und Frankfurt haben fast auch immer mindestens das Halbfinale erreicht. Ich traue dem VfL mit seinen Verstärkungen einiges zu.
Zurück zur Bundesliga. Ist die Spitze breiter geworden?
Ich bin von der Saison sehr überrascht. Mannschaften aus den unteren Regionen können den Teams von oben ein Bein stellen. Die Spannung ist das Salz in der Suppe. So eine interessante und gute Saison wünsche ich mir auch für das nächste Jahr.
Gibt es dann vielleicht wieder eine Überraschungsmannschaft? Bayern München zum Beispiel hat Frankfurt im Pokalfinale geschlagen.
Ich erwarte die Bayern deutlich weiter oben als in dieser Saison. Ich weiß, dass Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß mit der Managerin Karin Danner Gespräche führen und dort ein gesunder, kontinuierlicher Aufbau stattfindet. Immerhin haben die Frauen den einzigen Titel für den FC Bayern in diesem Jahr geholt.
Wie sehen Sie die Entwicklung des deutschen Frauenfußballs insgesamt knapp ein Jahr nach der Heim-WM?
Wir haben bei den Zuschauerzahlen einen Zuwachs von fast 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das ist eine gute Entwicklung. Allerdings hatten wir auch ein relativ niedriges Ausgangsniveau. Da ist also noch Luft nach oben. Durch die WM haben die Nationalspielerinnen an Bekanntheit gewonnen, und viele Fans wollen ihre Stars hautnah erleben. Auch die Spannung in der Liga wirkt sich positiv aus.
Aber es fehlt doch nach wie vor die Fernsehpräsenz.
Seit dem vergangenen Jahr werden nicht nur die Heimspiele der Frauen-Nationalmannschaft, sondern auch die Auswärtspartien der EM-Qualifikation live in der ARD und im ZDF übertragen. Wir stehen mit der Frauen-Nationalmannschaft, was die Live-Übertragungen im TV angeht, im Vergleich hervorragend da. Bei welcher anderen weiblichen Mannschaftssportart werden so gut wie alle Spiele live im TV übertragen? Auch Berichte über die Bundesliga sind mehr geworden, vor allem in den Regionalprogrammen. Einige Vereine haben es dabei allerdings leichter als andere. Über den 1. FFC Frankfurt wird in Hessen viel berichtet. Duisburg hat es da im Westen erheblich schwerer. Die Konkurrenz mit Schalke, Dortmund oder Mönchengladbach ist groß.
Am 31. Mai spielt die Nationalmannschaft in Bielefeld gegen Rumänien. Was erwarten Sie von dieser Partie gegen den Tabellendritten der EM-Qualifikationsgruppe?
Wenn wir gegen Rumänien gewinnen, ist uns die Qualifikation so gut wie nicht mehr zu nehmen. Das wäre ein sehr guter Abschluss der Saison. Dann können wir uns gedanklich schon auf die Europameisterschaft vorbereiten.
Wie viele VfL-Spielerinnen sind dann dabei?
Ich weiß nicht, welche Spielerinnen die Bundestrainerin im Kopf hat. Das Trainerteam beobachtet Woche für Woche die Spiele der Frauen-Bundesliga. Wer Leistung bringt, bekommt auch eine Chance.
Potsdam oder Wolfsburg
Spitzenreiter Turbine Potsdam (53 Punkte, 55:10 Tore) hat einen Punkt Vorsprung vor dem VfL Wolfsburg (52 Punkte, 61:17 Tore). Am letzten Spieltag am Pfingstmontag (14 Uhr) erwartet Potsdam Schlusslicht Leipzig. Der VfL ist zu Gast beim Fünften Essen-Schönebeck. Mit einem Sieg ist Potsdam zum vierten Mal in Folge Meister. Spielt Potsdam unentschieden, ist der VfL bei einem eigenen Sieg Meister. Verliert Potsdam sein Heimspiel, reicht den Wolfsburgerinnen sogar ein Unentschieden zur Meisterschaft.
Lebensdaten von Doris Fitschen
Geboren: 25.10.1968 in Zeven.
Erfolge als Spielerin: Bronze bei Olympia 2000 in Sydney, Europameisterin 1989, 1991, 1997 und 2001, deutsche Meisterin 1994, 1996 und 1999, DFB-Pokal-Siegerin 1993, 1999 und 2000. Fitschen spielte von 1988 bis 1992 beim VfR Eintracht Wolfsburg.
Beruflicher Werdegang: Nach dem Abitur Ausbildung zur Industriekauffrau und Systemanalytikerin bei VW, abgeschlossenes Studium der Betriebswirtschaft, seit 2009 Managerin der Frauen-Nationalmannschaft.
