Neururer zu Eintracht: „Ein Aufstieg kommt nie zu früh“
Braunschweig Der erfahrene Trainer Peter Neururer spricht über den Höhenflug der Braunschweiger Eintracht, seine Verbindung zu Marc Arnold und das Spiel gegen seinen Ex-Klub VfL Bochum
Er ist einer der erfahrensten Trainer im deutschen Profi-Fußball. Bei weit mehr als 500 Erst- und Zweitliga-Spielen saß Peter Neururer auf der Bank. Seit drei Jahren ist er nun allerdings schon ohne Verein, stattdessen arbeitet er als Zweitliga-Experte beim TV-Sender Sport1. Von einem Herzinfarkt, den er Anfang Juni beim Golfspielen erlitten hatte, hat er sich längst erholt. „Mir geht es wieder wunderbar“, verriet der 57-Jährige im Gespräch mit Sportredakteur Christian Schiebold.
Herr Neururer, vorausgesetzt, Sie müssten 100 Euro auf einen Erstliga-Aufsteiger setzen – auf wen würden Sie das Geld nach dem ersten Saisonviertel setzen?
Natürlich auf den Tabellenführer, auf wen den sonst? (lacht) Wobei: Top-Favorit ist Eintracht für mich immer noch nicht. Ich hatte von Beginn an Kaiserslautern und Hertha BSC Berlin auf dem Zettel, daran hat sich auch nichts geändert. Ich habe allerdings immer gesagt, dass eine dritte Mannschaft in die Phalanx der vermeintlich Großen eindringen wird. Eigentlich hatte ich auch den VfL Bochum auf der Rechnung, der ist aber aus der Verlosung schon rausgefallen. Und auch Köln und Pauli schwächeln derzeit in einer eklatanten Art und Weise. Von daher ist dieses N.N., von dem ich immer gesprochen habe, derzeit Eintracht Braunschweig.
Es gibt Skeptiker, die sagen, der Aufstieg käme diese Saison für den Klub zu früh...
Das ist doch Quatsch, ein Aufstieg kommt nie zu früh; die Frage ist immer nur, was man daraus macht. Vielleicht ist der Klassenerhalt in der 1. Liga mit dieser Mannschaft noch nicht machbar. Aber ich traue den Verantwortlichen zu, den Schub mitzunehmen und nach einem möglichen Abstieg den sofortigen Wiederaufstieg zu schaffen – und den Klub dann auf Dauer in der 1. Liga zu etablieren. Aber das ist natürlich noch Träumerei.
Eintracht-Trainer Torsten Lieberknecht hat nach dem Unentschieden in Kaiserslautern vorgerechnet, wie groß der Vorsprung auf die Abstiegsplätze nun schon ist. Ist das nicht ein wenig zu viel Understatement?
Das wird von meinen jüngeren Kollegen natürlich immer gerne gesagt – so ganz ernst nehmen sollte man das nicht. Das ist aber auch eine Art Schutzmechanismus für den Fall, dass irgendwann mal zwei, drei Niederlagen in Folge kommen.
Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb Eintracht derzeit so stark ist?
Der Name ist Programm. Die Mannschaft ist auf dem Feld eine echte Eintracht. Es gibt in der 2. Liga zig Mannschaften, die bessere Einzelspieler haben; aber kaum eine, die so geschlossen auftritt wie Braunschweig. Es wäre nicht gerecht, irgendjemanden hervorzuheben.
Gibt es denn auch Schwächen?
So lange sie ihre Zielsetzung, die sie nach außen hin verkaufen, nicht ändern, sehe ich keine Schwäche. Wenn die Verantwortlichen jetzt plötzlich sagen würden, dass der Aufstieg ein Muss ist, dann würde ich sagen, dass der Kader dafür zu knapp bemessen ist. Da habe ich nur 12, 13 Mann, die den Ansprüchen eines möglichen Aufstiegs genügen. Doch wie gesagt: Wenn die Eintracht in diesem Jahr Fünfter, Sechster oder Siebter wird, darf im Umfeld niemand enttäuscht sein. Dann hätte die Mannschaft immer noch Riesiges geleistet.
Bei Torsten Lieberknecht haben im Sommer auch andere, teils finanzkräftigere Klubs angeklopft. Hat er sich da nicht eine möglicherweise einmalige Chance entgehen lassen?
Wenn man die Möglichkeit hat, mit diesem Umfeld in Braunschweig, mit diesen langjährigen Weggefährten die Bundesliga zu erreichen, dann ist das doch das Größte für einen Trainer. Da könnte mir persönlich kein Angebot dieser Welt kommen, um das aufzugeben.
Zwei Ihrer Ex-Klubs, Duisburg und Bochum, kommen momentan auf keinen grünen Zweig. Überrascht?
Das wundert mich eigentlich nicht. Wenn so ein Typ wie Neururer geht, wird es immer gefährlich für den Klub. Mein Verhältnis zu Spielern und Fans war schließlich immer optimal.
Das alleine erklärt aber doch nicht, weshalb der MSV derzeit Schlusslicht ist. Zumal das doch keine No-Name-Truppe ist.
Nein, das ist sie wahrlich nicht, aber das ist eine wild zusammengewürfelte Mannschaft, die nichts gemeinsam aufgebaut hat. Da darf man sich nicht wundern. Zumal ein Großteil der Spieler bereits am Ende ihrer Karriere ist. Da ist keine Identität mehr vorhanden, die man braucht, um erfolgreich zu sein.
Heute gastiert mit Bochum einer Ihrer Ex-Klubs in Braunschweig. Eine Pflichtaufgabe für Eintracht, oder?
Nee, nee, nee. Vom Tabellenbild her schon, aber nicht vom Herzen. Bei dem Klub bin ich nicht objektiv. Gegen den VfL kann ich nicht auf einen Sieg für Eintracht tippen, bei aller Sympathie zu Marc Arnold.
Woher kommt diese Sympathie?
Als ich Trainer beim LR Ahlen war, habe ich ganz hervorragend mit ihm zusammengearbeitet, er war ein Spieler mit Organisationstalent und viel, viel Weitblick. Später hat er auch noch mal bei mir in Bochum mittrainiert. Deshalb habe ich seine Arbeit immer speziell verfolgt. Die war schon bei Hessen Kassel außergewöhnlich gut und wird sicherlich nicht bei Eintracht Braunschweig enden – zumindest nicht in der 2. Liga.



