Phil Hickey: Ich bin jemand, der Teams rettet

Seinen Spielern wieder den Spaß am Football zu vermitteln, sieht Phil Hickey (Mitte) als seine vordringliche Aufgabe an. Bei Douglas Fryer (links) hat der neue Lions-Cheftrainer offensichtlich schon Erfolg gehabt.

Foto: Peter Sierigk

Seinen Spielern wieder den Spaß am Football zu vermitteln, sieht Phil Hickey (Mitte) als seine vordringliche Aufgabe an. Bei Douglas Fryer (links) hat der neue Lions-Cheftrainer offensichtlich schon Erfolg gehabt. Foto: Peter Sierigk

Zur Begrüßung sagt er „Servus“ und auch sonst bemüht Phil Hickey nach 20 Jahren in Deutschland nur noch ab und zu seinen englischen Wortschatz. Der 47 Jahre alte Amerikaner ist am Dienstag von den Lions-Footballern als neuer Trainer begeistert in Braunschweig empfangen worden. Seine erste Amtshandlung als Sportdirektor: Er holte US-Runningback Austin Scott zurück. Mit Redakteurin Ute Berndt sprach er über seine Ziele mit den Lions.

Sie wollten näher bei Ihren in Berlin lebenden Kindern sein. Aber warum sind Sie mitten in der Saison nach Braunschweig gewechselt?

Ich wollte nicht unbedingt weg aus München. Aber mit den Braunschweigern hatte ich schon im Herbst über den Trainerjob geredet und im Winter über den Geschäftsführer-Posten. Als dann letzte Woche beide Positionen frei waren, musste ich einfach zugreifen.

Andere sind schon mit einer Aufgabe ausgelastet. Sie sollen als Sportdirektor, Geschäftsführer, Cheftrainer und Offensiv-Koordinator vier Jobs übernehmen. Können Sie das?

Es ist wirklich die Herausforderung. Aber ich habe ja viel Erfahrung in der Organisation, als Sportdirektor und Eventmanager, so dass ich mir das zutraue. Als Operations Director bei Berlin Thunder in der NFL Europe habe ich mit einem 1,3-Millionen-Budget gearbeitet. Die Trainertätigkeit ist meine Leidenschaft, ich kenne die Szene genau, denn ich bin ja schon so lange in Deutschland.

Warum eigentlich? Der American Football fristet in Deutschland doch ein Mauerblümchendasein.

Ja leider, da haben wir noch viel zu tun. Aber ich mag einfach den Lebensstil in Europa sehr, die geringe Kriminalitätsrate. Auch wenn mir als Kalifornier das Wetter nicht so gefällt. Ich habe mich gleich wohl gefühlt, als ich 1988 rübergekommen bin, erst nach Holland, wo die Leute das Leben genießen, und dann nach München. Ich bin einfach geblieben, und ich hatte Spaß, auch weil ich mich immer mit Football beschäftigen konnte.

Warum ist Braunschweig für Sie attraktiv? Die glorreichen Zeiten mit Meisterschaften in Serie sind vorbei.

Es ist die Herausforderung. Ich bin jemand, der Teams aus schwierigen Situationen rettet. Das habe ich auch in München getan, wo viele Spieler weggegangen sind und negative Dinge im Verein passiert waren. Ich bin ein positiver Mensch, der glaubt, wenn die Spieler Spaß haben und etwas lernen können, leisten sie auch etwas. Ich bin überzeugt, dass wir die Dinge schnell umdrehen können in Braunschweig. Es gibt viel Talent hier, und die Mannschaft ist besser als sie zuletzt gespielt hat.

Krempeln Sie alles um bei den Lions oder gibt es nur leichte Korrekturen?

Ursprünglich wollte ich das alte System der Mannschaft lernen und erstmal nur meine Terminologie einführen. Aber ich habe gemerkt, dass einige Spieler nicht viel über ihre Aufgaben wussten. Da habe ich gesagt, okay, wenn die sowieso noch lernen, installieren wir kurzfristig mein System, denn das ist einfach zu verstehen. Und ich denke, wir haben schon genügend gelernt, um in Kiel bestehen zu können. Im Vordergrund steht erstmal, dass wir Kampfgeist im Team etablieren, dass die Spieler den Wettkampfhunger entwickeln und dass sie Spaß haben. Der hat, glaube ich, zuletzt gefehlt.

Offensichtlich auch Spielmacher Dennis Zimmermann, der sich freiwillig zurückgezogen hat. Sie kennen ihn schon mehr als zehn Jahre, haben ihn in ein US-High-School-Programm vermittelt. Rechnen Sie mit ihm, bauen Sie ihn wieder auf?

Klar, das habe ich vor. Dennis ist der beste deutsche Quarterback, keine Frage! Ich kann seine Situation nachvollziehen. Wenn es gut läuft, sind die Quarterbacks die Helden, läuft es schlecht, sind sie die Buhmänner. Dennis muss wieder seinen Spaß finden, für ihn ist es eine Art Neuanfang. Und ich denke, dass ich ihm mit meiner Erfahrung als Quarterback und als Quarterback-Coach dabei helfen kann.
Nach unserem ersten Training hat er mir geschrieben, dass er erstmals seit langem wieder Spaß hatte. Das ist ein gutes Zeichen. Wenn Dennis die Mannschaft wieder übernimmt und Mike Friese physisch aufgeholt hat, sind wir in guten Händen. Die beiden werden uns zu Siegen führen.

Was können die Fans erwarten? In den Spielen gegen Spitzenreiter Kiel sind die Lions krasser Außenseiter. Glauben Sie noch an die Play-offs?

Ja natürlich. Wenn wir richtig kämpfen, können wir das schaffen. Von den Kiel-Spielen darf man nicht zu viel erwarten. Wenn wir die schlagen können, dann nächste Woche zu Hause. In Kiel konzentrieren wir uns auf unser Spiel und sammeln Informationen, die wir dann im Heimspiel anwenden.
Sieg oder Niederlage sind mir im Moment völlig wurscht, ich will Kampfgeist und Zusammenhalt sehen und dass Angriff und Verteidigung sich nicht länger als getrennte Mannschaften betrachten, sondern zusammenwachsen. Wenn wir danach Berlin, Dresden, Düsseldorf und Stuttgart schlagen, gehe ich davon aus, dass wir in den Play-offs stehen.

Welchen Spieler zaubern sie noch als Verstärkung aus dem Ärmel?

Wir haben Austin Scott zurück nach Braunschweig geholt, er kann in Kiel schon spielen. Positiv ist, dass er sich bei uns aus der Vorsaison schon auskennt und schnell integriert werden kann. Dann haben wir mit ihm und Jabari Johnson zwei starke Amis als Runningbacks auf dem Feld – das wird schon einen Unterschied machen.

+++Kiel Baltic Hurricanes – Lions BS, Samstag, 18 Uhr, Holstein Stadion.

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