Wie ein Niemand zum Helden wird
Marcus Rodemann, der dritte Spielmacher der Braunschweig Lions, gibt die entscheidenden Impulse zum Sieg
BRAUNSCHWEIG. Mit dem dritten Spielmacher, dem Quarterback, ist es beim Football ungefähr so wie mit dem dritten Torwart beim Fußball. Er ist immer da, aber er spielt nie. Manchmal jahrelang nicht. Und dann geht er wieder. Was eher eine Fußnote als eine Schlagzeile wäre, denn, dass er überhaupt da war, hat eh kaum jemand bemerkt.
Marcus Rodemann, 19 Jahre alt und aus der eigenen Jugend zu Saisonbeginn in den Bundesliga-Kader gewechselt, ist dritter Quarterback bei den Lions. Doch wen interessiert das?
Seit Samstag alle Fans der Braunschweiger! Denn Rodemann spielte die halbe Partie gegen die Berlin Rebels. Er musste gegen die Rebels spielen. Und er wurde tatsächlich zum Matchwinner beim 23:3-Erfolg der Lions.
So werden Helden geboren.
Das Spiel stand auf der Kippe. 3:3 lautete der Zwischenstand Ende des zweiten Viertels. Beide Teams wühlten und quälten sich bei sengender Hitze auf dem Platz Meter für Meter vor und zurück. "Das ist ja langweilig", sagte später in der Pause eine junge Frau. Und so schweiften viele Augenpaare während des Spiels auf das Randgeschehen. Das lohnte sich. Da passierte was.
Während sich die Defense der Lions auf dem Feld behauptete, saß Stamm-Quarterback Dennis Zimmermann zusammengekauert am Rande der Braunschweiger Teamzone allein auf einer Bank. Ungewöhnlich. Und immer wieder kamen Mitspieler bei ihm vorbei, tätschelten ihn aufmunternd und gingen wieder.
Zehn Meter daneben, inmitten der Teamzone, bildete sich ein Spieler-Knäul. Mittendrin die Nummer 7. Alle schienen auf ihn einzureden. Doch wer ist das, die Nummer 7? "Rodemann, Quarterback", verriet das Stadionheft. "Kenne ich nicht", raunte ein Zuschauer kopfschüttelnd.
Inzwischen hatte die Lions-Abwehr ihren Job erledigt, das Ballbesitzrecht zurückgeholt, der Braunschweiger Angriff lief aufs Feld. Und es wurde zur Gewissheit: Zimmermann blieb sitzen, Rodemann spielte. Und wie! Gleich mit seiner ersten Ballberührung warf er einen fast perfekten Pass, 38 Meter weit. Das war rotzfrech, hatte aber Klasse. Nur ein nicht geahndetes Foul an dem Ballfänger verhinderte, dass das bis dahin Spektakulärste auch belohnt wurde. Pause.
"Dennis stand kurz vor einem Kreislauf-Kollaps", erklärte Co-Trainer Harald Völkel, der für die Quarterbacks zuständig ist, knapp. Und Reservemann Fabian Schorn stand an diesem Tag wegen einer Familienangelegenheit gar nicht zur Verfügung. "Wenn es blöd läuft, dann ganz blöd", sagte Völkel. Ein Satz, den die Lions diese Saison aus verschiedenen Gründen schon mehrfach bemühen mussten.
Drittes Spielviertel: Zwei Superwürfe von Rodemann fanden diesmal ihre Ziele. Und diese riesigen Raumgewinne nutzten die Lions jeweils kurz darauf zu Touchdowns, zu Punkten, die sie am Ende als klare Sieger dastehen ließen.
"Ich habe versucht, ganz ruhig zu bleiben, obwohl alle auf mich eingeredet haben. Und das ist mir wohl ganz gut gelungen", sagte der Held hinterher. Er wirkt mit keiner Silbe arrogant, aber so selbstbewusst, dass es einem die Sprache verschlagen konnte. "Ich bin da rausgegangen und habe einfach Football gespielt", erklärte Rodemann und gab zu bedenken: "Ich hatte doch nichts zu verlieren." Hatte er wirklich nicht. Nicht als dritter Spielmacher.
