Traum von der Kicker-Karriere platzt

Beim Probetraining der Lions versucht sich unser Mitarbeiter als Spezialist für das ruhende Ei

Durchgezogen. Henning Thobaben schießt den Football, den der hockende Steffen Dölger fixiert hat.    

Foto: Sierigk

Durchgezogen. Henning Thobaben schießt den Football, den der hockende Steffen Dölger fixiert hat.     Foto: Sierigk

Die Stollenschuhe sind verstaubt. Sie haben schon bessere Tage gesehen. Egal, denke ich. Für ein paar Tritte werden sie reichen. Und kommt es nicht auch vorrangig auf die Kraft in den Beinen an?

Reichlich gefrühstückt habe ich. Mir sogar zwei Eier einverleibt, damit das große aus Hartplastik weit fliegt. "Warte nur ab! Wenn ich zurück bin, halte ich vielleicht einen Vertrag in den Händen", sage ich scherzhaft zu meiner Freundin, als ich mich verabschiede.

Noch mehr als eine halbe Stunde bis zum Beginn des Probetrainings der Braunschweig Lions. Die Football-Cracks suchen einen Kicker für die neue Bundesliga-Saison. Jeder, der sich traut, kann heute vorspielen und vielleicht eine Karriere starten. Warum also nicht auch ich?

Ich steige aufs Rad – Schock! Der Hinterreifen ist platt. Es soll wohl nicht sein mit der großen Karriere. So schnell aber gebe ich nicht auf. Treppe wieder rauf, Autoschlüssel der Freundin geborgt, zum entfernt parkenden Wagen gehetzt. Drei Ampeln bei Gelb passiert, bevor ich am Sportplatz Rote Wiese ankomme. Noch zehn Minuten. Bei den Lions-Verantwortlichen fülle ich den Anmeldebogen aus. Gewicht? Statt wie sonst abzurunden, schlage ich zwei Kilo drauf. Macht sich bestimmt besser. Durchatmen.

Nach dem Einlaufen und Dehnen wird es ernst

Nach dem Schuhwechsel geht’s los. Lions-Chefcoach Javier Cook begrüßt mich und die anderen zwölf Teilnehmer. Erklärt noch mal, worum es geht. Es nieselt, und es ist kalt. Ausführliches Warmmachen folgt. Zwei Runden traben wir um den Platz. Später noch Dehnübungen.

Danach wird es ernst. Der bald ausscheidende Lions-Kicker Steffen Dölger beschreibt uns die Technik. Jetzt sind wir dran – Zeit für den ersten Probekick. Ich lasse anderen den Vorrang. Erstmal sehen, was die so können. Und staune. Manch einer drischt die Pille richtig weit. Ein anderer rutscht mit dem Standbein auf dem glitschigen Rasen aus und landet auf dem Rücken. Okay, das passiert mir nicht, sage ich mir. Zumal unser Fotograf schräg vor dem Ball auf seinen Schnappschuss lauert. Etwas vorsichtiger trete ich zu – heraus kommt ein kümmerliches Schüsschen.

Das muss besser werden. Als nächstes üben wir Kick-Offs. Dazu wird der Ball auf dem roten Kicking-Tee platziert. Diesmal läuft es besser für mich. Allerdings treffe ich den Ball leicht seitlich, so dass er nach links abdriftet. Dölger zeigt mir erneut die genaue Haltung. "Das Schussbein richtig nach oben schwingen, wie ein Torwart beim Fußball", rät er mir. Okay. Ich habe schließlich 13 Jahre Fußball gespielt – und war Torwart. Jetzt muss es einfach klappen. Jeder soll einige Versuche am Stück machen. Von beiden Seiten wird hin und her geschossen. Ich beobachte wieder erst die anderen – ein Fehler. Zwar scheinen bei meinem dritten Versuch aller guten Dinge drei zu sein – gerade, hoch und einigermaßen weit. Doch nun packt mich der Ehrgeiz. Ich lege alle Kraft in meinen vierten Kick – und spüre beim Zutreten ein plötzliches, schmerzhaftes Ziehen im Oberschenkel. Die Muskulatur war zu kalt geworden.

Ich merke sofort: Nichts geht mehr. Aus, vorbei. Ich muss mich abmelden. "Wenn du Lust hast, kannst du später jederzeit mal bei unserer zweiten Mannschaft vorspielen", tröstet mich Dölger. Aber ich habe vorerst die Nase voll. Humpele über den Platz, um mir den Rest anzuschauen. Die anderen schießen aus 20 Yards Entfernung aufs Tor. Fast jeder trifft. Es wird auf 40 Yards erhöht. Jetzt trifft kaum noch einer.

Viele Bälle verhungern. "Wer das von der Kraft her nicht annähernd schafft, erfüllt unsere Anforderungen nicht", sagt Lions-Sportdirektor Dirk Miehe. Ich denke: Spätestens jetzt hätte es mich erwischt. Aber immerhin: Drei Teilnehmer kommen in die engere Wahl. Mit ihnen wird in den nächsten Tagen weiter trainiert.

"Ist nun ein Traum zerplatzt?", fragt mich Pressesprecher René Stammer, als ich Tschüss sage. Ich antworte: "Nein, nein", und denke: Mit 31 Jahren sollte ich mich besser auf Schwimmen und Rad fahren beschränken. Ach ja. Erstmal den Platten reparieren. Es war einfach nicht mein Tag.

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