"Als ob nur einer atmet"
Der Kür-Vortrag der Braunschweiger entfachte nach dem Finaldurchgang ein emotionales Lauffeuer
BRAUNSCHWEIG. Der Schluss-Akkord war ertönt. Normalerweise verharren die Paare nun noch ein paar Sekunden in der letzten Pose, um den Applaus des Publikums entgegenzunehmen. Doch diesmal war nichts normal. Ein Braunschweiger Tänzer ballte plötzlich die Hand und reckte die Faust in die Höhe. Ein Nebenmann tat es ihm gleich. Die Tänzerinnen vergaßen völlig, dass sie aus der Puste waren, schrien und kreischten so laut sie konnten. Erst eine, dann die zweite und dann alle.
Das Publikum applaudierte nicht wie üblich, ließ seiner Begeisterung freien Lauf. Laut, sehr laut. Immer mehr Menschen hielt es nicht mehr auf den Stühlen und Sitzen, stehend bejubelten die Zuschauer ihre Lieblinge, die soeben Großartiges geleistet hatten.
Es benötigte gar keiner Wertung der Juroren, die ohnehin erst viel später im Programm stand. Die einhellige Reaktion besagte: Ihr habt unsere hohen Erwartungen noch übertroffen. Ihr habt euch in unsere Herzen getanzt, ob ihr nun Weltmeister werdet oder nicht. Und es kam, wie es kommen musste: Wertungsrichter sind ja auch nur Zuschauer. Na ja, vielleicht bis auf den russischen.
Aber auch dieser Frau darf man nichts Falsches unterstellen, denn wenigstens sah sie statt den Braunschweigern das absolut zweitbeste Team an erster Stelle. Das kann passieren. Bestimmt zufällig kommt diese Mannschaft auch aus Russland. Dafür erhielt der BTSC eine Eins aus Polen, aus dem Land des Titelverteidigers. Da muss man schon richtig gut sein, um das zu schaffen.
Seit einem Viertel-Jahrhundert wird in Braunschweig in einem lupenreinen Amateursport professionell am Erfolg gearbeitet. Und immer wieder gelangen ähnlich große Erfolge wie am Samstag. Aber nur ganz selten hat es Cheftrainer Rüdiger Knaack geschafft, seine Mannschaft mit einer nagelneuen Choreographie so perfekt auftreten zu lassen.
Nach dieser WM und vor allem nach den Leistungen der Braunschweiger im Finale wird es sehr schwer werden für die Protagonisten, in der zweiten Saison mit der Kür "Immortality" noch einen draufzusetzen. Es passte einfach alles – das tänzerische Vermögen, die konturenscharfen Bilder, die von der Formation auf die Fläche getanzt wurden, der Ausdruck mit dem sichtbaren absoluten Siegeswillen. Solche Tage muss man einfach genießen. Solche Tage gibt es nicht oft.
"So ein schönes Gefühl werde ich wohl nie wieder haben in meinem Leben", sagte Teamkapitänin Larissa-Natalie Bieritz. Die 28-Jährige hat ewig lang anmutende fünf Jahre warten müssen, ehe sie nun ihren ersten WM-Titel gewann. Und vom nächsten Jahr an wird sie im Sport wohl kürzer treten müssen. "Ich will meine Doktorarbeit machen", erzählt sie. Viel lieber als in die Zukunft dachte Larissa aber an diesem Abend an die allerjüngste Vergangenheit. "Das war so unglaublich. Alles wie aus einem Guss. Das fühlte sich auf der Fläche so an, als ob einer atmet und nicht 16 Leute für sich. Unbeschreiblich."
Diese Einheit war zu spüren, zu sehen, und deshalb sprangen auch so viele Funken zum Publikum über und ließen die Begeisterung minutenlang brennen. "Ich habe schon einiges erlebt, auch hier in dieser Halle. Aber das war heute absolut außergewöhnlich, einmalig, einfach geil", entfuhr es Knaack.
"Das ist der glatte Wahnsinn, wenn man da unten steht und alle Menschen erheben sich von ihren Plätzen. Und du weißt: Nur wegen dir, nur wegen deiner Mannschaft. Das ist ein Gefühl, da mag kommen, was will, das kann einem keiner mehr nehmen."
"Immortality", Unsterblichkeit. Nicht nur für die Vereinsgeschichte des BTSC hat diese Kür mit diesen Sportlern Samstagnacht ihrem Namen alle Ehre gemacht. Und da blieben nicht viele Augen trocken.


