Wenn Talent reaktiviert wird
Schießen kann jeder. Aber wirklich ins Schwarze zu treffen, konstant gut, das ist wirklich nicht jedermanns Sache. Dirk Naß kann das. Selbst nach mehr als einem Jahrzehnt Pause. Der 45-Jährige ist eine wichtige Stütze im Pistolen-Bundesligateam der BSG.
Dirk Naß ist nicht nur Braunschweiger, weil er im BSG-Team schießt. Er hat in dieser Stadt mehr als sein halbes Leben verbracht, wohnt aber nun im Landkreis Wolfenbüttel. Trotzdem geht er locker als Braunschweiger durch, genauso wie Teamkollege Marco Hanse, seit Jahren Teammitglied der BSG, aber eigentlich ein Helmstedter. Weitere Stützen der Mannschaft, die am Wochenende die beiden einzigen Heimkämpfe der Saison bestreiten, kommen von weiter her – einer etwa aus Köln. Und der Beste aus der Ukraine: Oleg Omelchuk, der lupenreine Profi unter den Amateur-Sportlern.
Naß hat eine interessante Geschichte hinter sich. 1989 kam er aus dem nordrhein-westfälischen Moers nach Braunschweig, um zu studieren. Schon in der Heimat gehörte der Pistolenschütze dem Landeskader an. Und auch in Niedersachsen schaffte er diesen Sprung nach seiner Anmeldung bei der BSG 1991 in Windeseile.
So war Naß natürlich ein sicherer Kandidat, als die BSG vor 15 Jahren zu den Bundesliga-Gründungsmitgliedern zählte. Drei Jahre lang schoss er da mit, "bis ich mich entschlossen habe, meine ganze Aufmerksamkeit dem Studienabschluss zu widmen". Dann folgte der fließende Übergang in den Beruf als Architekt. Die Begeisterung für das Schießen hat Naß zwar nie verloren, aber geschossen hat er seit dieser Zeit nur selten – bis vor zwei Jahren.
"Die alte Leidenschaft, aber auch die Änderung des Waffengesetzes, haben mich wieder an den Schießstand geführt", erzählt Naß, der auch damit überrascht, dass er in seinem Beruf bei VW arbeitet.
Vereinfacht ausgedrückt verlangten die neuen Statuten Folgendes: Entweder Sportschützen nehmen an Wettkämpfen teil oder sie verlieren das Recht, Waffen zu besitzen. "Das wäre ein Schlussstrich gewesen, den ich auf keinem Fall wollte."
Nach einem Jahr in der Landesliga-Mannschaft kam er im Vorjahr in die völlig neuformierte Bundesliga-Truppe der BSG. Und schoss recht wechselhafte Ergebnisse. Doch diese Saison ist auf Naß hundertprozentig Verlass. Mit einem Schnitt von 376 Ringen nach drei Wettkämpfen gilt er als Kandidat für Punktgewinne. "Und das, obwohl ich zeitlich kaum mehr als zweimal die Woche trainieren kann." Talent vergeht eben nicht, nicht in diesem Sport.
